14. Juni 2018

Mordfall Susanna Feldmann und der öffentliche Umgang damit Über notwendige Instrumentalisierungen

Die politische Dimension ist da

von Felix Honekamp

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Bildquelle: Defend International (CC BY 2.0)/flickr Notwendige Instrumentalisierung: Bild von Aylan Kurdi (2012-2015)

Manchmal reicht es schon, sich einfach mal in die Rolle von jemand anderem zu versetzen, um festzustellen, was geht und was nicht. Stellen Sie sich mal vor – ich weiß, das ist kaum möglich –, Sie wären die Mutter oder der Vater der ermordeten Susanna und hätten nun die Ausschnitte aus der Bundestagsdebatte gesehen: Der AfD-Abgeordnete Thomas Seitz, der seine Redezeit für eine unabgestimmte Schweigeminute für Ihre Tochter nutzt, das Rumoren unter den Mitgliedern des Bundestages, die Zwischenrufe und das Einschreiten der grünen Vizepräsidentin Claudia Roth. Und dann erleben Sie die Skandalisierung dieses Vorfalls von allen politischen Seiten.

Susanna und Aylan Kurdi

Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie es ist, die eigene Tochter zu verlieren, noch dazu auf diese Art. Aber ich bin sicher, ich hätte es nicht durchgehalten, mir das anzuschauen. Ich würde die Medien dieser Tage vermutlich sowieso meiden… und mich fragen, ob die Welt eigentlich nichts anderes zu tun hat, als ausgerechnet den Tod meiner Tochter, dessen Hintergründe und politischen Folgen zu diskutieren. Ich würde, glaube ich, sowohl Seitz als auch Roth vor die Füße spucken: Ersterem, weil er die „Bühne“ für eine kalkulierte Provokation genutzt hat, letzterer, weil sie nicht in der Lage war, diesem „Schauspiel“ angemessen zu begegnen. Und allen versammelten Abgeordneten, weil ihnen in dem Augenblick der Tod meiner Tochter und die Trauer der Angehörigen vollkommen egal gewesen sind.

Politische Vorteile aus einer Katastrophe ziehen, das ist nichts Neues. Und je persönlicher es wird, desto mehr Wirkung erzeugt man. Das funktioniert aus allen Richtungen. Der ertrunkene kleine Aylan Kurdi am Strand: Was sonst sollte die Botschaft sein, als der unausgesprochene Vorwurf, dass „wir“ für seinen Tod mitverantwortlich seien, vor allem diejenigen, die für sichere Grenzen eintreten? Und jetzt eben die Schweigeminute für Susanna: Was sonst soll die Botschaft sein – im Bundestag, unabgestimmt und überraschend – als die, dass die Politik, die Regierung, für ihren Tod mitverantwortlich sei? Und das Perfide ist: Man kann eine solche Instrumentalisierung niemals nachweisen, denn wer weiß schon, ob Thomas Seitz nicht tatsächlich so betroffen über den brutalen Mord war, dass seine Aktion doch spontan gewesen sein könnte? Allein: Ich glaube es nicht, ich glaube es niemandem, der damit am Ende politisch arbeitet.

Notwendige Instrumentalisierungen

Und trotzdem sind solche Instrumentalisierungen notwendig. Denn sie machen die Grenzen des Machbaren, sie machen die Grenzgebiete der Politik deutlich, an denen man nicht anders kann, als sich für ein Übel zu entscheiden. Das Bild von Aylan Kurdi war damals notwendig. Notwendig, um zu zeigen, dass die ertrunkenen Flüchtlinge und Migranten nicht nur eine gesichtslose Masse sind. Es sind Menschen, die dort gestorben sind, und mögen ihre Fluchtgründe noch so abwegig gewesen sein. Aylan Kurdi hat diesen Flüchtlingen ein Bild gegeben. Und die Diskussion über die Hintergründe seiner persönlichen „Flucht“ hat deutlich gemacht, wie wenig eindeutig Urteile über Einzelpersonen in der Flüchtlings- und Migrationskrise sein können.

Und Susanna: Dieser „Fall“ enthält alles an Zutaten, was in der Bundesrepublik in Richtung Asylverfahren und -politik schiefläuft. Der Täter ohne Asylgrund, nicht abgeschoben, mehrfach polizeilich aufgefallen, wie sich jetzt herausstellt unter falschem Namen und falscher Altersangabe, aber immer noch unter dem „Schutz“ des Landes stehend, dessen Werte er offenbar verachtet; so weit, dass er sogar in das Land zurück „flieht“, aus dem er aus augenscheinlich fadenscheinigen Gründen hierhergekommen ist. Der Mord an Susanna ist für sich genommen ein Einzelfall, aber einer, an dem exemplarisch deutlich wird, was schiefläuft. Und an dem deutlich wird, warum die verbale Verantwortungsübernahme durch die Bundeskanzlerin nicht ausreicht, die derartige Risiken „ihrer“ Migrationspolitik in Kauf nimmt…

Zahlen brauchen ein Gesicht

… und das ist schon wieder Instrumentalisierung. Diesmal von mir selbst. Man merkt, wie schwer es ist, nicht zu instrumentalisieren, wenn man über ein solches Thema schreibt. Es geht nicht, und ich glaube, das ist auch normal: Flüchtlingszahlen, Zahlen von tätlichen Angriffen, Zahlen ertrunkener Migranten, Todeszahlen aufgrund von Gewaltverbrechen: Sie sind allesamt nur Zahlen, aber Susanna hat ein Gesicht. Zahlen brauchen ein Gesicht, sonst wird ihre Bedeutung nicht deutlich genug. Zahlen brauchen ein Gesicht, sonst kann man sich hinter ihnen verstecken, sie mit anderen Zahlen vergleichen, ihre wahre Bedeutung verschleiern.

Ich kann – stellvertretend für alle, die sich mit dem Thema beschäftigen – Susannas Eltern und Freunde nur um Entschuldigung bitten für die Instrumentalisierung des Todes ihrer Tochter. Ich verspreche ihnen, für sie zu beten… und bin mir doch darüber im Klaren, dass der Tod des Mädchens eben auch eine politische Dimension hat. Die Eltern müssen die nicht sehen, und wir tun in ihrem Sinne alle gut daran, uns soweit als möglich zurückzuhalten mit ihrer Thematisierung. Aber diese Dimension ist da, und sie nicht aufzugreifen wäre wohl genauso zynisch wie die Instrumentalisierung selbst.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem „Papsttreuen Blog“.


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