31. Juli 2018

Richard Wagners „Lohengrin“ Ein sächsischer Geniestreich in Bayreuth!

Der Herrscher als giftgrünes Irrlicht

von Vera Lengsfeld

Artikelbild
Bildquelle: Boris15 / Shutterstock.com Magische Wirkung der Musik: „Lohengrin“

Nein, ich bin keine Wagnerianerin! Jahrelang fing Wagner bei mir mit dem „fliegenden Holländer“ an und hörte mit ihm auf. Ich habe mehrere Inszenierungen dieser Oper gesehen, weil das Lied des Seemanns für sein Mädchen eines der schönsten Liebeslieder ist, das ich kenne. Was ich sonst so vernommen habe, Ausschnitte aus dem „Ring des Nibelungen“, „Parsifal“ oder den „Meistersingern“, war mir zu dramatisch, zu düster, zu schwülstig. Es machte mir keine Lust auf mehr.

Aber dann habe ich auf MDR Kultur immer wieder Ausschnitte eines Interviews mit dem Maler Neo Rauch über die Musik des „Lohengrin“ gehört, die er in seinem Atelier abspielte, um sich Inspirationen für sein Bühnenbild zu holen, das er für die diesjährigen Bayreuther Festspiele entworfen hat. Die Rede war auch von Rosa Loys hinreißenden Kostümentwürfen, von der magischen Wirkung der „Lohengrin“-Musik und der Farbe Blau, die Rauch und Loy, wie vorher Thomas Mann und Friedrich Nietzsche, mit ihr assoziierten. Ich hörte mir die Ouvertüre an, heutzutage ist das dank Youtube ja kein Problem mehr, und war fasziniert. Ich verstand plötzlich, warum Neo Rauch gesagt hat, die Musik habe sich in ihn hineinmassiert. Spontan fasste ich den Entschluss, mir die Inszenierung anzusehen.

Ich setzte mich an meinen Laptop, gab „Bayreuther Festspiele“, „Lohengrin“, „Tickets“ ein und landete bei Viagogo, das ich fälschlicherweise für den offiziellen Vertreiber der Festspiele hielt. Ich kaufte mit einiger Mühe das angeblich letzte Ticket für die zweite Vorstellung. Mühsam deshalb, weil immer wieder hochpoppte, dass dies die letzte Karte sei und es noch andere Interessenten gebe. Ich zahlte 175 Euro für die Karte plus eine Latte von Bearbeitungsgebühren – insgesamt löhnte ich 240 Euro. Das hielt ich für einen normalen Preis. Als ich die Karte aber zugeschickt bekam, stand ein fremder Name darauf, und sie kostete 52 Euro. Sie berechtigte mich, auf der Galerie links in Reihe vier Platz zu nehmen. Zum Glück war es ein Sichtplatz. Ich hätte Pech haben können, weil bei Viagogo häufig Hörplätze zu Wucherpreisen an Unwissende wie mich verkauft werden.

Nun war ich also da. Das Publikum von Bayreuth erscheint schon Stunden vorher. Sehen und gesehen werden! Es ist festlich gekleidet, anders als die verlotterten Operngänger in Berlin. Die frohe Erwartung, die über der Menge liegt, ist ansteckend. Wie bei Goethe erwartet sich jedermann ein Fest. Ich hatte mir am Abend zuvor die Aufführung auf 3sat angesehen und einige Kritiken und Interpretationen gelesen, war also vorbereitet.

Unten, auf den teuren Plätzen, saß das angejahrte Stammpublikum. Oben auf der Galerie drängten sich überwiegend jüngere Musikenthusiasten. Aber ob alt, ob jung, ob Stammgast oder Neuling – alle waren von der ersten Minute an gebannt. Der Vorhang ging auf, und die Bühne in rauchblauen Tönen aller Schattierungen übte einen unwiderstehlichen Zauber aus. Ich verstand, warum Christian Thielemann gesagt hat, dass er den „Lohengrin“ in dieser Inszenierung anders dirigiert hat als vorher.

Neo Rauch hatte im Interview von der Energie gesprochen, die von der Musik ausgeht. Deshalb hat er sich für eine Art Transformatorstation als Bühnenbild entschieden, die im Laufe des Stückes immer wieder verwandelt wird. Ich hatte den Fehler gemacht und das Programm gelesen. Darin hatte der Regisseur Yuval Sharon Lohengrin mit Lenin verglichen. Wie Lenin, „das Muster visionärer Führer“, das Land elektrifizieren musste, so musste Lohengrin „Strom ins finstere Brabant“ bringen. Dann wurde diese linke Folklore auch noch mit Wagners revolutionären Aktivitäten in Verbindung gebracht.

So ein Schmarren! Wagner hat an einer bürgerlichen Revolution teilgenommen, die nichts mit Lenins bolschewistischem Putsch zu tun hatte. Wagner ging es um Freiheit: Freiheit der Meinung, der Presse, von Fürstenwillkür. Wenn ich mich recht erinnere, hatte die 1848er-Revolution keinen „visionären Führer“, sondern wurde vom Volk getragen, vor dessen Toten am Ende der preußische König den Hut ziehen musste.

Was immer Sharon geglaubt hat, sagen zu müssen: Seine Inszenierung steht für sich. Es ist das Wunderbare an Kunst, dass sie ein Eigenleben führt, unabhängig vom Künstler. Im „Lohengrin“ hat die Zusammenarbeit von Regisseur, Bühnen- und Kostümbildnern, dem Dirigenten und den Sängern zu einer magischen Verschmelzung geführt, der sich niemand entziehen konnte. Es ist eine geniale Inszenierung, bei der Geschmack, Raffinesse und Eleganz ein fulminantes Comeback feiern. Ich bin überzeugt, dass in diesem Fall Aschersleben, Zwickau und Dresden New York inspiriert haben.

Alle Kommentare, die ich in der Pause hören konnte, waren geradezu atemlos vor Lob. Besonders Wagner-Enthusiasten, die in den vergangenen Jahren allerlei Regietheater-Inszenierungen von Heiner Müller bis Christoph Schlingensief über sich ergehen lassen mussten, waren fasziniert.

Der Beginn des zweiten Aktes, die Auseinandersetzung zwischen Friedrich und Ortrud, als das Trafohäuschen als Rapunzel-Turm in der von zartem Dunst überzogenen Traumlandschaft auftaucht und Elsa am Fenster erscheint, ist überwältigend. Die folgende Szene zwischen Elsa und Ortrud kann an Intensität kaum übertroffen werden. Man vergaß die Luft, die auf der Galerie zum Ersticken war, man vergaß die harten Bänke, ja die Welt, man staunte, was Musik vermag.

Im zweiten Teil des zweiten Aktes wird das Blau durch ein leuchtendes Rostorange gebrochen. Damit deutet sich die Unvereinbarkeit des Paares Lohengrin-Elsa, die im dritten Akt unübersehbar wird, optisch bereits an. Auch Elsas immer noch blaues Gewand weist ein zartgelbes Futter auf, ein Hinweis auf ihre innere Ablösung.

Von den hervorragenden Sängern einen besonders hervorzuheben, wäre ungerecht gegenüber allen anderen. Aber außer ihrer wunderbaren Stimme bietet Anja Harteros anmutige Bewegungen und eine elegante Silhouette, was dem dritten Akt noch ein besonderes Flair verleiht.

Das Schlafzimmer von Lohengrin und Elsa flammte rostorange, als Ausdruck des Dramas, das sich zwischen beiden abspielt. Am Ende ist es bei der Trennung die Farbe von Elsas Kleid. Lohengrin offenbart mit seinem Namen und seinem Stand zugleich die Unerfüllbarkeit seiner Ansprüche. Er lädt Elsa beim Abschied noch ein Päckchen auf, das sie künftig tragen muss.

Zum Schluss präsentiert Lohengrin auch noch den „Herrscher von Brabant“. Der kommt als giftgrünes, gesichtsloses Irrlicht auf die Bühne. Seltsamerweise habe ich diese deutliche Botschaft in den Rezensionen nirgends erwähnt gefunden.

Die Kanzlerin, nach der Premiere befragt, fand die Aufführung „toll“, wird kolportiert. Da kann sie das giftgrüne Irrlicht nicht verstanden haben.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog der Autorin.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Kulturelles

Mehr von Vera Lengsfeld

Über Vera Lengsfeld

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige