17. August 2018

Wirtschaftliche Lage am Bosporus Die Türkei wird nicht pleitegehen, Erdoğan wird bleiben

Warum Deutschland vom USA-Türkei-Konflikt profitieren kann

von Viktor Heese

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Bildquelle: shutterstock Deutschland könnte profitieren: Konflikt zwischen den USA und der Türkei

Das Warten auf die „Pleite“ der Türkei und den Fall Erdoğans bringt wenig. Diese Wünsche sind genauso unrealistisch wie einst im Falle Russlands. Die ökonomisch starke Türkei liebäugelt mit dem BRICS-Beitritt. China und Russland würden im Notfall mit Krediten einspringen.

Schwache Wirtschaftsdaten werden exponiert, starke Daten verschwiegen

Wenn Systemmedien „undemokratische Volkswirtschaften“ an den Pranger stellen, bauschen sie schwache Seiten auf und verschweigen Erfolge. Auch im Falle der Türkei hört der GEZ-Zuschauer pausenlos von Lira-Crash, Hyperinflation und steigender Auslandsverschuldung. Über die Konjunkturstärke, die geringe Inlandsverschuldung, den neuen Touristikboom und hohe Devisenreserven erfährt er so gut wie nichts. Will er ein ausgewogenes Bild bekommen, sollte er die seriösen Quellen heranziehen.

Die Wirtschaft ist „labil“, ist aber nicht in der Krise

Die bundesfinanzierte „Germany Trade and Invest“ (GTAI) spricht von der „Gefahr einer harten Landung“. So etwas gibt es in Ländern, die stark wachsen, wie eben der Türkei mit zuletzt 5,5 Prozent, oft. Auch China soll mit wirtschaftlicher „Überhitzung“ zu kämpfen haben. Aber nur Wachstum bringt Schwellenländer voran. Wenige wissen, dass die Türkei mit einem Bruttoinlandsprodukt von 2,2 Billionen US-Dollar im Jahr 2017 von der Wirtschaftskraft her mit Italien vergleichbar ist.

Lira-Verfall mit nur geringer konjunktureller Auswirkung

Eine starke Währung ist nur für Länder wichtig, die viel Außenhandel treiben und auf das Auslandskapital angewiesen sind. Die türkische Wirtschaft ist aber nur halb so stark vom Außenhandel abhängig wie die deutsche. Den Schwerpunkt der Handelsbeziehungen bilden die Schwellenländer. Wenig deutet darauf hin, dass Auslandsinvestoren das Land meiden werden, zumal Erdoğan das Anlageklima verbessert.

Fazit: Der Lira-Verfall schadet genauso wenig wie 2014 bis 2015 der des Rubels. Mehr noch: Die billige Währung wird den Touristik-Boom des Mittelmeerstaates wieder anheizen. Zudem wird Erdoğan die Landeswährung stützen.

Auslandsverschuldung im Vergleich zu Italien ungefährlich

Die USA versuchen mit Zöllen, Kreditverweigerungen (Druck auf den IWF!) und Rating-Herabstufungen die Türkei in die Knie zu zwingen. Das wird misslingen. Die Hälfte der Gesamtverschuldung der Türkei von 450 Milliarden US-Dollar (Italien, Frankreich und Deutschland weisen zwei Billionen Euro aus) entfällt auf das Ausland. Der Anleihenmarkt sieht keine „Pleite“. Für eine fünfjährige Euro-Staatsanleihe werden 4,5 Prozent Rendite gezahlt, für eine türkische aber sechs Prozent. Das Land könnte jederzeit umschulden, weil China, Russland, einige Golfstaaten und die BRICS-Bank ihm Geld leihen würden. Auch europäische Großbanken sitzen in der „Türkei-Kreditfalle“, wie vormals in anderen „Fallen“. Im Notfall werden Rettungsschirme aktiviert.

Auch die türkische Börse bleibt ruhig

Während unsere Systemmedien über Panik, Kapitalflucht und Crash-Gefahr für die Börsen oder das Elend der Bevölkerung (die Arbeitslosigkeit in der Türkei ist mit zehn Prozent niedriger als in vielen EU-Staaten) berichten, bleiben türkischen Aktien auf langfristigem Rekordkurs. Der Aktienindex ist in den letzten zehn Jahren 126 Prozent gestiegen und im letzten Jahr 14 Prozent gefallen. Einheimische Anleger bekommen mehr als den Inflationsausgleich von zehn Prozent.

Nicht nur aus dem Nato-Austritt der Türkei könnte Deutschland Nutzen ziehen

Die Deutschen erkennen nicht den Nutzen, den ihnen ein Bruch der Türkei mit den USA – wir würden wohl die US-Position stützen – brächte. Die Nato-Auflösung käme näher, der Militärkonflikt mit dem Iran wäre unwahrscheinlicher (Ausfall der Türkei als US-Aufmarschgebiet), der Druck auf die hiesige Flüchtlingspolitik wegen Öffnungsgefahr der Balkan-Route würde zunehmen, die Gaslieferung über Turkish Stream wäre gesichert.

Dieser Artikel erschien zuerst auf finanzer.eu.


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