26. März 2018

Folgen der Nullzinspolitik der EZB Zinsen und Zombies

Der Fluch des Interventionismus

von Andreas Tögel

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Bildquelle: shutterstock Folge billigen Geldes: Zombie-Unternehmen

In einem kürzlich publizierten Papier weist die Agenda Austria darauf hin, dass die von der Republik Österreich zu tragende Zinslast trotz steigender Verschuldung seit vielen Jahren sinkt. Von 1995 bis 2016 sind die Staatsschulden um beachtliche 170 Milliarden Euro gewachsen und belaufen sich gegenwärtig auf rund 290 Milliarden Euro; die Zinslast ist dennoch, nach einem im Jahr 2009 erreichten Gipfel – damals waren über neun Milliarden Euro an Zinsen fällig –, auf unter sieben Milliarden Euro im Jahr gefallen. Was wir hier sehen, ist die Konsequenz der anhaltenden Nullzinspolitik der EZB, die auf ständige Geldmengenausweitung durch billige (Staats‑) Verschuldung gerichtet ist.

Eine tolle Sache, nicht wahr? Ist es nicht herrlich, sich faktisch zum Nulltarif und theoretisch unbegrenzt Geld leihen zu können? Nein, ist es nicht. Denn einerseits sinkt dadurch die Bereitschaft der Regierungen, eine im Sinne der Steuerzahler maßvolle Ausgabenpolitik zu betreiben: Wenn das Schuldenmachen „nichts kostet“, warum sollte das Politbüro dann davon lassen? Der lockenden Versuchung, mit geborgtem Geld Stimmen zu kaufen, kann bekanntlich so gut wie kein Politiker widerstehen. Andererseits bedeuten die heute vom Staat eingegangenen Verpflichtungen aber auch eine gewaltige Hypothek für die Jungen, deren materielles Wohl von den im Besitz der Mehrheit befindlichen Alten gegenwärtig rücksichtslos verfrühstückt wird. Denn der Staat verwendet das Geld ja nicht etwa dafür, den Standort aufzuwerten, zukunftssicher aufzustellen und wohlstandsmehrende Investitionen zu begünstigen, sondern er verpulvert es zum Großteil für Konsumausgaben – unter welchen Titel auch immer die firmieren mögen. Mittel, die verkonsumiert werden, sind aber nun einmal perdu – was sie von solchen unterscheidet, die investiert werden. „Ins System der sozialen Sicherung investieren“ kann man folgerichtig nur in Absurdistan. Dennoch kennen die Sozialisten in allen Parteien kaum ein anderes Ziel.

In den USA wurde bereits eine Zinswende vollzogen. Eben kam es dort zu einer weiteren – wenn auch moderaten – Anhebung des Leitzinses, der sich jetzt zwischen 1,5 und 1,75 Prozent bewegt. Die amerikanischen Notenbank-Geldalchemisten haben sich von der Nullzinspolitik verabschiedet. In Euro-Land ist es noch nicht soweit. Mario Draghi und Genossen setzen weiterhin auf eine ungebremste Geld- und Kreditexpansion. Dass aber auch in der EU früher oder später die Politik der finanziellen Repression, die für alle Sparer eine kalte Enteignung mit sich bringt, beendet werden muss und die Zinsen wieder steigen werden, gilt als sicher. In diesem Fall wird der Schuldendienst der Mitgliedsstaaten explosionsartig zunehmen und den Budgetspielraum der Regierungen drastisch einschränken. Unschwer auszurechnen, was zum Beispiel bei 290 Milliarden Miesen allein in Österreich ein Zinsanstieg um nur einen halben Prozentpunkt ausmachen würde. Aber welche Rolle spielen derlei Überlegungen für eine politische Klasse, die ausschließlich im Hier und Jetzt lebt, von der Wirtschaft keine Ahnung hat und daher alles glaubt, was ihr linke Staatsökonomen erzählen?

Schlimm genug, wenn Regierungen dank der verheerenden Geldpolitik der Notenbanken immer tiefer in die Schuldenfalle tappen. Leider aber setzt die Marktverzerrung durch den Einsatz des planwirtschaftlichen Instruments der Zinsmanipulation nicht nur für Regierende falsche Anreize. Denn selbstverständlich sind auch private Haushalte und Unternehmen davon betroffen. Das zu Niedrigzinsen auf Pump angeschaffte, viel zu teure Auto und der kreditfinanzierte Urlaub können sich in dem Moment zum veritablen Problem auswachsen, da die Bank aufgrund steigender Zinsen die Raten erhöht. Und für viele Unternehmen, die sich seit Jahren nur dank leicht verfügbaren „billigen Geldes“ über Wasser halten können, droht im Fall einer Zinswende das sofortige Aus. Die Banken wiederum könnten serienweise Kreditausfälle in ihren Bilanzen gar nicht unterbringen und sind deshalb zur Symbiose mit maroden Unternehmen gezwungen, denen sie unter normalen Umständen (also in Abwesenheit marktverzerrender Interventionen von Regierungen und Notenbanken) niemals Kredit gewähren würden. Ein sich selbst verstärkendes Dilemma.

Nicht wenige Fachleute kritisieren daher seit Jahren die durch die anhaltende Geldschwemme angestoßene Scheinkonjunktur. Der Unternehmensberater Daniel Stelter warnt, gestützt auf Daten der Bank of America, im „Manager-Magazin“ vor „Zombie-Unternehmen“, die ihre Existenz ausschließlich der inflationistischen Geldpolitik verdanken, und beziffert deren Zahl auf rund neun Prozent aller europäischen Betriebe. Die sind de facto insolvent und nur deshalb noch nicht abgewickelt, weil sie eben gerade noch die Zinsforderungen bedienen können. In den USA und in China liegen die Dinge nicht viel anders.

Eine gesunde Wirtschaftsstruktur sieht indes anders aus. Der Konkurs unwirtschaftlich geführter Betriebe macht nämlich Mittel für bessere Investments frei. Der österreichische Ökonom Joseph Schumpeter sprach in diesem Zusammenhang von einer „schöpferischen Zerstörung“. Die bleibt derzeit aber aus, weil der Tod unrentabler Betriebe unterbunden (oder zumindest verzögert) wird. „Zombie-Unternehmen“ künstlich am Leben zu erhalten, ist also nur scheinbar eine gute Sache. In Wahrheit überwiegt der Schaden den Nutzen. Der volkswirtschaftliche Saldo hoheitlicher Marktinterventionen ist stets negativ.


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