03. Oktober 2018

Besuch des türkischen Präsidenten Erdoğan in Deutschland Ein Wink aus der Zukunft

Eine Farce und ein Desaster

von Jörg Seidel

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Bildquelle: thomas koch / Shutterstock.com Zeigt gern das Rabia-Zeichen: Recep Tayyip Erdoğan

Wenn man sich Erdoğans dreitägigen Deutschlandbesuch noch einmal vor Augen führt, nur gespeist aus den offiziellen Medienmitteilungen, dann kann es aus deutscher Sicht nur ein Wort, ein trumpeskes Wort geben: Desaster!

Unserer Presse kann das wahre Ausmaß dieser Heimsuchung gar nicht zu Bewusstsein kommen, weil sie die Schlüsselvokabeln, die man dazu bräuchte – „Stolz“ und „Ehre“ – längst aus ihrem Vokabular gestrichen hat.

Nicht nur, dass die Stadt Köln und die ganze Republik sich selbst ein riesiges Ei, ein Kuckucksei wohl, ins Nest gesetzt haben, von dem noch niemand weiß, wer und was zum Kuckuck daraus schlüpfen wird – da wir aber wissen, wer es ausbrütet, dürfen wir zumindest Vermutungen anstellen –, nein, man lässt sich auch noch bewusst vorführen und lächerlich machen.

Der gesamte Besuch war eine Farce, aus der man freilich eine Menge lernen kann. Das heißt: Wir können daraus lernen – die lernen‘s nicht mehr. Und wenn, dann erst, wenn es zu spät ist. Sie benehmen sich wie ein nasser Drosselrohrsänger, der gerade aus dem Nest gedrängt wurde und sich nun kraftlos im Röhricht liegend klagend beschwert, verdrängt worden zu sein, und im Übrigen aus Protest auch ablehnt, wieder aufgenommen zu werden.

Reihenweise sagte die politische Prominenz die Teilnahme an der Eröffnung des Gottes-Eis ab. Oberbürgermeisterin Reker ließ verkünden: „Ich bedauere es sehr, dass die Gesamtumstände des Besuches des türkischen Präsidenten dazu geführt haben, dass ich den Entschluss fassen musste, der Eröffnung der Moschee fernzubleiben.“ Ich glaube, wir kennen alle einen, den das die Bohne juckt.

Das ist umso erstaunlicher, als wir seit Wochen lesen, wie fürchterlich schlecht es um Erdoğan bestellt sei. Merkel etwa war schnell zur Hand, ihr Interesse an einer stabilen Türkei zu bekunden, und die Frage, ob und wie viel man bereit sei, zu spenden, wurde öffentlich diskutiert. Nun müsste man einen Bittsteller erwarten, der ein wenig taktische Demut zeigt. Aber Erdoğan trat auf wie Graf Rotz, oder, um es positiv auszudrücken: wie ein echter Staatsmann zu Hause auftreten sollte. Dafür wurde er in Deutschland mit großem Bahnhof, militärischen Ehren und Staatsbankett empfangen.

Man hatte den Eindruck, dass da einer kommt, der weiß, wie man sich ihm gegenüber zu verhalten hat. Den Bundespräsidenten wies er gegen alles Protokoll zurecht, als dieser begann, die zarte Andeutung einer möglichen eventuellen Kritik vorzutragen, durch den Berufsempörer Özdemir schaute er wie bei einem Glasmännchen hindurch und ließ ihn ungerührt stehen, die Kanzlerin grinste er erheitert an, als ein protestierender deutsch-türkischer Journalist vor aller Augen abgeführt wurde und die sonst so eifrigen Presseleute aller Organe brav dabei zusahen, ja, er kredenzte ihr auch noch eine Wunschliste mit 69 auszuliefernden „Terroristen“ (deutsch: Kritiker und Aktivisten), obwohl er erst 65 Jahre alt ist und im Februar Geburtstag hat. Can Dündar blieb einer Pressekonferenz fern, damit Erdoğan teilnehmen kann, türkische Sicherheitskräfte übernahmen selbstherrlich polizeiliche Aufgaben… Und so ging es tagaus, tagein.

Umgekehrt verteidigte Erdoğan Özil und Gündoğan und fragte, was daran verwunderlich sei, wenn zwei Fußballer ihrem Präsidenten huldigen. In der Tat! Gipfelpunkt war vielleicht der Wink mit der Rabia-Hand, dem Gruß der Muslimbruderschaft. Die Botschaft war klar und eindeutig; selbst die deutsche Presse konnte die eine Hälfte davon nicht mehr missverstehen: „Es gibt keinen liberalen Islam“. Die andere Hälfte dürfte lauten: Und bald herrscht er auch über euch.

Warum aber kommt es dazu, dass unsere höchsten Repräsentanten nicht in der Lage sind, derartige Dreistigkeiten adäquat zu kontern? Es gibt wohl drei wesentliche Gründe.

Zum einen ist man abhängig von Erdoğan. Er hält uns die aus dem Osten drängenden Flüchtlinge und Migranten vom Hals, die, sollten sie je wieder mobil werden, nach den 2015er und Folgeerfahrungen politisch keinen Stein auf dem anderen stehen lassen würden, und dafür geht man jedes demütigende Abkommen ein.

Zum zweiten herrscht Erdoğan über eine eigene Armee in unserem Land. Auch wenn es in der türkischen Gemeinde Kritik an ihm gibt, der Großteil der Türken in Deutschland, vor allem die männliche Jugend, hört auf sein Wort. Immer wieder schreien junge Menschen ihre bedingungslose Loyalität in die Kamera. „Die gleiche Luft zu atmen wie er“, sagt eine junge Frau und erhebt ihn quasi ins Göttliche.

In diesem Kontext und angesichts der wie bestellten rechtsterroristischen Gruppe just in Chemnitz war auch die interessante Information zu bekommen, dass es 18.000 (in Worten: achtzehntausend) türkische Rechtsextreme in Deutschland gebe.

Zum dritten aber hat sich unsere sogenannte politische Elite, die längst nichts Elitäres mehr ausstrahlt, selbst durch politische Korrektheit, Sprachverbote, Denkverbote und politische Abhängigkeiten entmannt. Sie hat sogar vor sich selbst keinen Respekt mehr, und nichts stellt das besser dar – wenn auch aus Frankreich – wie jenes Selfie zweier Jugendlicher mit Macron (Merkel-Evokationen nicht zufällig): aus der Balance, Oberkörper frei, Hose in der Kimme, in Unterbuxe und mit Stinkefinger – und das Staatsoberhaupt lächelt dazu.

Man stelle sich Erdoğan in solcher Situation vor…

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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