31. Januar 2018

Neue Grünen-Spitze Applaus aus der Fankurve

Tina Hassel und die grüne Physik

von Holger Finn

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Grüne Physik an trüben Tagen: Gespeichert im Netz

Bei der ARD geht es seriös zu, wenn es gilt, die Mächtigen zu kritisieren. Kein Schritt zurück im Kampf gegen Trump, aber keine Silbe über FISAgate, weil das die verbündeten Demokraten in den USA beschädigen könnte. Für die mühevollen Verhandlungen der künftigen Großkoalitionäre über Obergrenzen für den Familiennachzug haben ARD-Mitarbeiter wie Tina Hassel, Chefin des sogenannten Hauptstadtstudios in Berlin, nur Mitleid übrig. „Lahme Groko-Protagonisten“ nennt die jüngst noch vom SPD-Parteitag begeisterte Korrespondentin die immerhin 18 Verhandlungskommissionen von CDU, CSU und SPD – schon vor dem Start der nächsten Großen Koalition die größte Verhandlungsmacht, die in Deutschland jemals um ein Rettungspaket für Traditionsparteien rang.

Hassel ist frisch verliebt

Hassel hat sich unübersehbar frisch verliebt. Es sind die neuen Grünen unter Robert Habeck und Annalena Baerbock, die das Herz der 53-Jährigen erobert haben. Lobte sie eben noch die nur wenig jüngere Andrea Nahles dafür, wie sie beim Totentanz in Bonn „rockte“, spürte sie beim Grünen-Parteitag in Hannover nicht die traurigen letzten Stunden der Partei, die „Bündnis 90/Die Grünen“ heißt, aber inzwischen durchweg nur noch „Grüne“ genannt wird. Sondern eine „Aufbruchstimmung wie in Frankreich“, einen „Aufbruch aus erstarrter, ängstlicher Politik“ und „erfrischenden“, „lebendigen“ „Spaß“ an der Politik.

Die wird anders demnächst, wenn die studierte Politikwissenschaftlerin Baerbock, ausgestattet mit reicher Berufserfahrung als Mitarbeiterin einer grünen Europaabgeordneten und der grünen Bundestagsfraktion, gemeinsam mit dem studierten Philosophen Habeck, nach dem Philosophiestudium als Übersetzer und Schriftsteller tätig, das Zeitalter der postfaktischen Politik ausruft.

Baerbock hat in einem Interview zum Amtsantritt gleich deutlich gemacht, wie die neue grüne Physik die Welt verändern kann: Nicht nur, dass sie die „linksliberale, emanzipatorische Fahne hochzuhalten“ verspricht. Nein, Baerbock weiß auch, wie das mit dem Öko-Strom aus den legendären „Erneuerbaren“ (Baerbock) „an Tagen wie diesen, wo es grau ist“ funktioniert: „Da haben wir natürlich viel weniger erneuerbare Energien“, sagt sie, und „deswegen haben wir Speicher. Deswegen fungiert das Netz als Speicher.“

Das Netz als Speicher! Und das funktioniert! Wozu noch Pumpspeicherwerke und Batterien. Alter Plunder, teuer, umweltschädlich und ineffizient. Die Netze machen das besser, die sind sowieso da, die kann man nehmen, die werden genommen, von hinten und von vorn, die „fungieren“ (Baerbock) als Speicher, und sie machen das sehr, sehr gut. Ältere erinnern sich: DDR-Bürger etwa speicherten mangels Plastiktüten regelmäßig all ihre Einkäufe in Netzen. Grüne Physik ist also nicht ohne historisches Vorbild.

Wir speichern alles in grüner Physik

Jenseits der neuen grünen Chefetage ist die Großinnovation aus Brandenburg zwar noch nicht bemerkt worden. Aber jetzt, wo die Leiterin des ARD-Hauptstadtstudios auf die frischen und auch naturwissenschaftlich unkonventionellen Ideen der „leidenschaftlichen Europäerin“ (Baerbock über Baerbock) aufmerksam geworden ist, geht da was.

Schließlich hat Tina Hassel schon festgestellt, dass es „peinlich & unverantwortlich“ ist, dass Deutschland nicht nur seine nationalen Klimaziele nicht erreicht, sondern auch die – ursprünglich daraus hochgerechneten – EU-Klimavorgaben. Den faktischen Ausstieg aus Kyoto, stillschweigend auf den Spuren von Kanada und der jüngsten Paris-Initiative von Donald Trump folgend, wird Hassel den „lahmen Groko-Protagonisten“ jedenfalls bestimmt nicht durchgehen lassen. Wenn die nicht jetzt sofort überall die Netze als Stromspeicher freischalten, dann jubelt Hassel beim anstehenden Groko-Entscheidungsreferendum nur halbwarm.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Die Grünen

Mehr von Holger Finn

Über Holger Finn

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige