10. Dezember 2018

Denunziation von Andersdenkenden durch das „Zentrum für Politische Schönheit“ Um der Zukunft willen

Jetzt erst recht!

von Günter Scholdt

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Bildquelle: shutterstock Im Wilden Osten: Denunziation durch Steckbriefe

Vor kurzem erreichte mich die Mail eines in „Dunkeldeutschland“ lebenden Freundes, der ins Fahndungsraster infamer Demokratie-„Schützer“ mit dem grotesken Namen „Zentrum für Politische Schönheit“ geriet. So erfuhr ich von der jüngsten Obszönität dieser „Säuberungs“-Clique, insbesondere ihrer Praxis, mittels Gesichtserkennungssoftware aus Fotos von unerwünschten Demonstrationen Personen herauszufiltern und solcherart politmoralische Steckbriefe zu erstellen. Es wird sogar dazu aufgerufen, sich gegen Geldprämie an der Identifikation dieser angeblichen „Gesinnungskranken“ zu beteiligen. Danach seien die verruchten Falschmeiner zum Beispiel dem Arbeitgeber zur Kenntnis zu bringen, der weitere geeignete Maßnahmen ergreifen möge. Das Ganze läuft unter dem scheinamtlichen Briefkopf „soko-chemnitz.de“ und präsentiert die Inkriminierten mit Foto und einem biographischen Abriss ihrer angeblichen Politverfehlungen.

Im konkreten Fall traf es neben vielen anderen einen Vertreter des Mittelstands, dessen Energie und Umsicht immerhin eine florierende Firma mit gut zwei Dutzend Mitarbeitern tragen. Des Weiteren charakterisieren ihn ein beachtlicher Bildungshunger, eine erfreuliche Belesenheit sowie Humor, diskussionsfreudige Direktheit und eine bildkräftige Sprache. Seine Heimatverbundenheit ließ ihn zum großzügigen Sponsor regionaler Projekte werden. Nicht zuletzt aus seiner Kritik an der von unserer politischen Klasse zumindest geduldeten Massenimmigration erwuchs sein patriotisches Engagement, was ihm nun offenbar als „Gedankenverbrechen“ angekreidet wird.

Wenn jene Denunzianten dies in ihrem Aufruf auch noch unter dem Schlagwort „Erwischt!“ rubrizieren, wird es gänzlich absurd. Denn er gehört fraglos zu den raren Charakteren, die aus ihrer Überzeugung nie einen Hehl machten – nicht einmal zu DDR-Zeiten, als der bekennende Katholik und renitente Gegner der Volksarmee systembedingt aneckte. Man hatte ihn daraufhin erst mal vorläufig aussortiert und seine „Umerziehung“ für später in Aussicht gestellt. Die Maueröffnung ersparte ihm erwartbare weitere Drangsalierungen. Seine heutigen, wenig ersprießlichen Erfahrungen mit unserer real existierenden Demokratie gründen wiederum darin, dass er das grundgesetzliche Versprechen wohl ernster nahm, als es dies verdient.

Dieser Mann also wurde nun durch die perfide Chemnitzer Aktion quasi öffentlich zur Fahndung ausgeschrieben. Er soll nicht nur gesellschaftlich isoliert, sondern zugleich geschäftlich geschädigt werden. Er hat zwar keinen Chef über sich, der ihm politische Daumenschrauben ansetzen kann. Aber man warnt auf diese Art Kunden und nicht zuletzt staatliche Stellen davor, seine Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen. Das historische Modell, nach dem dieser Pranger läuft, ist bekannt. Es lautet: „Deutsche, kauft nicht bei Juden!“ Und es ist bezeichnend, dass sich jene „Moralisten“, die 24 Stunden am Tag die fortgesetzte Nazifizierung Deutschlands beklagen, just solcher Lehrmeister bedienen.

Das ganze (unter dem bundesrepublikanisch verhunzten Begriff „Satire“ firmierende) Machwerk trägt am Schluss übrigens den Stempel: „Verdacht auf unerlaubte Entfernung von der Demokratie“. Hätten diese Afterkünstler „Postdemokratie“ geschrieben, könnte man sie als zumindest unfreiwillige Diagnostiker würdigen. So aber vermisst man in ihrem perversen Steckbrief fast schon ein im Wilden Westen übliches „Tot oder lebendig“, übertragen im Sinne des Zeitgeists auf den „Wilden Osten“. Angesichts solcher Biedermänner des Totalitarismus kann man letztlich noch von Glück sagen, dass unsere Verfassung gegenwärtig nur den Ruf- und nicht den buchstäblichen Mord an Gesinnungsgegnern erlaubt.

Als ich dieses exemplarische Dokument bundesrepublikanischer Schande erhielt, veranschaulicht am mir vor Augen stehenden Einzelfall, geschah es mit einem Begleitschreiben, aus dem ich zitiere: „Vielen, vielen Dank für die Übersendung des Buches (gemeint ist meine soeben im Lichtschlag Buchverlag erschienene Studie „Anatomie einer Denunzianten-Republik“). Es erreicht uns ganz zur rechten Zeit. Gestern ging nämlich die Kunstaktion von bundesdeutschen Gesinnungsterroristen ans Netz. Zu meinem unfreiwilligen Auftritt erreichten mich viele bestürzte Anrufe und Nachrichten. Auch viel Angst war dabei und die Frage, wie ich derlei aushalte. Die Antwort darauf ist so simpel, dass sie sich jeder selbst beantworten kann: Es geht um etwas. Es geht um unser Leben und Überleben in Freiheit. Es geht um die geliebte Heimat und um meine Kinder. Ich schloss dann aber immer noch mit den Worten: Wer schweigt, stimmt zu! Die Stimmungslage ist an solchen Tagen eher trübe, und das Herz ist schwer. Nun sende ich trotzdem adventliche Grüße von Haus zu Haus.“

Der Mann hat recht. Es geht bei diesem Kampf tatsächlich um einiges. Es geht um unser „Überleben in Freiheit“. Und es geht um die traurige Wahrheit, dass, wer schweigt, zuzustimmen scheint. Man hat mich persönlich schon Dutzende Male gefragt, warum ich mir meinen Ruhestand nicht angenehmer gestaltet hätte, statt mich, gesundheitsschädigend, täglich mit so unerfreulichen Dingen wie den freiheitsfeindlichen Folgen unserer demokratischen Entartung zu befassen. Darüber hinaus habe ich mich gerade bei der Arbeit am zuletzt erschienenen Band immer wieder selbstkritisch gefragt, ob es nicht vermessen sei, sich davon irgendeine Besserung zu versprechen.

Wenn ich allerdings Mails wie diese erhalte und solchen alltäglichen Infamien begegne, verblassen jegliche Motivationsprobleme. Dann gibt es – auch um der Nachkommen willen – nur noch ein „Jetzt erst recht!“. Dieser Manifestation menschlicher Gemeinheit steht das letzte Wort gewiss nicht zu.

Günter Scholdt: „Anatomie einer Denunzianten-Republik“ bei Lichtschlag Buchverlag


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