28. Januar 2019

Aufarbeitung des Fälschungsskandals beim „Spiegel“ Wer war Herr Relotius?

Der tragische Einzelfall ist erledigt

von Holger Finn

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Bildquelle: Tupungato / Shutterstock.com Im Aufklärungsmodus: „Der Spiegel“

Kurz vor Weihnachten schien ein guter Zeitpunkt zu sein, mal richtig durchzuwischen im „Spiegel“-Hauptquartier. Bedrohlich nahegekommen war dem ehemaligen Nachrichtenmagazin die Gefahr, irgendwo in Amerika könne jederzeit eine Welle losgetreten werden, unter der der letzte Rest Glaubwürdigkeit des früher so angesehenen Blattes begraben würde. Schuld wäre, zumindest sah das aus der „Spiegel“-Chefredaktion so aus, ein junger Reporter, begnadeter Schreiber, hochgeehrt, ein personifiziertes Sturmgeschütz des richtigen Denkens und der guten Vorurteile. Es galt, die aufdämmernde Krise klug zu managen, um nicht von ihr zerstört zu werden.

Und wer könnte so etwas besser als ein Magazin, das selbst schon vor Jahrzehnten bewiesen hat, wie sich mit erfundenen Gräuelgeschichten Ministerrücktritte erzwingen lassen? Der „Spiegel“ schaltete also in den Aufklärungsmodus. Angriff ist die beste Verteidigung und Transparenz die wirksamste Medizin.

Auch die Enthüllungsstory, mit der das Blatt den klugerweise gleich zum „Fall Relotius“ vereinzelten Umstand berichtete, dass Deutschlands größtes Nachrichtenmagazin über Jahre hinweg Dutzende erfundener Reportagen gedruckt hatte, war eine packende Schreibtischreportage, die wirkte, als sei der Autor Ullrich Fichtner wirklich bei Ereignissen anwesend gewesen, bei denen er keineswegs anwesend gewesen sein kann.

Anmutung und Phantasie, ausgerichtet an der Erwartungshaltung von Redaktion und Publikum – die Relotius-Mischung des Erzählens aus einer Hosentasche voller Buntstifte fesselte wie immer. Fichtner hat nicht umsonst dieselben Reportagepreise gewonnen wie Claas Relotius.

Diesmal aber ging es nicht um Ruhm und Ehre, mehr Gehalt und einen höheren Spesensatz, sondern ums Überleben. Würde sich die Leserschaft und würde sich die Branche überzeugen lassen, dass Relotius ein Einzelfall war wie einst Tom Kummer? Würde die schonungslose Selbstbezichtigung, „hereingefallen“ („Spiegel“) zu sein, im Verein mit den bevorstehenden Weihnachtsfeiertagen, Silvester und – vielleicht, die Hoffnung stirbt zuletzt – einem möglichen neuen Köln oder Ähnlichem ausreichen, die unschöne Angelegenheit als erledigt abheften zu können?

Einen Monat danach kann der Versuch als geglückt gelten. Bis auf die Westpresse hat die Branche den tragischen Einzelfall für erledigt erklärt. Auch beim „Spiegel“ selbst ist die Affäre vom Titelblatt ins Bunte gerutscht, wo sich sonst „fragile Rollenbilder“, tote Schauspieler und andere preisgekrönte Edelfälscher tummeln.

Es ist ausgestanden, auch wenn die angekündigte „Prüfung“ im „Spiegel“-Haus noch läuft. Niemand hat mehr die Absicht, Fragen zu stellen oder gar Zusammenhänge entdecken zu wollen zwischen dem Berufsverständnis von Journalisten als „Staatsbürger in unsichtbarer Uniform, dazu da, die Rechtspopulisten zu bekämpfen und die gesellschaftliche Spaltung zu verhindern“ („NZZ“) und Reportagen, die immer nur prächtig und wie von Zauberhand genau passend kolportierten, was Leserinnen und Leser ohnehin zu wissen glaubten.

Claas Relotius ist abgetaucht, der „Spiegel“-Skandal als „Fall Relotius“ in die Annalen gewandert. Aus der bequemen Gruft wird die Affäre nur noch einmal auferstehen, wenn sich der „Abschlussbericht“ der großen „Spiegel“-Wahrheitskommission wie eine Grabplatte über dem Einzelfall senkt, um ihn für immer zu beerdigen. Wieder einmal, so könnte es die „NZZ“ beschrieben haben, wird die Wirklichkeit dem Vorurteil der Journalisten gefolgt sein.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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