14. Februar 2019

Paul Ziemiaks Kritik an „Klimaaktivistin“ Greta Thunberg Angst hat recht?

Gefühl gegen Vernunft

von Felix Honekamp

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Bildquelle: livoeian / Shutterstock.com Medien und Politiker hängen an ihren Lippen: Greta Thunberg

Früher befiel mich angesichts einiger moderner Entwicklungen – Arbeitsteilung, Technologiefortschritte, Künstliche Intelligenz und so weiter – die Befürchtung, dass unsere Welt doch zu sehr von Fakten geleitet sein könnte. Was Fakten nicht belegen, kann nicht richtig sein oder, schlimmer: Wofür es keinen faktischen Beweis gibt, das gibt es gar nicht. Das war damals schon nicht – und ist es heute noch weniger – ein Plädoyer für Irrationalität, aber doch ein Hinweis, dass die reine Rationalität, philosophisch wohl direkt im Rationalismus und Objektivismus dargelegt, einfach zu kurz greift.

Gefühl gegen Vernunft

Wer also Gefühle nicht mindestens ins Kalkül zieht, der kommt zu falschen Schlüssen und versteht einen Großteil der Welt nicht mehr. Die Sorge, dass an politisch entscheidenden Stellen die Rechnung ohne Gefühle gemacht wird, Emotionen als irrelevant gebrandmarkt werden, kommt immer dann hoch, wenn beispielsweise die politische Leiter von einem Apparatschik und Kopfmenschen erklommen wird. Wladimir Putin ist so einer, bei dem es mir immer wieder mal kalt den Rücken runter läuft, selbst dann, wenn er sich für den Erhalt der Orthodoxie in seinem Land einsetzt. Vielleicht tue ich ihm unrecht, aber ich nehme ihm einfach nicht ab, dass hinter seiner Rettung des Christentums mehr steckt als Machtpolitik.

Die Gefahr eines Rationalismus und Objektivismus ist also durchaus real… aber ich komme immer mehr zu dem Schluss, dass akut ein ganz anderes Risiko droht (wenn es nicht schon eingetreten ist): Das Gefühl ersetzt die Ratio! Nicht mehr Glaube und Vernunft stehen in einem Wettstreit (ein Gedanke, den hoffentlich spätestens Papst Benedikt XVI. beerdigt hat), sondern Gefühl und Vernunft.

Greta hat Angst

Erschreckendes Beispiel dieser Tage: Greta Thunberg, 16-jährige „Klimaaktivistin“ aus Schweden, an deren Lippen derzeit Politiker aller Länder hängen. Greta hat Angst. Sie fürchtet sich vor den noch unbekannten Folgen eines Klimawandels, dessen anthropologische Wirkungszusammenhänge alles andere als erforscht sind. Greta fürchtet kommende globale Hungersnöte, Wetterkatastrophen, die unsere Zivilisation bedrohen, Folgewirkungen wie Seuchen und den damit einhergehenden Niedergang der gesellschaftlichen Ordnung. Warum hat Greta Angst? Weil man ihr beigebracht hat, dass diese ganzen Katastrophenszenarien eintreten werden, wenn nicht bald etwas (!) geschieht.

Nun zeichnen sich die Jünger eines „menschengemachten“ Klimas vor allem dadurch aus, dass sie jedes extreme Wetterphänomen mit ihrem Modell des Klimawandels erklären können – genauso wie dessen Gegenteil. Hitze, Kälte, Trockenheit, Überschwemmungen, Stürme und allzu stabile Wetterlagen? Alles eine Folge der jetzt schon absehbaren Klimakatastrophe. Das hat mit Wissenschaft überhaupt nichts mehr zu tun und schadet sogar einem christlich geprägten Sinn für den Erhalt der Schöpfung, weil jeder menschliche Eingriff als im Grunde böse abgelehnt wird. Trotzdem ist es das vorherrschende Narrativ… und kein Wunder, dass Jugendliche wie Greta Angst haben.

Ein Meisterstück der Linken

Bei ihr geht – so berichten Medien einstimmig – diese Angst so weit, dass sie ein Krankheitsbild, das Asperger-Syndrom, entwickelt hat. Diese dem Autismus verwandte Störung zeigt sich in der Regel in Ticks oder auch einer gering ausgeprägten Emotionalität. Die stoische Mimik Gretas könnte dafür ein Symptom sein. Der Schluss: Greta ist die Jugend, Greta und die Jugend haben Angst, und diese Angst macht krank. Das allerdings macht sie zu einem Glücksfall für alle diejenigen, die sie so gerne instrumentalisieren wollen: Greta ist die derzeit beste anzunehmende Märtyrerin der Klimareligion. Argumente werden unnötig, ja sie wirken sogar kaltherzig. Wenn ein 16-jähriges, traurig dreinschauendes Mädchen Angst hat, dann hat sie recht!

Greta ist – das kann man nicht ihr vorwerfen, aber all jenen, die sie nicht schützen – so etwas wie ein „Meisterstück“ der weltweiten politischen Linken. Sie ist unangreifbar: Setzt man sich kritisch mit ihren Thesen auseinander, heißt es, man hetze gegen sie, weshalb man solchen Kritikern den darauf nicht selten folgenden „Shitstorm“ auch gerne gönnt.

Paul Ziemiak

Gerade hat es Paul Ziemiak getroffen, seit Dezember Generalsekretär der CDU (manche meinen, den Job hätte er sich gegen Stimmabgabe für Annegret Kramp-Karrenbauer erworben, was naturgemäß nicht beweisbar ist; ich schreibe das auch nur, damit nicht der Eindruck entsteht, ich hätte besondere Sympathien für ihn) und vorher Chef der Jungen Union.

Der, so heißt es zum Beispiel in der „Welt“, habe über Greta gespottet. Tatsächlich hat er getwittert: „Greta Thunberg findet deutschen Kohlekompromiss ‚absurd‘ – Oh, Mann… kein Wort von Arbeitsplätzen, Versorgungssicherheit, Bezahlbarkeit. Nur pure Ideologie.“ (Darauf folgt die Abbildung eines sich die Augen mit den Händen zuhaltenden Affens.) „Arme Greta!“

Spott?

Interessanterweise, das aber nur als Nebenbemerkung, bezeichnet die Zeitung diesen Text als „Spott“ und meint das offenbar negativ. Anschließend berichtet sie direkt: „Dafür erntete Ziemiak Hohn und Spott. Innerhalb weniger Stunden hatte sein Eintrag mehr als 1.500 Kommentare.“

Diesen Spott, das steht da nicht, ist aber leicht zu interpretieren, hat sich Ziemiak verdient, wenn er die kleine, ängstliche Greta angreift.

Argumente?

Viel wichtiger aber sind die Argumente, die ihm entgegengehalten werden. Wiederum berichtet die „Welt“: „Die Grünen-Politikerin Renate Künast warf ihm vor, gefühlskalt und unchristlich zu sein. Die Linken-Bundestagsabgeordnete Kathrin Vogler kommentierte: ‚Wie klein muss eigentlich Ihr Selbstbewusstsein sein, dass Sie sich als CDU-Generalsekretär an einer 16-Jährigen aus Schweden abarbeiten müssen?‘ Der Aachener Grünen-Politiker Alexander Tietz-Latza schrieb: ‚Eine 16-Jährige mit Vision und Weitblick gebasht von einem Generalsekretär mit Realitätsverweigerung.‘“

Sehen Sie die Argumentationslinie gegen die Einwände von Ziemiak? Nein? Ich auch nicht. Ziemiak sieht recht klar: Greta hat Angst – was allerdings auch bedeutet, dass mit ihr Angst verbreitet wird. Ziemiak ist bislang nicht als sogenannter „Klimaleugner“ aufgefallen, weist aber darauf hin, dass das Problem systemisch angegangen werden muss, man nicht einfach Kohlekraftwerke (um deren Bestand bis 2038 ging es hier) stilllegen kann, ohne auch über „Arbeitsplätze, Versorgungssicherheit und Bezahlbarkeit“ zu sprechen. Wer das verweigert, verbreitet eine Ideologie. Dass Greta Thunberg damit instrumentalisiert wird – geschenkt. Das sieht auch Ziemiak und bringt es mit den Worten „Arme Greta“ zum Ausdruck.

Gefühlskälte als Argument

Man kann Paul Ziemiak nun vorwerfen, er habe sich nicht klar genug ausgedrückt (immer eine Gefahr bei Twitter), man kann ihm auch vorwerfen, sein Tweet greife auch zu kurz (was ich anders sehe). Ihm aber wird Gefühlskälte und Unchristlichkeit vorgeworfen… und ich frage mich immer noch, aus welchem der wenigen Worte Künast das herausdestilliert hat? Ihm wird vorgeworfen, sich argumentativ gegen ein Mädchen zu wenden (das immerhin auf den politischen Hauptbühnen dieser Welt zwischenzeitlich gut vertreten ist), was sich für einen Erwachsenen offenbar sowieso verbiete.

Greta Thunberg ist jung. Und sie hat Angst. Man hat ihr Angst gemacht. Und diese Angst hat sie krank gemacht. Sie ist in gewisser Weise ein armes, krankes Mädchen – jeder Diktator dieser Welt weiß, dass er, wenn er ein solches Kind in den Arm nimmt, mit Zustimmung rechnen kann. Nur: Weder ihr Alter noch ihre Angst noch ihre Krankheit sind ein Argument für einen überstürzten Kohleausstieg. Wer Ziemiak dafür angreift, bestätigt seine Einschätzung, dass es sich um nichts anderes als Ideologie handelt.

Umfassende Absage an Vernunft

Was mich allerdings fast noch mehr bestürzt als die Chuzpe einer Renate Künast oder einer Kathrin Vogler, ist, wie eilfertig Medien und Gesellschaft deren Urteil einfach annehmen. Das Kind hat Angst, also hat es recht. Vor so etwas, vor so einer vollständigen und totalen Absage an Vernunft und sachliche Argumentation, getragen durch fast alle gesellschaftlich relevanten Kreise… vor so etwas habe ich Angst. Aber ich bin wahrscheinlich schon zu alt, als dass man das noch als Argument gelten lassen kann.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem „Papsttreuen Blog“.


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