28. Januar 2019

Schiefe Ebene Was sonst noch lebt

Zieh den Schwanz ein, wenn du in der Scheiße sitzt

von Kurt Kowalsky

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Bildquelle: shutterstock Erkennt nicht jeder: Schiefe Ebene

Gestorben wird der Russe sein, der angeblich 1945 im besetzten Berlin mit seinem geklauten Fahrrad einen Hügel hoch strampelte. Als ihm ein Deutscher auf einem Fahrrad ohne treten zu müssen entgegenkam, hörte der Spaß auf. Der russische Soldat zog seine Pistole und zwang den Deutschen, sein Fahrrad herauszugeben.

Während das Verständnis der ersten schiefen Ebene auch manchem bundesdeutschen Abiturenten noch klar sein mag, möchte ich auf die zweite schiefe Ebene in dieser Geschichte hinweisen, die in der Über- und Unterordnung besteht. Der Kraftaufwand zur Verlagerung der Masse (hier das Fahrrad) verringerte sich durch das entsprechende Subordinationsverhältnis zwischen Besatzungssoldaten und Zivilisten. Die Pistole war nur Beiwerk, weshalb zum Beispiel die Eintreiber von Rundfunkzwangsgebühren im heutigen Nachkriegsdeutschland unbewaffnet sind. Es genügt völlig, wenn zum Beispiel ein Taubstummer die schiefe Ebene erkennt, auch wenn er nichts dergleichen im Radio gehört hat.

Damit will ich nicht gesagt haben, dass der nicht zwangsweise finanzierte Qualitätsjournalismus nicht auch seine Kloake eingerichtet hat, in der sich der freie Bürger und die Frauen nach Belieben etwas einbilden können. In einem solchen geistigen Freiraum vergnügte sich wohl ein über 40-Jähriger in Berlin-Moabit, als er vor einigen Tagen mit seinem Smart ein Einsatzfahrzeug einer Hundertschaft der Berliner Polizei überholte und dabei kräftig hupte.

Berlin-Moabit, das muss man nicht wissen, ist einer der Stadtteile, in der auch blonde Schweden und sommersprossige Norweger wohnen sollen. Als in den Polizeiberichten neben Alter und Geschlecht auch noch die Nationalität von Tätern und Opfern mitgeteilt wurde, drängte sich der unbegründete Verdacht auf, dass damit besonders blonde Schweden diskriminiert würden. Dem wollte natürlich die Pressestelle der Berliner Polizei keinen Vorschub leisten, so dass ich heute nur vermuten kann, dass der Smartfahrer wohl der „Was ist los? Pass auf, ick fick dich!“-Ethnie angehört.

Wer wen fickt, war dem Smart-Fahrer wohl auch nicht klar, als ihn die Polizisten stoppten und zum Verlassen seines Fahrzeugs aufforderten. Natürlich besteht so eine Teilmenge einer Hundertschaft auch nur aus einzelnen Schulabgängern, die nicht unbedingt wissen, dass Hupen ohne Anlass nur fünf Euro Bußgeld kostet. Die aber jemanden kennen, der das nachschlagen kann. Und wenn man schon am Nachschlagen ist, möchte man natürlich auch sichergehen, dass der Huper nicht alkoholisiert unterwegs ist.

Erkennen Sie, liebe Mitmenschinnen, die schiefe Ebene? Der Huper hat sie jedenfalls nicht erkannt, seinen Kleinwagen verrammelt und versucht, rückwärtsfahrend zu entkommen. Das klappte nicht, worauf die Polizei mit einem Nothammer die Scheibe des Fahrzeugs einschlug und den Renitenten an die frische Luft zog. Mit ihm zogen sie noch eine Schreckschusspistole sowie mehrere Handys, drei Tablets und vier hochwertige Uhren heraus.

Kinder, wie die Zeit vergeht. Als man mich vor über 40 Jahren zuletzt besoffen aus meinem Mercedes zog, war da überhaupt keine Scheibe mehr drin. Einerseits hatte ich kein vermeintliches Diebesgut bei mir, andererseits zogen mich Studenten aus dem Schrotthaufen heraus und keine Polizisten. Die sechs oder sieben Beamten in meinem Landkreis fuhren einen VW Käfer und hatten selbst genug zu trinken.

Die Berliner Polizei hat dem Vernehmen nach heute 17 Hundertschaften. Gezogen hat im berichteten Fall die 15. Man kann es ihr nicht verdenken.

Eine Maus wird von einer Katze verfolgt und flüchtet in ihrer Not in einen Kuhstall. „Liebe Kuh, scheiße mich zu.“ Die Kuh tut ihr den Gefallen und begräbt die Maus unter einem breiten Fladen. Die Katze kommt in den Stall gelaufen, blickt sich um und sieht den Mäuseschwanz, der vom Kuhfladen nicht verdeckt ist. Sie zieht die Maus aus der Scheiße, und Schluss ist.

Die Moral: Nicht jeder, der dich anscheißt, meint es schlecht. Nicht jeder, der dich aus der Scheiße zieht, meint es gut. Aber wenn man bereits in der Scheiße sitzt, sollte man wenigstens den Schwanz einziehen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Facebook-Seite des Autors.


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