24. Mai 2018

Begegnung in Ungarn Die Flüchtlinge

Irgendwann ging es nicht mehr

von Jörg Seidel

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Bildquelle: shutterstock Ungarn: Auswanderungsziel für Deutsche?

Eine kleine Dampferfahrt auf der Donau. Mit an Bord eine ungarische Schulklasse, vielleicht sechste oder siebente Klasse. Ein Mädchen, das schon durch seine fortgeschrittene Entwicklung aus der Reihe fiel, wird interessant, als sie im rheinischen Dialekt irgendwas mit „geil“ ruft.

Wenig später steht sie zufällig neben mir an der Reling. „Du bist Deutsche?“, frage ich sie. „Klar bin ich Deutsche!“, kommt burschikos zurück. Ihre Sprache ist einfach und direkt und weiß so manches nette Wort, klingt vor allem unverkennbar nach Köln-Bonner Raum. Wie das komme, frage ich sie. „Na, wir sind Flüchtlinge!“ Da wird es spannend! „Flüchtlinge? Wovor seid ihr denn geflohen?“ – „Na, vor den Flüchtlingen!“

Und jetzt erzählt sie: Sie war in einer Schulklasse, in der es fast nur noch Flüchtlinge gab. Und die hätten sich benommen… sie holt Luft. Sie, die wenigen Deutschen, sind beschimpft, geärgert und gemobbt worden, aber die Lehrer hatten sie immer wieder ermahnt, freundlich zu sein. Nur, irgendwann ging das nicht mehr, und dann haben sie, die Deutschen also, zurückgefeuert. Und dann gab es immer Ärger mit den Lehrern, die gesagt haben: „Das dürft ihr nicht tun!“ Die anderen, die Flüchtlinge, wüssten nicht, was sie tun, und die könnten nicht anders und müssten das alles erst noch begreifen und verstehen lernen… „Aber ihr, ihr seid Deutsche und wisst, dass man nett sein und freundlich und tolerant sein muss.“

Aber als die Spannungen immer größer wurden, da entschied der Vater dann: „Wir fliehen. Wir hauen ab. Nach Ungarn.“ Die Oma war schon seit ein paar Jahren hier, um von ihrer Rente leben zu können. Jetzt wohnen sie in der Nähe zur serbischen Grenze und kaufen sich gerade ein Haus, wollen für immer hier bleiben. Der Vater ist noch in Köln und arbeitet dort. Noch wohnt sie zusammen mit Oma, Mutter und Geschwistern.

Ich stelle mir das traumatisch vor und frage sie: „Wie kommst du denn zurecht in der ungarischen Klasse? Wie geht‘s mit dem Ungarisch?“ – „Ach, das geht schon“, sagt sie. „Die Kerle sind überall doof, und mit den Weibern“ – sie benutzt wirklich diese Ausdrücke – „ist es schon okay. Nur: In Deutschland war ich immer die Klassenbeste, und hier bin ich ganz hinten. Das versteh‘ ich nicht.“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Seidwalk“.


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