08. August 2018

Besuch eines alten Bekannten syrischer Herkunft Der Gute

Gestarrt wird immer auf die anders Aussehenden

von Jörg Seidel

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Bildquelle: shutterstock Ob mit Kopftuch oder ohne: Wer anders aussieht, wird angestarrt

Hussain, das bedeutet „der Gute“. Gut worin, das sagt der Name nicht. Wohl eine gute Seele, und diesbezüglich trägt „mein“ Hussain seinen Namen wohl zu Recht.

Wir treffen uns in der Stadt. Er kam, ein paar alte Freunde zu besuchen. An seiner Seite, zu meiner Überraschung – davon hatte er nichts erwähnt –, eine junge Frau. Das muss seine Verlobte sein. Da gibt es gleich zu Beginn den ersten „Test“: Wie wird sie sich verhalten? Den Handschlag verweigern, kein Wort sagen, sich unsichtbar machen? Nein! Freundlich gibt sie mir die Hand, lächelt, schaut mir in die Augen, und auch später wird sie angeregt und ohne Scheu am Gespräch teilnehmen. Ihr Deutsch ist überraschend gut, auch wenn sie die B2-Prüfung noch nicht abgelegt hat, und nur selten muss Hussain mal mit einer Vokabel aushelfen. „Pubertät“ zum Beispiel.

Wir gehen ein wenig spazieren, um die erste Befangenheit zu lösen. „Wie geht‘s“, und so. Aber es dauert nicht lange, und wir sind beim Eingemachten. Das lässt sich in Plauen kaum vermeiden. Der größte Unterschied zwischen Ost und West, das ist für die Syrer das Auffallen. Hussain bestätigt, was ich selber bemerke: „Die Leute starren einen hier an“, und diesmal sogar vielleicht noch mehr, denn neben dem Syrer und seiner Freundin unterm Kopftuch läuft ein Deutscher, kahl rasiert und in Gesundheitslatschen. Hussain hat sich nun bei mehr als 20 Universitäten für Humanmedizin beworben und ist sich ziemlich sicher, eine Zusage zu bekommen. Die Noten seines syrischen Abiturs jedenfalls stimmen und die Sprachnachweise auch. Sie hingegen möchte an die Handelsschule gehen und später Optikerin werden. Zuerst hatte sie, die den Namen „die Reine“ trägt, an einen Pflegeberuf gedacht, doch das sei bedeutend schwerer und auch in Syrien nicht so angesehen. Beide scheinen nun davon auszugehen, irgendwann, wenn die Ausbildungen beendet sind und wieder Frieden in Syrien herrscht, in die Heimat zurückzukehren.

Dann stehen wir unter einem Maulbeerbaum, der gerade seine süßen Früchte abwirft. In Ungarn konnte man Maulbeeren Anfang Juni essen. Hussain begrüßt sie mit einem freudigen Willkommen: „Das ist ‚tut‘“, sagt er, die gibt es in Syrien überall. Dabei sei „tut“ der Name für alle wilden Beeren, die man ansonsten nicht unterscheidet. Die Ungarn haben das ähnlich: Man unterscheidet nicht zwischen Maul- und Erdbeere – beide heißen „eper“. Wenig später stehen wir vor einer für Syrer unbekannten Frucht, der Johannisbeere – auch „tut“. Hussain kennt sie natürlich und isst ein paar Rispen. Letztes Jahr hat er sie vermutlich sogar am Obststand verkauft.

Im Stadtpark angelangt stehen wir am Teich und schauen einem Reiher zu. Das Thema Kopftuch lässt sich nicht vermeiden – bei der Hitze. Klar, es ist warm, aber das sei auch Gewohnheitssache, und in Syrien herrschten, trotz Hitzewelle in Europa, noch einmal ganz andere Temperaturen. Und im Übrigen trägt sie das Kopftuch nur hier, weil es in der Stadt viele Syrer gibt, man bei Landsleuten übernachtet und sie diese nicht vor den Kopf stoßen will. Zu Hause, in der Kölner Gegend, geht sie auch gerne ohne Tuch, und wenn sie im Herbst umziehen sollten, weil Hussain einen Studienplatz irgendwo in Deutschland bekommen hat, dann wollen sie es von Anfang an ohne Kopftuch versuchen. „Man muss sich den Gepflogenheiten des Landes anpassen“, sagt Hussain, und wenn man in Syrien Kopftuch trägt, dann trägt man eben Kopftuch, und wenn in Deutschland nicht, dann nicht.

Die Deutschen hätten zudem oft ein falsches Bild von Syrien. „Das“ Syrien gebe es nicht. In Syrien gibt es viele Völkerstämme, religiöse Ausrichtungen, Kulturen und Traditionen, und überall werden regionale Bräuche gepflegt. Das kann sich von Stadtviertel zu Stadtviertel ändern, erst recht von Region zu Region. In Latakia oder Damaskus kann man Frauen mit offenem Haar und kurzen Röcken sehen, und keiner stört sich daran, aber auf dem Land mag es Komplettverschleierte geben. Doch auch die werden angestarrt – wie die westlich gekleideten Frauen –, wenn sie in die falsche Gegend kommen. Ob hier oder dort: Gestarrt wird immer auf die anders Aussehenden.

Wir setzen uns in den Biergarten der „Tennera“ und trinken einen Kaffee. Niemand an den anderen Tischen nimmt Notiz von uns, die Bedienung ist freundlich und professionell. Die beiden bestellen sich Tiramisu. Aber Hussain stochert nur darin herum. Überhaupt ist er spindeldürr. Das liege an seiner Psyche, sagt er. Nachts wache er mit Albträumen auf, und tagsüber kann er den Kopf nicht leer bekommen. Seine Gedanken drehen sich im Kreis, er kann sie aber auch nicht abstellen. Nun hat er einen Termin bei einem Psychologen bekommen.

Auch das Mädchen hat schon einiges erlebt. Als sie 13 war, verlor sie ihre Mutter durch eine Bombe. Sie muss sofort tot gewesen sein. Davon berichtete sie auch in einer Lokalzeitung. Nun waren die vier Mädchen mit dem Vater allein, aber das Verhältnis zu ihm war nicht besonders gut. Er wollte Sittenwächter sein. Selbst das Zusammensein mit Hussain verbot er ihr. Nun ist er zurück in Syrien bei seiner neuen Frau. Seinen Kindern hat er verboten, mit ihrer Schwester Kontakt aufzunehmen, aber sie telefonieren regelmäßig, und sogar die Stiefmutter spricht ihr aus Syrien Mut zu. So glaubt der Vater noch an seine Autorität, die er längst verloren hat. Irgendwann wird er wieder einlenken, da sind sie sich sicher.

Zufällig kommen wir auf dem Rückweg an der Moschee vorbei. Ein unscheinbares Gebäude – nichts weist auf seine Bedeutung hin, nur die Bücher, wenn man es denn weiß, verraten die Koranausgaben. Die Bücher stehen mit dem Schnitt zum Fenster, so dass man den Rücken und die Schrift nicht sieht. Die Moschee hatte gerade nationale Bekanntheit erlangt, weil in ihr ein junger Mann ein und aus ging, den man als IS-Mitglied verhaftete, das unter Verdacht steht, angeworben zu haben. So erfuhr man, dass in ihr eventuell salafistisches Gedankengut gepredigt wurde. Das hätten sich die Plauener sicher nicht vorstellen können, dass einmal IS-Kämpfer in den Straßen ihrer Stadt wandeln. Ich frage Hussain, der einst selbst hier jeden Freitag betete, ob ihm das aufgefallen sei? Durchaus nicht – vielleicht, fügt er nach Überlegung hinzu, war die Auslegung des Imams, eines syrischen Palästinensers, eher konservativ. Das ja. Seinerzeit hatte ich mir ein paar Broschüren mitbringen lassen. Darunter ein Büchlein mit dem Titel Frauen im Schutz des Islam“, ein sehr fragwürdiges Produkt, das wir damals auch intensiv diskutiert hatten.

Der Abschied gerät herzlich. Die zwei Jahre Trennung haben wir schnell überwunden.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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