06. November 2018

Dokumentation André F. Lichtschlag über das Privateigentum und den ganzen Rest

Interview der Zeitschrift „Krautzone“ mit dem ef-Chef

von Redaktion eigentümlich frei

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Bildquelle: Krautzone / Lichtschlag privat Echter Rheinländer: André Lichtschlag hat neue Schuhe und freut sich

André F. Lichtschlag ist ein deutscher Publizist und Verleger. In seiner Lichtschlag Medien und Werbung KG mit Sitz in Grevenbroich und Düsseldorf erscheint das Magazin eigentümlich frei, dessen Gründer, Herausgeber und Chefredakteur er ist, dazu seit Anfang 2018 auch der Internet-Sender Lightbeat Radio. Lichtschlag ist auch für den Lichtschlag Buchverlag verantwortlich. Er selbst wurde 1968 im rheinischen Grevenbroich geboren, wo er heute auch lebt. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder. Lichtschlag studierte Politische Wissenschaft, Volkswirtschaftslehre und Soziologie in Bonn mit Abschluss Magister Artium. Er ist seit 1997 parteilos und Mitglied in der Friedrich-A.-von-Hayek-Gesellschaft seit 2008 sowie der Property and Freedom Society ebenfalls seit 2008. Als seine Vorbilder nannte er immer wieder drei andere Verleger und Herausgeber: Julius Faucher (1820-1878; „Berliner Abendpost“), Benjamin Tucker (1854-1939; „Liberty“), Caspar Freiherr von Schrenck-Notzing (1927-2009; „Criticón“). Lichtschlag ordnet sich als politisch libertär, ökonomisch klassisch liberal (Anhänger der Österreichischen Schule der Nationalökonomie) und kulturell konservativ ein. Im Übrigen sei er vor allem Rheinländer. Er schrieb bislang drei Bücher: „Libertarianism – Eine (anti‑) politische Bewegung in den USA und ihre Bedeutung für Deutschland“, „Feindbild Muslim – Schauplätze verfehlter Einwanderungs- und Sozialpolitik“ und „Operation Spaltung – Kriminalgeschichte der AfD“. 2009 erhielt Lichtschlag in Berlin den Gerhard-Löwenthal-Preis für Journalisten und 2015 in Hamburg die Roland-Baader-Auszeichnung. „Krautzone“ sprach mit Lichtschlag über das Privateigentum und den ganzen Rest.

Krautzone: Hallo Herr Lichtschlag, erst mal herzlichen Glückwunsch zum 20. Jubiläum Ihres „Babys“ eigentümlich frei. Sie haben mit Ende 20 Ihren eigenen Verlag inklusive Printmagazin gegründet. Wie haben Sie Ihre Zeitschrift beworben und in libertären Kreisen – die in Deutschland zugegebenermaßen überschaubar sind und waren – publik gemacht?

Lichtschlag: Vielen Dank für die Blumen erst mal. Unsere ersten zwei sehr kleinen Anzeigen zur Bewerbung einer neuen libertären Zeitschrift – Geld war immer das größte Problem, vor allem zu Beginn – haben wir in der „taz“ und in der „Jungen Freiheit“ geschaltet. Auf die Anzeige in der „JF“ hatten wir einigen Rücklauf, auf die in der „taz“ keinen. Das war schon gewissermaßen ein Wink, denn damals, vor 20 Jahren, ging auch ich davon aus, dass libertäre Ideen per se weder links noch rechts seien, oder besser, wie wir damals sagten: weder rinks noch lechts.

Krautzone: Wie müssen wir uns das vorstellen, was ging Ihrem mutigen Schritt der Gründung voraus?

Lichtschlag: Ich bin ausgebildeter Verlagskaufmann und trug schon lange die spinnerte Idee mit mir herum, mal eine eigene Zeitschrift zu gründen. Am Anfang sollte das eher ein Fußball-Magazin sein. Nachdem ich dann Mitte der 90er libertäre Ideen kennenlernte, vor allem dank eines noch gedruckt versandten Buchkatalogs aus Amerika, vom legendären Händler Laissez Faire Books, wusste ich, was zu tun war…

Krautzone: Sie kommen aus Grevenbroich, in der Nähe vom Rhein. Bei libertären Veranstaltungen haben wir oft den Eindruck, dass überproportional viele Rheinländer dem Liberalismus nahestehen. Teilen Sie diese Einschätzung, und wenn ja, haben Sie eine Erklärung dafür?

Lichtschlag: Ja, vor allem sind die rheinischen Libertären libertärer als andere Libertäre. Kleiner Scherz. Es gibt ja mehrere Varianten des sogenannten „rheinischen Grundgesetzes“. Drei zentrale Paragraphen – ich formuliere sie sicherheitshalber hier auf Hochdeutsch – lauten, erstens: „Man muss auch gönnen können.“ Rheinländer – und Libertäre – sind eben anders als Sozialisten, deren Wesensmerkmal der Neid ist, nicht neidisch. Zweitens: „Da habe ich keinen Vertrag mit.“ Oder eben doch. Rheinländer – und Libertäre – bestehen auf der freiwilligen Vereinbarung. Was anderes interessiert sie nicht, damit haben sie keinen Vertrag. Und drittens: „Jeder Jeck ist anders.“ Und soll es sein, auf eigene Kosten natürlich. Womit die sprichwörtliche rheinische Toleranz ausgedrückt ist, ein unbedingtes Wesensmerkmal auch libertärer Ideen. Und um noch eins draufzusetzen, was Libertäre – und Rheinländer – meiner Erfahrung nach vor allem von deutschen Konservativen – und echten oder Möchtegern-Preußen – unterscheidet: Wir lachen gern und nehmen nicht alles ganz so ernst, uns selbst nicht, die oft groteske Veranstaltung „Staat“ erst recht nicht – und natürlich auch diese Frage nicht.

Krautzone: Sie haben eine umfangreiche Parteienkarriere hinter sich. Als Gymnasiast waren Sie bei der Jungen Union engagiert (hatten Sie als junger Mensch denn gar kein Schamgefühl?), anschließend in der Europäischen Föderalistischen Partei (EFP), danach in der FDP (au Backe!), dann zwei Jahre in der Rheinlandpartei und anschließend wieder in der FDP. Welche Erfahrungen nehmen Sie aus Ihrer „Politikerkarriere“ mit?

Lichtschlag: Seit 20 Jahren gehöre ich keiner Partei an, das waren also alles Jugendsünden, vielfach auch einfach nur Interesse. Bei EFP und Rheinlandpartei – übrigens beides vergleichsweise liberale, fast libertäre Mini-Parteien damals – war ich, soweit ich mich erinnere, formell gar nicht Mitglied. So verbindlich war ich in meiner recht wilden Jugend nämlich gar nicht. Ich habe da lediglich mal neugierig ein paar Veranstaltungen besucht. Meine angebliche Parteimitgliedschaft steht dennoch auf Wikipedia, einzige Quelle: ein halbironischer Verweis von mir in einem humorig geschriebenen Rückblick auf junge Jahre – was mehr über die Qualität der deutschen Wikipedia aussagt als über mich. Aber Sie haben gewissermaßen recht mit dem, worauf Sie hinauswollen: Denn immerhin habe ich damals Parteien und vor allem typische Parteimitglieder kennengelernt. Interessant war die Erfahrung, dass diese persönlich manchmal auch sehr netten Zeitgenossen eigentlich alle nur zufällig in der Partei X oder Y waren, die hätten fast alle auch in der jeweils anderen Partei sein können oder auch Mitglied der Partei Z. Es waren nach meiner Erfahrung besondere Typen Mensch, die sich oft ein Leben lang in einer Partei wie der CDU oder der FDP engagieren. Die politische Ausrichtung spielte eher eine untergeordnete Rolle. Das ist vielleicht heute bei der großen gesellschaftlichen Spaltung im Falle der AfD noch etwas anderes, aber für alle anderen gilt das vermutlich immer noch.

Krautzone: Halten Sie in diesem Zusammenhang die AfD aus libertärer Sicht für eine Alternative oder glauben Sie, dass sich der „nationalkonservative“ Flügel gegen die „Wirtschaftsliberalen“ um Boehringer, Weidel und von Storch durchsetzen wird?

Lichtschlag: Grundsätzlich halte ich Charakter für wichtiger als Gesinnung. Mittel- und langfristig ist eine Position des „Weniger Politik wagen“ in der Politik und mit Hilfe von politischen Parteien nicht durchzuhalten. Die politischen Anreizsysteme wirken langsam, aber gewaltig. Und wie wir mit Lord Acton wissen: Macht korrumpiert, am Ende immer. Deshalb setzen sich in allen Parteien mit der Zeit die Sozialdemokraten durch, egal mit welchem Etikett sie sich versehen. Dennoch hat die AfD als Ganzes – die Flügelkämpfe interessieren mich nicht besonders – in meinen Augen eine einzige wichtige Funktion: Als Mess- und Tat-Instrument für mehr Meinungsbreite und Meinungsfreiheit.

Krautzone: Das Thema unserer aktuellen Ausgabe ist Eigentum. Ihre Zeitschrift trägt den Begriff in abgewandelter Form sogar im Namen. Warum ist Eigentum aus Ihrer Sicht so zentral für das Zusammenleben der Menschen, und was ist das überhaupt genau: Eigentum?

Lichtschlag: Im von mir vor mehr als 20 Jahren verfassten Gründungsmanifest von eigentümlich frei versuchen wir, diese Frage zu beantworten. Ich zitiere: „Eigentum – das ist der Schlüssel zur Freiheit. Um Eigentum und Freiheit dreht sich in eigentümlich frei vieles. Denn Menschen unterscheiden sich in ihrer Vorstellung vom Glück. Erst mit seinem Eigentum kann jeder tun und lassen, was er für richtig hält, ganz eigentümlich und freisinnig – wofür die Buchstaben ef auch stehen. Der Massenmensch dagegen ist eine Nummer, austauschbar und gewöhnlich. Er muss andere um Erlaubnis bitten. Und er wird dabei zwangsläufig feige und verlogen. Es gibt immer zwei Wege: Sozialismus oder Eigentum, Politik oder Freiheit. Die reale Staatsquote – inklusive versteckter Steuern und Abgaben wie GEZ oder IHK sowie Monopolkosten für Steuerberater oder Schornsteinfeger – hat längst 70 Prozent überschritten. Zum Vergleich: In der Sowjetunion betrug die reale Staatsquote am Ende etwa 85 Prozent – 15 Prozent Markt in Nischen sorgten dafür, dass die Menschen nicht verhungerten. Wir sind erneut auf dem besten Wege in den totalitären Sozialismus.“

Krautzone: Bei der letzten Ludwig-von-Mises-Konferenz lautete eine Publikumsfrage: „Was ist der Unterschied zwischen Libertarismus und Anarchismus?“ Die Antwort von Thorsten Polleit war kurz und knackig: „Privateigentum“. Teilen Sie diese Einschätzung?

Lichtschlag: Vor 20 Jahren habe ich als damals noch recht frischer Libertärer auch Veranstaltungen von Linksanarchisten in der Tradition von Bakunin und Kropotkin besucht, weil ich dachte, da gebe es aufgrund der Staatskritik Gemeinsamkeiten. Diese Leute verachten Privateigentum, das stimmt. Sie verachten übrigens auch Religion, Tradition und Familie. Was ich damals noch herausfand: Sie kritisieren den Staat aus genau entgegengesetzten Gründen wie wir Libertären: Sie hassen den Staat, gerade weil der in ihren Augen Privateigentum, Religion, Tradition und Familie angeblich schützt! Wir kritisieren den Staat, weil der tatsächlich dies alles angreift und zerstört. Übrigens war das Wort „libertär“ damals, als wir mit eigentümlich frei anfingen, noch eher ein Synonym für diesen kommunistischen, linken Anarchismus. Das Wort haben wir uns erobert, diesen Erfolg dürfen wir uns mit ef durchaus auf die Fahnen heften. Manche wollen zusätzlich das Wort „Anarchie“ entsprechend für eigentumsorientierte Libertäre erobern – aber ehrlich gesagt ist das kein Wort mit besonderem Sexappeal. Wichtiger wäre in meinen Augen heute, wenn wir schon bei Begriffen sind, das Wort „libertär“ vor Verwässerung zu schützen. Wer sich inzwischen alles als „libertär“ bezeichnet, das verwirrt zuweilen. Nicht dass „libertär“ so wie „liberal“ irgendwann für nichts mehr steht als Friede, Freude und Eierkuchen.

Krautzone: Kritiker, darunter auch linke Libertäre, kritisieren die Überhöhung von Eigentumsrechten im Libertarismus. Darf es vollständige Nutzungsrechte an natürlichen Ressourcen geben? Ist nicht beispielsweise mein eigener Wald Teil eines übergeordneten Ökosystems, das alle Menschen beeinflusst? Ist es daher nicht legitim, Nutzungs- oder Eigentumsrechte an bestimmte Vorgaben zu koppeln?

Lichtschlag: Die Frage ist doch: Wer macht dann die Vorgaben? Hat derjenige nicht immer auch eigene Interessen? Und wäre es nicht sehr gefährlich, diesem Sonderrechte durch ein Zwangsmonopol zuzugestehen? Wir sind schließlich alle nur Menschen. Und deshalb halte ich eine gesunde Konkurrenz und freiwilliges Miteinander auf dem Markt immer für den besseren Entscheidungsmechanismus. Auch für das Stück Waldfläche. Auch und gerade für Fragen der Nutzung von knappen Ressourcen.

Krautzone: Häufig beruhen die Eigentumsverhältnisse in der Gegenwart auf illiberalen Gesellschaftsordnungen in der Vergangenheit. Die vermeintliche „Freiheit“ im Libertarismus schafft in diesem Sinne keine Gerechtigkeit, da sie Zwang und Herrschaftsverhältnisse aus der Vergangenheit in die Gegenwart überträgt. Müssten nicht beispielsweise viele Adlige enteignet werden, um echte Liberalität sicherzustellen?

Lichtschlag: Es gibt einige libertäre Denker, die sich mit solchen Fragen sehr ausführlich beschäftigt haben. Ich halte das im praktischen Sinne für wenig zielführend. Sie kennen sicher die vielen Beispiele, nach denen man Armen sehr viel Geld gibt, etwa durch einen Lottogewinn – und nach wenigen Jahren sind sie doch wieder arm. Oder die Reichen, denen man alles abnimmt, etwa durch Enteignung mittels Politik oder Pistole – und nach wenigen Jahren sind sie an anderer Stelle wieder sehr reich. Ich glaube, der Status quo der Eigentumsverteilung wird überschätzt. Fangen wir einfach heute an mit freien Märkten – und die alte Eigentumsverteilung, auch der Reichtum der heutigen Nettostaatsprofiteure, wird schon spätestens nach ein oder zwei Generationen gar keine Rolle mehr spielen. 

Krautzone: Ein häufiger Vorwurf gegenüber Libertären ist die geistige Nähe zum Sozialdarwinismus. Der Libertarismus befürwortet eine Welt, in der die Starken und Leistungsfähigen durch Kapitalanhäufung immer mächtiger und einflussreicher werden, während Menschen mit schlechten Startbedingungen oder geringen Fähigkeiten zurückfallen. Was entgegnen Sie den Kritikern?

Lichtschlag: Hatte ich schon erwähnt, dass ich das Wort „Libertarismus“ gar nicht mag? Libertäre vertreten schlicht konsequent liberale Ideen, nachdem diese von den Liberallala-Liberalen aufgegeben wurden. Dies vorausgeschickt zu Ihrer Frage. Freie Märkte sind Wohlstandsmaschinen, die insbesondere den Armen sehr nützen. Schauen Sie sich beliebige Länder mit freieren Märkten an und vergleichen Sie die Lebensbedingungen dort mit denen in Ländern mit vergleichsweise weniger Privateigentum. Etwa in den 70ern die DDR mit der BRD. Oder heute Nordkorea mit Südkorea. Gerade den ärmeren Südkoreanern geht es tausendmal besser als den ärmeren Nordkoreanern, die Grassuppe löffeln. Schauen Sie auf die aktuelle Situation in Venezuela: Sozialismus ist ein Todestrieb und sicher das Schlimmste, das man gerade den Armen an Perspektive bieten kann. Libertäre wollen gerade auch die heutigen Armen dazu motivieren, ihr Schicksal selbst in die Hand zu nehmen, so dass sie vor allem auch ihren Stolz und ihre Selbstachtung zurückgewinnen, denn beides wurde ihnen als Bittsteller bei Bürokraten und als Sozialstaatskonsumenten systematisch abtrainiert. Sozialismus ist im Kern eben menschenverachtend und tatsächlich in höchstem Maße asozial. Schließlich ganz konkret und wirklich ehrlich: Ich kenne kaum sozialere Menschen im persönlichen Umgang als ausgerechnet einige der radikalsten Libertären. Vergleichen Sie diese Charaktere mal mit denen von Politikern, die den Begriff „soziale Gerechtigkeit“ wie eine Monstranz vor sich hertragen – stets auf anderer Leuts Kosten natürlich.

Krautzone: Aus konservativer Sicht interessiert uns noch die Frage, wem aus Ihrer Sicht Deutschland „gehört“. Ist das Land Eigentum der Deutschen, also quasi Volkseigentum, über das sie souverän entscheiden können? Oder wem gestehen Sie die Eigentumsrechte an Straßen, Städten oder der Landschaft zu?

Lichtschlag: Ich würde Straßen, Städte und Landschaft lieber heute als morgen privatisieren. Denn Gemeineigentum ist erstens Raub, zweitens eine Fiktion, und drittens und vor allem funktioniert dieses Konzept nicht. Sinnbild von Gemeineigentum sind öffentliche Toiletten. Vergleichen Sie diese einmal mit dem Klo bei Ihnen zu Hause, dann erkennen Sie den Unterschied zwischen Gemeineigentum und Privateigentum. Deshalb, auch aus Liebe zu Deutschland: Hören wir endlich auf, unser Land zu einem riesengroßen öffentlichen Abort verkommen zu lassen!

Krautzone: Sie haben auf einer Konferenz im Jahr 2015 bezüglich der Flüchtlingskrise gesagt, dass Sie den Eindruck hätten, dass die übrigen Teilnehmer besorgt und nervös seien, ganz anders als in den Jahren zuvor. Wo sehen Sie Deutschland nach drei Jahren Dauerflüchtlingskrise?

Lichtschlag: Politisiert und polarisiert wie zuletzt vielleicht vor 1933 oder nach 1968.

Krautzone: In demselben Interview haben Sie gesagt, dass Sie glauben, Einheimische und Flüchtlinge würden gegeneinander in Stellung gebracht. Nach drei Jahren fällt es leicht, Sie in Ihrer Einschätzung zu bestätigen. Was erwarten Sie diesbezüglich in den kommenden Jahren? War Chemnitz erst der Anfang? Und wie viele Jahre geben Sie unserem Sozialstaat noch?

Lichtschlag: Chemnitz zeigt, wie tief der immer tiefer werdende gesellschaftliche Graben, die Spaltung und die Polarisierung bereits vorangeschritten sind. Der Sozialstaat wird natürlich irgendwann zusammenbrechen. Aber kranke Systeme können leider lange von der Substanz leben, die Sowjetunion brach erst nach 70 Jahren zusammen. Ich halte es dennoch für eher wahrscheinlich, dass ich mit meinen jetzt 50 Jahren einen Systemzusammenbruch noch persönlich erleben werde. Eine Perspektive, die mich gar nicht unbedingt freut, denn vermutlich wird ein sich ja bereits ankündigender Umbruch auch sehr ungemütlich. Natürlich werden in solchen Situationen auch gerne Sündenböcke aufgebaut, für die einen sind es „die Rechten“, für die anderen „die Migranten“. Tatsächlich ist es aber das Mittel der Politik, das Zwangsmonopol, das uns in eine immer größer werdende Krise stürzt. Wir sollten nicht aufhören, darauf hinzuweisen.

Krautzone: Ein Kommentator eines Ihrer Interviews schreibt bezogen auf eigentümlich frei:„Dieses Magazin hat sich von interessanten anarchokapitalistischen Gedankenspielen hin zu einem reaktionären konservativen Schmierenblatt entwickelt.“ Halten Sie diese Kritik für vollkommen absurd oder gestehen Sie dem Kommentar einen Funken Wahrheit zu?

Lichtschlag: Tatsächlich schreiben in eigentümlich frei seit vielleicht 15 Jahren auch reaktionäre und konservative Autoren, anders als in der Startphase. Das macht eigentümlich frei hoffentlich nur interessanter und spannender. Die libertäre Grundrichtung wurde zu keinem Zeitpunkt in Frage gestellt, und heute, bei zunehmender durch Politisierung hervorgerufener gesellschaftlicher Spaltung halte ich gerade den libertären Ansatz für wichtiger denn je. Wachsende Auflagenzahlen bestätigen mich in dieser Vermutung.

Krautzone: Und der konservative Ansatz?

Lichtschlag: Der hat in Verbindung mit dem libertären seine ganz eigene Berechtigung, denn libertäre Ideen sind wertneutral. Hier geht es immer nur um den sinnvollen Entscheidungsmechanismus mittels Markt und Privateigentum statt Staat und Kollektivismus. Jeder Mensch aber hat auch Werte und Ziele – und ich bin davon überzeugt, dass konservative Werte und Ziele besonders gut mit den libertären Mitteln harmonieren. Sozialisten greifen ja auch immer beides an – das Privateigentum und eben auch Familie, Religion und Tradition. Auf der anderen Seite kann man mit dem libertären Instrumentarium allein bestimmte Fehlentwicklungen als solche gar nicht erkennen und benennen. Denken wir etwa an den Schamverlust, den Gender-Wahn oder die Sexualisierung der Öffentlichkeit.

Krautzone: Welches Instrumentarium wird hier zur Analyse benötigt?

Lichtschlag: In den genannten Bereichen, so schätze ich, ein religiöses Bewusstsein. Im Christentum erfordert das nicht zuletzt Demut. Und diese führt mich zu einem weiteren wichtigen Punkt: Ich glaube nämlich, dass Libertäre eine Portion konservativen Realismus benötigen, um bescheidener aufzutreten. Ich mag die großen Worte wie „Anarchie“ oder „Libertarismus“ auch aus diesem Grunde nicht, dass sie nach ganz großen Entwürfen klingen, als ob Libertäre die Weisheit mit Löffeln gefressen haben. Das wirkt insbesondere aus dem Munde von sehr jungen Libertären, die bislang nichts im Leben erreicht haben, eher peinlich. Libertären stünde es besser an, wenn sie im Kleinen argumentieren und sich in Einzelfragen zu Wort melden. Etwa so: „Der Staat schadet im Bildungsbereich weit mehr, als er nutzt, weil…“ Oder: „Auch im Geldwesen sollte es besser Konkurrenz geben, so dass…“ Ich würde es bevorzugen, wenn es gar keine große libertäre Vision gäbe, sondern nur die bescheidene libertär-konservative Erkenntnis, dass sich in den Bereichen x und y der Staat nicht als Problemlösungsmechanismus bewährt hat – um es gelinde auszudrücken für eine Organisation, die sich oft genug in der Geschichte schlicht als Massenmörder herausgestellt hat.

Krautzone: In einem Artikel für die Zeitschrift „Criticón“ haben Sie einmal geschrieben, dass Sie „der demokratischen Staatsform skeptisch bis feindlich“ gegenüberstehen. Sind Sie ein Verfassungsfeind, lehnen Sie unsere freiheitlich-demokratische Grundordnung ab?

Lichtschlag: Ich bin davon überzeugt: Wenn drei Menschen zusammenleben und zwei davon per Mehrheitsbeschluss den dritten ermorden oder ausrauben, dann ist das Unrecht und kein Recht. Wissen Sie, ich bin auch Vater: Jedes Kleinkind kann Mein und Dein unterscheiden. Sogar jeder Hund kann das instinktiv. Wir sollten das auch als Erwachsene wieder lernen. Ich hoffe, dass dies zu wünschen wenigstens von der Meinungsfreiheit und auch durch die Verfassung in diesem Staat gedeckt ist. Übrigens sollten Libertäre die große Polarisierung und Politisierung nicht auch noch vorantreiben.

Krautzone: Was dürfen wir in den nächsten Jahren noch von eigentümlich frei erwarten? Sie haben kürzlich ein eigenes Radioprogramm geschaffen und laden seit einigen Jahren zur ef-Konferenz und zum Jungautorenwettbewerb ein. Was haben Sie noch für Pläne?

Lichtschlag: Zum erwähnten Lightbeat Radio kommt noch unsere auch noch recht neue englischsprachige Webseite „equity & freedom“, dazu Konferenz und Jungautorenwettbewerb seit bald fünf Jahren, richtig. Diese vier noch recht jungen „Kinder“ müssen wir erst mal hegen, pflegen und großziehen, wobei ich sie alle auf einem guten Weg weiß. Danach sehen wir weiter. Und zwischendurch halten wir die Augen auf. Denn Chancen sollte man nutzen.

Das vorstehende Interview ist zusammen mit vielen anderen interessanten Artikeln in der aktuellen Ausgabe Nr. 7 der „Krautzone“ zu finden.


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