03. Februar 2019

Carlus Padrissa inszeniert „Thamos, König in Ägypten“ als szenische Erzählung Ein Tag in der Mozartwoche von Salzburg

So singen Untertanen

von Vera Lengsfeld

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Bildquelle: shutterstock Seine Musik bringt Menschen zusammen: Wolfgang Amadeus Mozart (1756-1791)

Lange Zeit war Salzburg eine wenig beachtete oberösterreichische Kreisstadt, bis Künstler und Touristen die Schönheit der Stadt und ihrer Umgebung entdeckten und die Nachricht darüber verbreiteten. Auch Alexander von Humboldt war hier und fand die Aussicht vom Mönchsberg eine der schönsten der Welt. Steht man heute auf der Humboldtterrasse, kann man sein Diktum nachvollziehen, obwohl viel von der lieblichen Auenlandschaft, auf die der berühmte deutsche Wissenschaftler geschaut hat, heute überbaut ist. Das Alpenpanorama ist immer noch atemberaubend.

Im Zentrum von Salzburg steht eine ausdrucksvolle Statue von Wolfgang Amadeus Mozart, gestiftet von der „dankbaren Stadt“. Als die Statue in Auftrag gegeben wurde, lag Salzburg ziemlich am Boden. Man brauchte großzügige Spender, die fand man in ganz Österreich, obwohl Mozart genaugenommen kein Österreicher war. Als er geboren wurde, war Salzburg ein eigener Staat, der 1803 von Napoleon in ein säkulares Fürstentum umgewandelt wurde und nach einigem Hin und Her an Österreich fiel.

Dankbar kann Salzburg seinem genialen Sohn sein, denn viele der Touristen, die heute die Stadt besuchen, kommen wegen Mozart. Das trifft besonders auf den Januar zu, seit es die 1956 erstmals stattfindende Mozartwoche rund um Mozarts Geburtstag am 27. Januar gibt. Zum künstlerischen Ruf dieses Festivals trugen besonders die Wiener Philharmoniker bei, die von Anfang an bis zu drei Konzerte in dieser Woche bestreiten.

Seit Juni 2017 hat der mexikanisch-französische Tenor mit österreichischen Vorfahren Rolando Villazón die künstlerische Leitung. Die einschneidendste Entscheidung, die der neue Festspieldirektor traf, war, in der Mozartwoche nur noch Mozart zu spielen. Seine Vorgänger hatten als Kontrast auch andere Komponisten aufgeführt. Mozarts universelle Kraft, so Villazón in seinem Vorwort zum Festival-Almanach, „bringt Menschen zusammen“. Seine Musik „ist für jeden von uns einzigartig und doch ist sie dieselbe für uns alle“. Deshalb sei „in diesen Zeiten, in denen gefährliche Stimmen lautstark versuchen, uns zu entzweien, diese Mozart-Woche in Mozarts Geist der Teilhabe, Zusammengehörigkeit und Integration entwickelt“ worden. Man konzentriere sich sowohl auf bekannte als auch auf selten gespielte Chorwerke Mozarts, „allen voran mit einer neuen szenischen Erzählung von ‚Thamos, König in Ägypten‘, KV 345“.

Wir waren am 28. Januar in der Felsenreitschule bei der Welturaufführung dieses Schlüsselwerkes dabei und konnten uns überzeugen, ob das Stück dem von Villazón formulierten Anspruch gerecht wurde.

Die katalanische Truppe La Fura dels Baus brachte eine moderne Neubearbeitung unter der Regie von Carlus Padrissa zur Aufführung. Angekündigt wurde ein Mix aus Mozarts Theatermusik, Einlegearien, Luft-Akrobaten, Algorithmischer Musik und Feuerwerk.

Als die Zuschauer den Saal der Felsenbühne betraten, wurden sie von einem „All-Sehenden Auge“ begrüßt, das seine farbigen Scheinwerfer wie suchend über das Publikum kreisen ließ. Von der großartigen Kulisse der Felsenreitschule war kaum etwas zu sehen. Eine gläserne Pyramide deutete auf Ägypten als Ort der Handlung, gleichzeitig war sie ein Symbol der allumfassenden Macht.

Mozart war 17 Jahre alt, als er für das Schauspiel von Tobias Philipp Freiherr von Gebler die Bühnenmusik schrieb. Das Werk floppte von Anfang an und landete fast sofort unter den „verworfenen Stücken“. Mozart bedauerte später, dass er „die Musique zum Thamos nicht werde nützen können“.

Nun wollte Carlus Padrissa dem Fragment neues Leben einhauchen. Er setzte es „in die Kontexte der Herausforderungen des 21. Jahrhunderts, die wir durch die Linse von Antonin Artauds Idee des ‚organlosen Körpers‘ und des ‚revolutionären Körpers‘ sichtbar, hörbar, lesbar und erfahrbar machen wollen. Durch das Aufsprengen einengender körperhafter und künstlerischer Paradigmen wird die Vereinzelung des Künstler-Seins zur revolutionären Totalerfahrung des kollektiven Körper-Seins entgrenzt. Nur dann ist die Kunst Alles – und Alles ist Kunst.“ Wer nach diesem Wortsalat im Festival-Almanach Schlimmes befürchtete, bekam leider recht.

Die Inszenierung hatte in ihren Massenszenen totalitäre Züge. Jeder Individualität beraubte Körper wuselten, krochen, schlugen sich auf der Bühne. Die von der Macht bevorzugte gesichtslose Masse erinnerte an Szenen aus Filmen von Sergei Eisenstein oder Fritz Lang. Manchmal formierte sie sich zu Zügen, die mit ihrer Beleuchtung nach Ku-Klux-Klan aussahen oder nach mittelalterlichen Mönchen auf dem Weg zu den Scheiterhaufen für die Ketzer. Die Luftakrobaten arbeiteten sich an den zusammenstürzenden Wänden ab, oder sie krochen als Gregor Samsa am Rande des Zuschauerraums herum.

Die Texte der Arien wurden eingeblendet und mit zeitgenössischen Statements über die Verderblichkeit der Globalisierung und die Zerstörung des Planeten ergänzt. Solche heute zweifelhaften Sätze aus der Arie des Sarastro „Wen solche Lehren nicht erfreun, verdient es nicht, ein Mensch zu sein“, werden nicht in den historischen Kontext gesetzt, sondern verstärkt. Denn laut modernen Zwischentexten können nur die Erleuchteten die Welt retten. Diesen Erleuchteten sollte man folgen und gehorchen. Dasselbe mit der Forderung des Chores der Priester: „Bald ist er unsrem Dienste ganz ergeben, sein Geist ist kühn, sein Herz ist rein, bald wird er unsrer würdig sein.“

Dieses problematische Menschenbild, das wenig mit der Aufklärung zu tun hat, wird nicht historisch eingeordnet, sondern positiv untermalt. Als Schluss ist mit Thamos, dem gütigen Monarchen, der keine Kriege mehr kennt und die Sonne der Freiheit strahlen lässt, das Ende der Geschichte erreicht.

Der Schlusschor „Ihr Kinder des Staubes“ unterstreicht: „Den Göttern zu fronen, sei unser Bestreben, was immer ihr Ratschluss begehrt.“ So singen Untertanen, keine freien Bürger.

Padrissas Versuch, die Thamos-Fragmente für das 21. Jahrhundert fruchtbar zu machen, kann man getrost als gescheitert ansehen. Die Inszenierung sollte schnell zu den „verworfenen Stücken“ gehören.

Aber Mozarts Musik ist unzerstörbar. Er selbst hat festgestellt: „Thamos“ „müsste nur bloß der Musik wegen aufgeführt werden – und das wird wohl schwerlich gehen; schade ist es gewiss!“

Dem ist nur hinzuzufügen, dass es um der Musik willen einen neuen Anlauf geben sollte, den „Thamos“ auf die Bühnen zu bringen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog der Autorin.


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