30. Juni 2018

Politisch korrekt gesäuberte Märchen Rotkäppchen frisst den Wolf

Schon 1989 gab es die „Schützerei“

von Jörg Seidel

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Bildquelle: shutterstock Keiner wird gefressen: „Rotkäppchen“ heute

Aller Anfang ist schwer und im Ungarischlernen besonders. Nach fast zwei Jahren des Paukens – sicher nicht intensiv genug – habe ich nun mein erstes ungarisches Buch gelesen. Auch wenn ich der Handlung folgen kann, ist noch längst nicht jede grammatische Konstruktion durchschaut. Es handelt sich um althergebrachte Märchen, wenn man es genau betrachtet, sogar um alte deutsche Märchen: „Klasszikus MesékKicsinyeknek“ – was so viel heißt wie: „Klassische Märchen für die Kleinen“.

Man meint die Geschichten zu kennen, etwa die von „Rotkäppchen und dem Wolf“. Piroska – also „Rötchen“, so heißt das Rotkäppchen (ohne Kappe) auf Ungarisch – besucht die Großmutter, soll nicht vom Wege abkommen, tut es doch, trifft den Wolf und lässt sich auf ein Gespräch mit ihm ein, verrät ihre Pläne und damit das Haus der Großmutter, wohin der Wolf nun eilt, die alte Dame frisst, sich verkleidet und nun auch noch Rotkäppchen erwartet, diese ebenfalls verschlingt, um dann von einem Jäger entdeckt zu werden, der die beiden, während der Wolf schläft, aus dem Bauch befreit, indem er ihn aufschneidet, Wackersteine stattdessen einfüllt, worauf der Bösewicht unstillbaren Durst bekommt und am Brunnen von den Steinen hinabgezogen wird und ersäuft.

So auch unsere Geschichte für die Kleinen. Da liest man stolz – weil man was versteht – die erste Seite, die in drei kurzen Abschnitten bis zu Rotkäppchens Verrat akkurat, wenn auch sehr kurz, berichtet. Vorwissen, Bilder und Sprachkenntnis stimmen überein.

Aber schon auf Seite zwei wird es kompliziert: Habe ich das recht verstanden? Ich hole mein Wörterbuch hervor, und siehe da, dort steht tatsächlich: „Hanem, amikor meglátta a farkast, úgy megijedt, hogy egy pillanat alatt kiugrott az ágyból, és gyorsan bebújt a szekrénybe.“

Man glaube mir bitte: Das ist noch wesentlich komplizierter, als es auf den ersten Blick ausschaut. Demnach erschrickt die Großmutter, nachdem sie den Wolf sieht, den sie gerade hereingebeten hatte (er sprach mit verstellter Stimme), so sehr, dass sie – trotz Krankheit und Unwohlsein – im selben Augenblick aus dem Bett springt und sich blitzschnell im Schrank versteckt!

Wir ahnen es! Gute Menschen wollen unsere Kleinen vor dem Bösen schützen! Und da darf ein Märchenwolf keine Omas mehr fressen – früher hieß bei uns gebratene Blutwurst noch „Tote Oma“… darf das noch so heißen? Darf man das überhaupt noch essen?

Und so geht es weiter, um es kurz zu machen. Auch Rotkäppchen wird nicht verspeist; das Schlimmste, das man den Kleinen heutzutage zutrauen mag, ist noch der Satz: „Damit ich dich besser fressen kann“ auf der Kleinen Frage nach den großen Zähnen der haarigen „Großmutter“. Zum großen Fressen kommt es jedoch nicht, denn Rotkäppchen rennt aus dem Haus, als sich der Unhold als „gonosz farkas“ – „böser Wolf“ – zu erkennen gibt, ruft um Hilfe, und zum Glück ist ein Holzfäller in der Nähe – zu alt, um auf Gedanken zu kommen (worum es in dem Märchen natürlich ständig geht!) –, der die Hilferufe hört, den Wolf mit seiner Axt vertreibt und die Großmutter aus dem Schlafzimmerschrank befreit.

Niemand wird gefressen, niemand muss sich vorstellen, wie das ist, im Bauch eines anderen und zwischen den Zähnen zu sein, niemand wird aufgeschnitten und wieder zugenäht, und auch die Tierrechtsfraktion kann zufrieden das Buch zuschlagen, wenn das Kindlein eingeschlummert ist, denn selbst dem Wolf geschieht nichts, er rennt nur eilends davon in den Wald, so schnell, „dass seine Füße den Boden nicht mehr berühren“. Es gibt auch kein Schießgewehr mehr. Wo kämen wir da hin?

Und Happy End ist, wenn Piroska, die Großmutter und der alte Holzfäller zusammen schön Kaffee trinken.

Ich schlage das Titelblatt auf, um die biographischen Daten zu lesen, und erschrecke ein wenig: Der Originaltitel ist Englisch und stammt aus Leicester. „Classic Fairy Tales“ – tatsächlich aus dem Jahre 1989! So alt? So lange geht das schon, diese ganze „Schützerei“, Verhunzung, Entschärfung, Belehrung, Gleichmacherei, Korrektheit, Erziehung und Didaktik, diese Knebelung des freien Geistes?

Es ist an der Zeit!

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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