31. Januar 2019

Verfall der abendländischen Kultur Von Kardinal Marx zur Ballonseide

Warum ich nicht in Jogginghose zum Bäcker gehe

von Felix Honekamp

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Bildquelle: shutterstock Symbol des Kulturverfalls: Jogginghose

Manche Themen fliegen einem so zu, sie ergeben sich aus gehörten Vorträgen, gelesenen Büchern, Gesprächen mit Familie und Freunden. Manche dieser Themen lagen dann auch schon lange in irgendwelchen Synapsen und warteten nur darauf, endlich freigelassen zu werden. Manche dieser Themen sind so naheliegend, dass ich sie gerade deshalb leicht übersehe. Das hier ist so eins.

Denn wen interessiert es schon, dass in unser aller Umfeld nicht nur der Glaube, sondern auch die gesamte Kultur vor die Hunde zu gehen droht? So ein Thema ist vermeintlich abgedroschen, aber dann fällt mir auf: Ich selbst habe es noch nicht durchdacht, und vermutlich geht es vielen anderen auch nicht anders. Darum dazu ein Versuch.

Christliches Abendland

Nehmen wir das Wort des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz, dass er den Begriff „christliches Abendland“ nicht gerne verwende, weil der ausgrenzend sei. Wie ich gerade bei einem Vortrag des Publizisten Matthias Matussek als Kommentar dazu richtigerweise gehört habe: „Na, hoffentlich!“ Da ist ein Kardinal, einer, von dem manche meinen, er sei der oberste Priester in Deutschland (was er nicht ist), und der findet, Christentum und abendländische Kultur dürfe nicht ausgrenzen. Der gleiche Kardinal, der auf dem Tempelberg (zusammen mit seinem linksevangelischen Zeitgeistfreund) sein Kreuz ablegt, um niemanden zu provozieren, während ein paar Hundert Kilometer weiter Christen ihr Zeugnis mit dem Leben bezahlen. Politischer Opportunismus oder geistliche Bequemlichkeit?

Und weil diesem Kardinal das Originäre und Abgrenzende, im besten und positivsten Sinne des Wortes Diskriminierende seines Glaubens unangenehm ist, entsorgt er das Abendland gleich mit. Da unterscheidet er sich nicht von unserer Kanzlerin, der der Begriff der Nation, des Deutschen, der selbst die Nationalflagge peinlich ist, die nur noch von denen spricht, die schon länger hier leben. Tausendjährige Kultur – wegen schlechter Umfragewerte von Kirche und Politik abgeschrieben. Braucht man das alles nicht mehr?

„Tradition ist die Demokratie der Toten“

Isaac Newton wird die Einsicht zugeschrieben, er wisse nur deshalb so viel, weil er als Zwerg auf den Schultern von Riesen stehe, die alle schon vor ihm den Boden für seine Erkenntnisse bereitet hätten. Die Mehrheit heute scheint eher von der Idee beseelt, sich endlich dieser lästigen Riesen zu entledigen und in Zukunft ein Zwergenleben knapp oberhalb der Grasnarbe zu führen. Tradition, tausendjährige Kirchengeschichte – das ist „rechts“, dem haftet etwas Gestriges an. Vielleicht ist das auch der Grund, warum, wie Matussek beim eben erwähnten Vortrag und in seinem Buch „White Rabbit“ bedauernd feststellt, Gilbert K. Chesterton bei uns in Westeuropa keine besondere Wertschätzung erfährt. Chesterton beschreibt die Tradition so: „Die Tradition ist eine Ausdehnung des Wahlrechts. Tradition heißt, der unbekanntesten aller Klassen – unseren Vorfahren – Stimmen zu geben. Tradition ist die Demokratie der Toten.“

Verleugnung der Wurzeln

Dahinter steht für mich auch die Einsicht, dass es uns nicht erlaubt ist, unsere Geschichte, unsere Erfahrungen, unsere Traditionen einfach so abzustreifen, weil wir damit unseren Vorfahren ihr Stimmrecht nehmen. Das heißt nicht, dass man heute alles noch so machen sollte, wie sie es gemacht haben, es bedeutet aber, dass wir die Erfahrungen unserer Ahnen ins Kalkül einbeziehen müssen und uns einer Ablehnung von Erfahrung, nur weil sie in der Vergangenheit liegt, enthalten sollten. Genau das geschieht aber, wenn wir unsere christlichen und abendländischen Wurzeln am liebsten verleugnen würden, nur weil es potenziell Stimmen bringt und es Teile der deutschen Geschichte gegeben hat, auf die wir nicht stolz sein können.

Doch selbst in diesen zwölf Jahren des Dritten Reichs gibt es Helden wie Claus Schenk Graf von Stauffenberg, ein in der Wolle gewirkter Konservativer, der – selbst kein Demokrat, aber damit durchaus auch ein Kind seiner Zeit – gesehen hat, wohin es führt, wenn sich ein Regime, wenn sich eine Kultur aller Regeln inklusive ihres Gewissens entledigt. Ich will damit nicht behaupten, dass Deutschland durch seine Geschichts- und Kulturvergessenheit in ein neues Drittes Reich schlittert – die Ausschreitungen zwischen Links- und Rechtsextremisten, die Ablehnung jedweden politischen Kompromisses in beiden extremen Lagern des politischen Spektrums, aber auch die gesellschaftliche Ablehnung der individuellen Verantwortung für das eigene Handeln deuten aber in diese Richtung.

Adel

An dieser Stelle ist es durchaus auch bedenkenswert, dass es mit Oberst Graf von Stauffenberg ein Adliger war, der sich seiner Familiengeschichte verpflichtet wusste. Es ist eben ein Unterschied, ob man meint, man sei nur sich alleine verpflichtet oder man habe ein Erbe zu achten. Das ist grundsätzlich nichts, das nur dem Adel vorbehalten wäre, dort aber ist es teilweise selbst heute noch in besonderer Art zu beobachten. Natürlich gibt es auch hier Ausreißer, aber es gibt vor allem diejenigen Beispiele, die aus einer inneren Verpflichtung heraus ihr Familienerbe, sei es bestehend aus Gütern oder nur noch aus der Kenntnis und Berücksichtigung der Geschichte, bewahren.

Was man dort beobachten kann (ich kenne persönlich Beispiele, aber denen wäre es wahrscheinlich unangenehm, über den grünen Klee gelobt zu werden), ist, dass ihre Vertreter durchaus in der Moderne angekommen sind, ohne die Historie zu vernachlässigen. Man lustwandelt nicht mehr in feine Seide gewandet durch den Schlossgarten, aber selbst in einfacher Kleidung ist ein solcher Mensch – wie gesagt, nicht beschränkt auf den Adel – in der Lage, Würde auszustrahlen. Man weiß, was man sich selbst, vor allem aber seinem Namen, seinen Vorfahren, ja selbst – daraus abgeleitet – seinem aktuellen Gegenüber schuldig ist.

Ehre

Ein Mensch, und jetzt verlasse ich endgültig wieder das Adelsbeispiel, der sich seiner persönlichen, seiner Familien-‍, aber auch seiner Nationengeschichte einigermaßen bewusst ist, der denkt anders, der entscheidet anders und handelt anders. Man wird ihn – jenseits vielleicht pubertärer Eskapaden – nicht volltrunken auf der Straße sehen, man wird ihn nicht übermäßig fluchen hören.

Ein solcher Mensch erkennt – ganz unabhängig vom christlichen Glauben – seinen eigenen Wert und den seines Nächsten, und er verhält sich entsprechend. Er ehrt sich selbst, vor allem aber seine Geschichte und sein Gegenüber durch sein Verhalten. Das ist es, was man auch als „Ritterlichkeit“ bezeichnen kann, wenn man selbst einem Gegner, und sei seine Position noch so gegensätzlich, niemals seine Würde aberkennt.

Kleider machen Leute

Und ganz profan wirkt sich eine solche Sicht auch auf Kleiderwahl und Auftreten aus. Ich selbst bin – ich habe gelegentlich darüber geschrieben – Tempelritter und trug kürzlich zu einem Vortrag meinen Ordensmantel. Ein anwesender anderer Geistlicher, Diakon aus der Dormitio-Abtei in Jerusalem, selbst im Habit, machte mich darauf aufmerksam, dass sich mit Anlegen des Mantels meine Körperhaltung verändert hatte.

Er meinte das durchaus positiv, denn durch das Tragen des Mantels, in gewisser Weise einer Uniform, tritt man noch mal in ganz anderer Weise aus seiner eigenen Persönlichkeit heraus und in die 900-jährige Geschichte der Tempelritter ein. In dieser Geschichte gab es Irrungen und Wirrungen, vor allem aber gab es einen Anspruch, sein Leben dem Glauben und seiner Verteidigung hinzugeben. In einem solchen Mantel kann man sich nicht auf einer Couch lümmeln.

Jogginghosen im Graubereich der Sünde

Mit dem beschriebenen kulturellen und christlichen Anspruch verträgt es sich auch nicht, sich selbst zu Hause der Bequemlichkeit wegen in Schlabberklamotten zu bewegen. Denn, direkte Konsequenz, die Kinder werden diese Nachlässigkeit wahrnehmen und ihre ganz eigenen Schlüsse zu Fragen der „Aufrichtigkeit“ daraus ziehen. Spätestens bei Verlassen des Hauses ist es dann vorbei mit der Bequemlichkeit. Karl Lagerfeld soll mal gesagt haben: „Wer einen Jogginganzug trägt, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.“ Was derjenige aber in jedem Fall verloren hat, ist sein Gefühl für Anstand und Wertschätzung dem anderen gegenüber.

Und er hat den Anspruch aufgegeben, seiner Familie, seinen Gemeinschaften, in denen er Mitglied ist, letztlich auch – wenn es ein Christ ist – der Kirche, seinem Glauben und den Gläubigen und Märtyrern der Geschichte Ehre zu machen. Ich will nicht so weit gehen, das Tragen einer Jogginghose (jenseits des Sports) als Sünde zu bezeichnen – aber ich bin überzeugt, wir bewegen uns damit schon in einen Graubereich hinein, der dazu führt, tatsächlich sündhaften Nachlässigkeiten den Weg zu bereiten.

Das geistliche Pendant zur Jogginghose

Ob Kulturvergessenheit beim Tragen einer Jogginghose oder bei der Aufgabe des Begriffs vom christlichen Abendland anfängt, ist letztlich unerheblich. Ein solches Verhalten unterbindet Tradition, beschädigt das kulturelle Erbe und Gedächtnis unserer Gesellschaft und tut uns allen auf unterschiedlichen Ebenen nicht gut. Nicht mehr vom christlichen Abendland sprechen zu wollen, ist darum das geistliche Pendant zum Jogginghose-Tragen auf dem Weg zum Bäcker – beides schadet unserer Gesellschaft in je eigener Weise. Wir sollten das, nein, wir müssen das lassen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem „Papsttreuen Blog“.


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