26. August 2018

Jethro Tull am 24. August 2018 auf der Freilichtbühne Zwickau Ein Abend voller Nostalgie

Auch wenn Ian Anderson inzwischen ein bisschen krächzt…

von Frank W. Haubold

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Bildquelle: Girish Menon / Shutterstock.com Seit 50 Jahren auf der Bühne: Ian Anderson mit Jethro Tull

Nun hat es also doch noch geklappt. Nachdem wir vor der Wende nur davon träumen konnten, Gruppen wie Jethro Tull, Genesis oder Pink Floyd einmal live zu erleben, war das nach 1989 kein Problem mehr. Nur fehlte am Anfang das notwendige Kleingeld und später häufig genug auch der Enthusiasmus, zu auswärtigen Großkonzerten zu fahren, um am Ende die Idole von einst doch nur fernab der Bühne zu erleben.

Jetzt aber Zwickau, kaum zehn Kilometer entfernt. Das war eine Chance, die ich mir trotz durchwachsener Wettervorhersage nicht entgehen lassen wollte. Und ich hatte Glück; die Regenwolken verzogen sich, an der Abendkasse gab es noch Karten, und auch die Sorge, keinen Sitzplatz mehr zu bekommen, erwies sich als unbegründet. Also einen Platz gesichert, Bier und Wiener Würstchen konsumiert, und schon legte die Vorgruppe los. Die Band namens „Osaka Rising“ war mir bis dato unbekannt, aber sie entwickelte trotz Minimalbesetzung (Keyboard, Drums) nicht nur enorme Lautstärke, sondern präsentierte sich auch äußerst stimmungsvoll und musikalisch ansprechend. Das erklärte Vorbild Jon Lord war zudem unverkennbar. Danach war Pause, eine ziemlich lange sogar, weil noch umgebaut werden musste.

Kurz nach 20 Uhr war es dann so weit, der Meister Ian Anderson und seine Crew betraten die Bühne und legten auch ohne große Vorrede sofort los. Anderson kann ohne Übertreibung eine lebende Legende genannt werden, denn auch nach 50 Jahren waren Energie, Bühnenpräsenz und Querflötenspiel von allererster Güte. Seine Stimme allerdings – das war schon den letzten Alben anzumerken – hat mit den Jahren einiges an Dynamik und Ausdrucksfähigkeit verloren, was Anderson aber durch Charisma und Selbstbewusstsein gut zu kompensieren wusste. Manchmal hatte ich sogar den Eindruck, er kokettiere mit diesem Manko, denn gerade das kurze Finale von „Thick as a Brick“ hätte er gewiss auch melodiöser rüberbringen können, aber wie ein zufriedener Rabe schien er das eigene Gekrächze zu genießen.

Die Band – obschon mit sehr guten bis hervorragenden Musikern besetzt (herausragend Florian Opahle an der Leadgitarre) – spielte angesichts der Omnipräsenz des Meisters zumeist die zweite Geige. Immerhin gestattete Anderson dem Schlagzeuger und Opahle eigene Soli (Letzterer mit einer an Jimi Hendrix gemahnenden Version von Bachs Toccata und Fuge in d-Moll). Dennoch muss konstatiert werden, dass Jethro Tull von heute eher „Ian Anderson & Band“ genannt werden sollte, und ich kann verstehen, dass frühere Mitstreiter wie Martin Barre, dessen Riffs die Musik von Jethro Tull mitgeprägt haben, diese Dominanz irgendwann leid waren.

Ansonsten war das Programm ein Querschnitt der Alben vor allem der frühen Jahre, mit Highlights wie „Bourée“, „Too Old to Rock’n‘Roll“ und natürlich „Aqualung“ und als Finale „Locomotive Breath“. Ich hätte mir einen längeren Ausschnitt aus „Thick as a Brick“ gewünscht, dem wohl musikalisch anspruchsvollsten Konzeptalbum seiner Zeit, aber die Gruppe konnte ja nicht wissen, dass ich seit 40 Jahren mit den Gitarrenparts kämpfe...

Auf Zugaben durfte das Publikum nicht rechnen, denn natürlich ist Anderson ein Profi, der nur genau das abliefert, wofür er auch bezahlt wird. Außerdem waren die Ränge nur spärlich besetzt, und für mich litt die Atmosphäre auch darunter, dass ein ständiges Kommen und Gehen zwecks Biererwerbs und sonstiger Verrichtungen herrschte, das die Konzentration auf die Musik störte. Ausgesprochene Jethro-Tull-Fans waren wohl in der Minderheit, denn bei weniger bekannten Titeln herrschte nur mäßige Aufmerksamkeit. Warum man allerdings 65 Euro für eine Karte ausgibt, wenn man nur Bier trinken und sich schön unterhalten will, ist mir ein Rätsel, aber sei‘s drum.

Was bleibt, ist ein Abend voller Nostalgie, mit einem großartigen Ian Anderson und sehr guten Musikern, und auch wenn der Meister inzwischen ein wenig krächzt, weckte doch jeder Ton Erinnerungen, die ich nicht missen möchte.


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