15. August 2018

Psychologische Studie von Miron Zuckerman und Ed Diener über den Glauben an Gott und an den Staat Wissen oder glauben?

Wer als Freier leben will, sollte sich die Frage stellen

von Frank Jordan

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Bildquelle: shutterstock Entscheidende Frage: Wissen oder glauben?

Eine Studie von Psychologen um Miron Zuckerman von der University of Rochester und Ed Diener von der University of Virginia, die im April im Fachblatt „Personality and Social Psychology Bulletin“ veröffentlicht wurde, zeigt auf, dass ein Zusammenhang zwischen dem Glauben an einen Gott und der Fürsorge, die ein Staat seinen Bürgern bietet, besteht. Das Ergebnis der Studie, in deren Rahmen zwischen 2005 und 2009 mehr als 455.000 Personen aus 155 Ländern befragt wurden: Je weniger Sicherheit säkulare Instanzen den Menschen bieten, desto eher wird nach dem Beistand Gottes gesucht. Oder andersrum: Wo der Staat ein alles kontrollierender Wohlfahrtsstaat ist, brauchen die meisten keinen Gott. Europas leere Kirchen bestätigen es.

Die Wissenschaftler kommen denn auch zu dem Schluss, dass nicht der Inhalt einer Glaubenslehre die Menschen zu Gläubigen macht, sondern ihr psychisches Bedürfnis nach Sicherheit, Halt, Kontrolle und Trost. Im Umkehrschluss bedeutet das: Je größer das Vertrauen in die letztendliche Verantwortlichkeit des Staats für das persönliche Wohlergehen eines jeden Einzelnen ist, desto weniger braucht es die Vorstellung eines gerechten, liebenden und eingreifenden Gottes.

Wer also weiß, dass der Staat ihn nicht in Halt- und Trostlosigkeit, ins Unkontrollierte und Unsichere fallen lässt, und, sollte er doch fallen, nicht darin liegen lässt, hat keinen Glauben nötig. Wer hingegen der Meinung ist, das Leben in Freiheit bedeute, auf sich allein gestellt die Konsequenzen seiner Entscheidungen zu tragen, hat Tendenz, zu glauben. Dort Sicherheit durch Emanzipation und Aufklärung, hier der Hang zu krückenbewehrter Flucht aus der Unsicherheit ins Imaginierte. Dort die Rebellion des Geistes, hier der Glaube des Kindes. Kurz: Wissen braucht keinen Gott. Nichtwissen braucht ihn. So weit die Studie.

Wovon sie nicht spricht, ist, dass, was heute als Wissen gilt, auf dessen Grundlage gehandelt wird, längst bloß noch dessen Beschwörung und nicht mehr sein Ausdruck ist. Hinter den Formeln oft nur lauwarm hoffende Leere – ein Fest bequemen, sklavischen, geistig toten Glaubens an einen obrigkeitlich organisierten Harmonie-Terror, in dem Ungleichheit, Unberechenbarkeit, Chaos und Unsicherheit verboten sind.

Die Frage, welche Idee größere Glaubenskraft verlangt, drängt sich auf: Jene an einen persönlichen Gott oder jene an das Wohlwollen einer Gruppe von Menschen (Staat), die sich als Lenker, Vollender, Erneuerer und Retter geriert? Ist es wirklich die Spur des Verstandes, dem die Menschen folgen, wenn sie an die fehlerlos gute Absicht und Vollkommenheit staatlicher Geld‑, Sozial‑, Familien‑, Bildungs- und Migrationspolitik, der Gender- und Klima-„Wissenschaft“, an Gerechtigkeit, Wohlfahrt oder Rettung glauben?

Oder anders gefragt: Ist es emanzipiert und aufgeklärt, zu denken, irgendjemand anderer als man selber sei zuständig dafür, die fertige Form persönlichen Glücks für jeden Einzelnen bereitzustellen, während man selber befreit sei von der Arbeit und der Qual des Formens? Ist es stark und menschenwürdig, zu erwarten, das Vollendete werde frei Haus geliefert und man selber komme um die quälende Unsicherheit der Provisorien herum? Ist es fortschrittlich, zu denken, das Versuchen, das Scheitern, das erneute Versuchen nähmen aus selbstloser Berufung andere auf sich, während man selber ausschließlich ein Recht auf das Gelungene habe?

Nein. Das Gegenteil ist der Fall. Die Form ohne die Mühe und Beschwerden des Formens ist tot. Das Vollendete ohne das Wissen um die Stationen des Provisorischen hat keinen Wert. Das Gelungene ohne die Möglichkeit des Scheiterns ist nur Ware. Leben ohne Unsicherheit, also das, was der Staat vorgibt für die Menschen anzustreben, ist nicht Leben. Es ist eine freiwillige heimatlose Lagerexistenz hinter Mauern fauler Ignoranz. Aus purer Angst vor Gefährdung, vor Brüchen, vor Dissonanz. Angst vor der Anstrengung und den Grenzen des Verstehens, vor den zwingend sich einstellenden Widersprüchen jeder Wirklichkeitserfassung, vor dem Zwielicht des Zweifels, vor dem Nur-Ahnen und dem bewussten Sprung in den Glauben. Angst vor dem Leben.

Denn Tatsache ist und bleibt: Wer das volle Leben will, wer Freiheit will, wird glauben müssen. Zumindest an die Begrenztheit menschlicher Erkenntnis und daran, dass es „dahinter“ mehr gibt. Denn was wäre das denn für ein Halbleben, das sich beschränkt auf die Feststellung: „Alles ist, wie es ist, und das war‘s“? Was für eine dem Menschenmöglichen unangemessene Auffassung. Was für eine phantasielose Armut. Und vor allem: Was für eine naive Anmaßung, zu denken, man selber oder ein anderer Mensch, der es gut mit einem meine, sei im Besitz einer fehlerlosen Vernunft oder gar der Wahrheit. Es ist eine der ältesten und tödlichsten Lügen überhaupt.

Anstatt also aufeinander rumzuhacken und von oben und unten und von seitwärts auf einander herunter zu sehen, stellen wir uns der unmenschlichen Arroganz der Wahrheits- und Gerechtigkeits-Besitzer entgegen. Egal ob Christen oder Atheisten – wenn wir es aus freier Entscheidung und selbst errungener Überzeugung sind, dann wissen wir, dass wir glauben. Und dann wissen wir, dass, wer vorgibt, nicht zu glauben, sondern einzig zu wissen, uns bescheißt. Leben – Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft – bedeutet doch gerade das ahnende Erkunden des Möglichen, das tastende Aufscheuchen des Nur-Vorstellbaren, das Erringen und Akzeptieren einer Wirklichkeit, der mit Logik nie zu 100 Prozent beizukommen ist.

Die Frage nach Wissen oder Glauben ist eine, die jeder, der den Anspruch hat, als Freier zu leben, sich selber stellen sollte. Ebenso wichtig aber ist jene nach dem Nichtwissenwollen. Sie ist für uns, unser Leben und für unsere Zukunft als Gesellschaft mit großer Wahrscheinlichkeit entscheidend. Einmal mehr.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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