15. Juni 2018

Parallelen zur DDR-Endzeit Angela, es geht nicht mehr

Die Rolle Gorbatschows hat Donald Trump übernommen, während Vera Lengsfeld wieder von Vera Lengsfeld gespielt wird

von Michael Klonovsky

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Bildquelle: meunierd / Shutterstock.com Bunte Vielfalt: Ein neues 1989?

Es fällt einem in Ost- beziehungsweise Mitteldeutschland Aufgewachsenen schwer, sich dieser Tage nicht an den Herbst 1989 erinnert zu fühlen, die Déjà-vus werden in allzu großer Zahl vorstellig. Wieder wankt ein Regime, das sich im Namen des Fortschritts und des Weltfriedens wie ein gewaltiger Parasit auf das Land gelegt hat und seine Bürger aussaugt, wieder bekämpft ein „breites gesellschaftliches Bündnis“ aus Politbürokraten, Blockparteifunktionären, sozialistischen Medien- und Kulturschaffenden, Lehrern, Staatspfaffen, Professoren, Kampfgruppen, Kabarettisten, Engagierten und Spitzeln die Opposition, wieder streut die Führung über die staatlich gelenkten Medien infantile Durchhalteparolen aus („Vorwärts immer, rückwärts nimmer“ gleich „Wir schaffen das“; „Die Partei, die Partei, die hat immer recht“ gleich „Meine Politik ist alternativlos“), während sie das Land verkommen lässt, wieder gehen unbotmäßige Bürger gegen ideologisierte Bürokraten auf die Straße, wieder werden Bürgerrechtler von Schlägern verfolgt und von Bütteln denunziert, wieder findet in Betrieben eine Jagd auf Falschmeiner und Abweichler statt, wieder ist Oppositionsverleumdung die Hauptaufgabe der Medien, wieder ist Sachsen das Herz des Widerstandes, wieder zerbricht ein autoritärer transnationaler Pakt zuerst an den freiheitsliebenden Polen und Ungarn, wobei die Ungarn diesmal eben die Grenzen gegen eine gefährliche Flut schließen, statt sie einer befreienden zu öffnen (zu den noch nicht ausreichend gewürdigten Pikanterien unserer Tage gehört, dass eine den DDR-Mauerbauern als Jugendfunktionärin Dienstbare heute erklärt, Grenzen könnten keine Menschen aufhalten).

Die Rolle Gorbatschows hat Donald Trump übernommen, während Vera Lengsfeld wieder von Vera Lengsfeld gespielt wird; Glasnost und Perestroika kommen heute über den Atlantik, und die einheimische Nomenklatura schaut geifernd und zähnefletschend zu, wie der einstige große Bruder und Verbündete von der reinen Lehre abfällt, während Russland in die Rolle der USA, durch Honnis Schieleisen gesehen, schlüpfte. Die einzige Oppositionspartei AfD ist das aktuelle Neue Forum, die hauptamtliche Stasi ist zwar deutlich kleiner und in ihren Methoden behutsamer, die Zahl der Spitzel, Anschwärzer und IM allerdings ungleich größer geworden. Damals wie heute golt und galt der Kampf dem wieder drohenden „Faschismus“, dem einzig wirklich fruchtbar gebliebenen deutschen Schoß, und damals wie heute bekam jeder dieses Stigma verpasst, der sich gegen die Politik des Regimes aussprach.

In einem der letzten regierungstreuen Kommentare des „Neuen Deutschland“ schrieb im Oktober 1989 irgendeine Funktionärin, egal was passieren werde, die Kommunisten hätten stets recht und ihre Gegner stets unrecht gehabt, heute liest man diesen Satz in unzähligen Variationen täglich von „taz“ bis „Zeit“. Manfred Buhr heißt heute Jürgen Habermas und ist sogar intelligenter geworden (kann aber schlechter schreiben), Karl-Eduard nennt sich Heribert und einmal in der Woche Jakob. Jenem treuen Untertanen Erichs des Einzigen, den West-Agenten im Oktober 1989 angeblich mit K.O.-Tropfen betäubt und nach Österreich entführt hatten, von wo er in seine geliebte DDR zurückzukehren begehrte, entspricht als Medienclou heute die Anzeige gegen den Chef der Bundespolizei, weil der den Extremkuschler Ali B. angeblich aus dem Irak hat entführen lassen. Nicht zu reden von der sentimentalen Träne, die Margot Merkel beim Abschied von Barack Breschnew Medienberichten zufolge über die beschichtete Wange rann, nicht zu reden ferner von den Hunderten Brieftaschen, die Asylbewerber gefunden und ihren schusseligen deutschen Besitzern zurückerstattet haben, oder von den wirtschaftlichen Erfolgen der Neubürger, die jenen der realsozialistischen Wirtschaft kaum nachstehen. Betreutes Schreiben und Lesen damals wie heute, Durchsetzungsgesetze damals ohne Netz wie heute mit, Internationalsozialismus diesseits wie jenseits der Zeitmauer und der ehemals realen.

Was fehlt noch? Das Pendant einer Szene vom 17. Oktober 1989: „Ich beantrage die Entbindung des Genossen Honecker von allen seinen Ämtern. – Angela, es geht nicht mehr. Du musst gehen.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Acta diurna“.


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