13. Februar 2019

Neue Chefredakteurin der österreichischen Tageszeitung „Kurier“ Das Pendel schwingt zurück

Martina Salomon stoppt den Linkstrend

von Andreas Tögel

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Bildquelle: Michael Thurm (CC BY-SA 2.0)/Wikimedia Commons Liberale Persönlichkeit an der Spitze des „Kurier“: Martina Salomon

Nicht nur deutsche, sondern auch österreichische Printmedien kämpfen mit massiven Leserverlusten. Das in den USA bereits seit Jahren laufende Zeitungssterben wird in der nächsten Zeit wohl auch die Alpenrepublik erreichen. Auf Dauer können eben auch staatlich subventionierte Zeitungen nicht vom Draufzahlen leben. Zwischen den immer weiter nach links driftenden Redaktionen und der traditionell eher konservativen Mehrheit der Zeitungsleser in Österreich tut sich ein immer tiefer werdender Graben auf. Der Begriff „Vertrauensverlust“ scheint die Ursache dafür am besten zu charakterisieren.

Die Entwicklung der in Wien erscheinenden Tageszeitung „Kurier“, die lange Zeit als „bürgerlich“ galt und damit ein Gegenwicht zur eher der Arbeiterschaft nahestehenden „Kronen-Zeitung“ bildete, ist symptomatisch für die gesamte Medienlandschaft in der Alpenrepublik. Kürzlich kam es an ihrer Spitze zu einer Neubesetzung.

Seit rund 40 Jahren ist Martina Salomon, Doktor der Philosophie, bereits im Zeitungswesen tätig. Ihre lange Karriere führte sie unter anderem vom ORF über die „Oberösterreichischen Nachrichten“ zu den österreichweit erscheinenden Tageszeitungen „Der Standard“ (linksliberal) und „Die Presse“ (bürgerlich-liberal). Vor einigen Monaten trat sie die Nachfolge von Helmut Brandstätter (vormals n-tv und Puls TV) auf dem Sessel des Chefredakteurs des Wiener „Kurier“ an. Sie ist damit die derzeit einzige Frau an der Spitze einer überregional erscheinenden Tageszeitung in Österreich.

Aufmerksamen Lesern des „Kurier“ ist die mit diesem Personalwechsel verbundene Kurskorrektur des unter der Führung Brandstätters unübersehbar nach links gedrifteten Blattes nicht entgangen. Die liberale Journalistin möchte das Blatt wieder in der bürgerlichen Mitte positionieren und hat nicht zuletzt deshalb sieben von zehn Ressorts im Haus neu besetzt. Das ist – angesichts des starken Redaktionsstatuts – durchaus mutig. Bei einer Veranstaltung im Wiener Club Unabhängiger Liberaler betont sie, größten Wert auf eine klare Trennung von Nachricht und Kommentar zu legen. Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen, ist eines ihrer wichtigsten Ziele. Denn verlorengegangenes Leservertrauen ist eben ein Phänomen, mit dem ein großer Teil der Massenmedien – nicht nur im Printsektor – konfrontiert ist.

Die goldene Zeit gedruckter Tageszeitungen scheint endgültig vorbei zu sein. Junge Leute neigen weniger zum Konsum von Printmedien als alte. Noch weniger sind sie bereit, Zeitungen zu abonnieren. Beim „Kurier“ hat das in den zurückliegenden Jahren einen Leserschwund von etwa drei Prozent pro Jahr bewirkt. Hatte die Zeitung im Jahr 2008, als Helmut Brandstätter zum Chefredakteur gekürt wurde, noch 600.000 Leser, sind es heute nur noch 500.000.

Einen Teil des Leserverlustes durch verstärkte elektronische Angebote auszugleichen, ist das ambitionierte Ziel der neuen Chefredakteurin. Sie wird es damit nicht leicht haben. Leser dazu zu bewegen, für die Lieferung elektronischer Nachrichten zu bezahlen, ist ein schwieriges Unterfangen. So ist beispielsweise der vielversprechende Versuch der „NZZ“, eine rein elektronische Österreichausgabe zu etablieren, schon nach kurzer Zeit gescheitert. Die zu einem kostendeckenden Betrieb notwendige „kritische Masse“ zahlender Abonnenten konnte einfach nicht akquiriert werden. Salomon: „Kaum wird eine Bezahlschranke eingezogen, sinken die Leserzahlen dramatisch – und damit auch die Attraktivität des Mediums für die Inserenten.“ Sie will die Sache daher behutsam angehen und denkt daran, Versuchsballons mit Spezialbeilagen zu starten, um zunächst die Publikumsreaktionen zu analysieren und nicht zu riskieren, eventuell die gesamte Zeitung damit zu beschädigen.

Die Reaktionen auf Salomons Berufung in die Chefredaktion des „Kurier“ bewegten sich zum Teil auf einem geradezu unterirdischen Niveau. Persönliche Beschimpfungen und Unterstellungen aus der untersten Schublade gehörten dazu. Einige Kommentatoren verstiegen sich sogar zu der absurden Mutmaßung, der „Kurier“ könnte unter Salomons Leitung zum Sprachrohr des Neofaschismus in Österreich werden. Unfassbar angesichts der Vita Salomons. Doch wie besagt das Sprichwort: „Mitleid bekommt man geschenkt, während man sich den Neid verdienen muss.“

In der dem Vortrag folgenden Publikumsrunde wurde vielfach die mangelnde redaktionelle Qualität (nicht nur beim „Kurier“) beklagt. Falsche Bildunterschriften, Verwechslungen und offenkundige Fehler kommen demnach zu häufig vor. Dem Verdacht, dass Teile der Journalistenzunft absichtlich Desinformation betreiben, tritt Salomon indessen entgegen. Zwar habe es seit dem Zeitpunkt ihres Karrierestarts (damals war der Journalismus zum großen Teil in bürgerlichen Händen) eine kräftige Linksverschiebung gegeben (was in besonderem Maße für den seit Jahrzehnten tiefroten Staatsfunk ORF gilt), was aber nicht den Schluss zulasse, dass der Leser deshalb von den Reaktionen mehr belogen oder in anmaßender Weise belehrt werde als früher. Auch konservative Zeitungsleute (wie Otto Schulmeister oder Thomas Chorherr, beide von der Wiener „Presse“) hätten gerne von oben herab doziert.

Der „Fall Relotius“ vom deutschen „Spiegel“ (der mit Preisen überhäufte junge Redakteur hat jahrelang Geschichten erfunden und als wahr verkauft) sei ein untypischer Einzelfall. Selbst- und Fremdbilder der Medienschaffenden scheinen in diesem Punkt stark voneinander abzuweichen. Ein großer Teil der Leser erkennt mittlerweile die Diskrepanz zwischen den von den Redakteuren vermittelten Botschaften (die sich allzu oft an utopischen, selbst geschaffenen und für wahr gehaltenen Trugbildern orientieren) und der sich völlig anders darstellenden Wirklichkeit. Claas Relotius scheint somit ein keineswegs untypischer „Einzelfall“ zu sein.

Wie wir aus dem Physiklabor wissen, erreicht ein schwingendes Pendel irgendwann den Punkt seiner maximalen Auslenkung und beginnt dann, sich in die Gegenrichtung zu bewegen. Nach einer seit bald fünf Jahrzehnten laufenden Linksauslenkung ist nun offensichtlich der Umkehrpunkt erreicht, und die Gegenbewegung setzt ein. Die politische Landschaft (nicht nur in Österreich!) wird sich in den vor uns liegenden Jahren wieder in die Richtung bewegen, in der sie sich vor 1968 befunden hat. Damit werden sich die Damen und Herren Medienschaffenden, auch wenn es ihnen gar nicht schmeckt, abzufinden haben. Tun sie es nicht, werden sie sich wohl nach beruflichen Alternativen umsehen müssen.

Wie dem auch sei: Angesichts des erdrückenden rotgrünen Übergewichts in den Redaktionsstuben der Alpenrepublik ist es jedenfalls ein erfreuliches Zeichen, dass wieder eine ebenso professionelle wie erwiesenermaßen liberale Persönlichkeit an der Spitze der drittstärksten Bezahltageszeitung Österreichs steht.


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