13. Juni 2018

Erinnerung an die Ortsgruppe Plauen der Kant-Gesellschaft Das ist Fortschritt!

Auch die Ortsgruppe der Goethe-Gesellschaft wird es bald nicht mehr geben

von Jörg Seidel

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Bildquelle: shutterstock Nicht mehr das, was es einmal war: Plauen

Während ich durch einen alten Band der „Kant-Studien“ (Band XXIX, Heft 1/2) blättere, fällt mir eine kurze Bekanntmachung auf.

Wir befinden uns im Jahr 1924. Diese seinerzeit sehr verbreitete „Philosophische Zeitschrift“, begründet von Hans Vaihinger, bringt auf über 300 Seiten Abhandlungen zu den Themen Kant und die Psychologie, Kant und die Religion, die reine Rechtslehre, die deutsche Kultur, das Eherecht oder Kant als Naturwissenschaftler. Kant von vorn bis hinten, und manch prominenter Name, wie Nicolai Hartmann oder Max Dessoir, arbeitet sich vor weitem Publikum an Kant ab.

Jeder weiß: Kant ist ein wirklicher Brocken! Die „Kritik der reinen Vernunft“ etwa ist eines der bedeutendsten und ungelesensten Werke der Philosophiegeschichte, denn die meisten scheitern ob Kants verschachtelter und knorztrockener Sprache schon an der Vorrede – man denke nur an die großartigen Zeilen Robert Musils in „Die Verwirrungen des Zöglings Törleß“.

Auf Seite 337 der „Kant-Studien“ dann jene Mitteilung, die meine besondere Aufmerksamkeit erweckte. Die Ortsgruppe Plauen gibt – 41 Jahre vor meiner Geburt – ihre Gründung bekannt: „Kant-Gesellschaft Ortsgruppe Plauen. Vereinigung zur Veranstaltung wissenschaftlicher Vorträge“. „Die philosophischen Vorträge über die ‚moderne Lebensphilosophie‘ erregen in Plauen großes Interesse“, schreibt man. „Die stetig wachsende Zuhörerschaft beweist, wie gerade in diesen schweren Tagen viele eine brennende Sehnsucht nach Welt- und Lebensanschauungsfragen beseelt.“

Wir erfahren, dass es die Gruppe als lose Gemeinschaft schon seit langem gibt und man sich nun „an die größte philosophische Gesellschaft der Welt, die Kant-Gesellschaft“ anschließen wolle. Der Name Kant solle „frei von allen dogmatischen Bindungen“ eine „Aufforderung zu vertiefter philosophischer Arbeit jeglicher Art bedeuten“. Man will die „verschiedensten Gebiete der Wissenschaft, der Lebens- und Kulturfragen“ abhandeln und „philosophische Arbeitsgemeinschaften“ bilden, „die im Sinne einer wahrhaften wissenschaftlichen Vertiefung“ arbeiten werden.

Mein Herz schlägt höher! Genau das habe ich mein Leben lang gesucht, in Plauen und anderswo… und nie gefunden. Die Ungnade der späten Geburt!

Man muss dazu wissen, dass Plauen in jenen Jahren eine Großstadt war. 1925 hatte sie 111.000 Einwohner und war fast am Höhepunkt ihrer Entwicklung. Vor allem die Textilindustrie prägte Stadt und Gegend. Der proletarische Anteil der Bevölkerung war überwältigend, aber selbstverständlich bildete sich auch ein Bürgertum heraus. In einem Sachsen-Reiseführer von 1936 lesen wir über Plauen: „Zäher Unternehmergeist und hohe Kunstfertigkeit vereinigen sich zu Höchstleistungen deutscher Wertarbeit“, aber auch den ikonischen Satz: „Plauen, die Hauptstadt des Vogtlandes und die erste Großstadt des Reiches, die sich in ihrer Mehrheit zu Adolf Hitler bekannte“.

Die Leitung der Ortsgruppe der Kant-Gesellschaft besteht aus mehreren promovierten Herren, einem Bankdirektor, einem Studienassessor, einem Rechtsanwalt, einem Buchhändler, einem Augenarzt und noch einem Rechtsanwalt. Ob sie sich auch bekannt haben? Es ist nicht unwahrscheinlich, denn Plauen war schon immer und ist bis heute konservativ. Offensichtlich konnten 1933 hochkultivierte Menschen, ohne selbstwidersprüchlich zu sein, jene Partei wählen, die später zur größten Kulturkatastrophe der modernen Geschichte führte.

Es ist bedauerlich, diese Herren nicht kennengelernt zu haben. Bereits zur konstituierenden Sitzung der Ortsgruppe hatten sich zahlreiche Interessenten eingefunden, aber wer „die heiße Sehnsucht nach vertiefter Lebensauffassung in sich trägt“, der war auch weiterhin willkommen, über Kant und die Welt zu diskutieren. 110 feste Mitglieder zählte man zu diesem Zeitpunkt. Die Vortragenden waren oft die Crème de la Crème der damaligen professoralen Philosophenwelt. Noch regierte der Neukantianismus nahezu unangefochten an den Universitäten, Namen wie Paul Natorp, Hermann Cohen oder Karl Vorländer, der eine sehr lesenswerte monumentale Kant-Biographie geschrieben hatte, waren überall bekannt. Sie ahnten vielleicht noch nicht, dass ihr Einfluss in wenigen Jahren durch Husserls Phänomenologie und Heideggers Fundamentalontologie dramatisch sinken würde. Auch Heidegger bekannte sich 1933, wie jedes Schulkind weiß, zum Nationalsozialismus. Und mehr weiß das Schulkind in der Regel auch nicht über Heidegger…

Stolz präsentieren die Plauener die Redenliste: Hans Leisegang hatte einen Vortrag gehalten, Max Dessoir und Theodor Litt, um nur die Berühmtheiten zu erwähnen, und irgendwann – das steht in einem anderen Heft – war auch der Schachweltmeister und Philosoph Emanuel Lasker zu Gast.

Und heute? Plauen ist nur noch halb so groß. Trotz Eingemeindung zahlreicher Dörfer sind es gerade mal noch 65.000 Einwohner. Die Reste der Textilindustrie wurden nach der Wende abgewickelt, heute macht man noch ein wenig Folklore mit „Plauener Spitze“. Das eignet sich auch wunderbar als Slogan und zu allerlei Firlefanz. Die Stadt hat einen exorbitanten Leerstand an Wohnungen und die niedrigsten Mieten in ganz Ostdeutschland. Von den einst fünf selbständigen Buchläden hat einer überlebt und auch das nur, weil die Inhaberin in weiser Voraussicht sich einen Teil des Schulbuchgeschäftes sicherte. Das einzige Antiquariat schloss vor fünf Jahren. Ansonsten triumphiert Thalia im Zentrum mit gleichmacherischer Massen- und Billigware. (Meine Frau berichtet soeben, dass auch die Buchhandlung Klüger im Mai geschlossen habe – Thalia hat nun auch den Schulbuchverkauf gekapert.)

Aber einen intellektuellen Ortsverein gibt es noch: die Goethe-Gesellschaft. Ich selbst habe dort mehrere Vorträge gehalten, über Heideggers Humanismusbrief, Stefan Georges Modernebegriff, Hans Kirk und die Kunst des Übersetzens, Goethes Farbenlehre, Goethe als Esoteriker und zuletzt über den Homöopathie-Philosophen Herbert Fritsche – der allerletzte Vortrag wurde aufgrund politischer Erstickungszustände zur frühen Generalabrechnung.

Gewöhnlich sitzen 25 ältere und sehr ältere Damen im Publikum, Witwen, auch ein paar Männer, und hören Kultur. Noch nie kam es zum wirklichen Gespräch oder zur Diskussion. Man bestaunt die großen Männer der Vergangenheit und was die nicht alles wussten und konnten, klatscht und geht. Kultur-Tanten, wie Gombrowicz diesen Typus nannte – ich sage das gänzlich ohne Respektlosigkeit, ich sage das sogar mit höchstem Respekt, denn sie werden die letzten gewesen sein. In ein paar Jahren wird es die Ortsgruppe Plauen der Goethe-Gesellschaft nicht mehr geben – aus Mangel an verständigem Publikum.

Sie wird dem Fortschritt weichen müssen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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