24. Januar 2018

Erste Erfahrungen auf Usedom Als Jungautor unter den „Anarchisten von ef“

Über Ethanollibertäre und andere Menschen

von Miró Wolsfeld

Artikelbild
Bildquelle: Miró Wolsfeld Freie Getränke: Auswahl für Ethanollibertäre

Eine gute Woche sind das Seminar und die Konferenz von eigentümlich frei nun her. Ich sitze vor meinem Macbook und versuche, die richtigen Worte zu finden, um das, was ich auf Usedom erlebt habe, ansatzweise in Worte fassen zu können. Das ist fast ein Ding der Unmöglichkeit.

Im Herbst letzten Jahres schrieb ich meinen ersten Artikel für eigentümlich frei. Das war der totale Wahnsinn für mich, da ich nach meiner Schullaufbahn eigentlich nichts mehr mit Schreiben am Hut hatte. Im Artikel habe ich von meinen Erfahrungen als Erzieher berichtet und mir so auch den Frust von der Seele geschrieben. Der Artikel wurde tatsächlich publiziert.

Damit habe ich ein neues Level betreten: Das, was mich bewegt, wurde nun in einem Magazin publiziert, das sich seit 20 Jahren auf dem Markt etabliert hat. Ein Meilenstein meiner politischen Arbeit war damit gesetzt. Aus einem Aktivisten entwickelte sich ein gesellschaftskritischer Youtuber und nun dazu ein Jungautor.

Martin Moczarski aus der ef-Zentrale in Düsseldorf lernte ich vor geraumer Zeit beim libertären Stammtisch in Köln kennen. Über viele Monate hinweg hatte er mich immer immer wieder ermutigt, für eigentümlich frei zu schreiben, so auch für die Teilnahme am alljährlichen Jungautorenwettbewerb. Die besten Einsendungen werden mit einer Teilnahme am Jungautorenseminar belohnt und die Autoren dürfen auch an der anschließenden Konferenz sowie der Preisverleihung teilnehmen. Diese Möglichkeit wollte ich mir nicht entgehen lassen und schrieb einen Artikel zum vorgegebenen Thema. Es dauerte nicht lange, bis die Mail von André F. Lichtschlag in meinem Postfach landete und ich wusste: Ich bin dabei!

Einige Wochen später stand ich in Köln und wartete auf meine freundliche Mitfahrgelegenheit aus der Nachbarschaft: Arno Stöcker. Auch er ist Jungautor und mir bereits im Vorfeld vom Hayek-Club und vom libertären Stammtisch Köln bekannt. Außerdem mit von der Partie war der spätere Preisträger des Jungautorenwettbewerbs Jean Modert. Während der Fahrt haben wir viel über das aktuelle wahnwitzige Weltgeschehen geredet, Podcasts gehört und uns über das ausgetauscht, was uns wohl die nächsten Tage erwartet. Gut, nur für mich war das wirklich neu, die anderen beiden haben schon bei der letzten Konferenz mit Anwesenheit geglänzt. Also auf ging‘s nach Usedom!

Die Fahrt war lang, aber unterhaltsam. Für mich war das besonders spannend, da ich im Osten der Republik noch nicht so oft unterwegs war. Vorbei ging es an planwirtschaftlich gepflanzten Windparks und unattraktiven Werbeplakaten, die mich daran erinnerten, dass Modern Talking noch existiert. An der Ostsee angekommen, konnte man auch hier feststellen, dass die heilige Politik auch hier die Gesellschaft verändert hat – ob die Deutschen sich jemals dort integrieren werden? Als wir am Hotel ankamen, checkten wir ein und verbrachten den Rest des Tages in der angrenzenden Therme, im Speisesaal und zuletzt an der Bar. Der Tag neigte sich dem Ende zu, und ich benötigte noch lange, das ganze zu verarbeiten: „Okay, ich bin jetzt wirklich hier und werde die nächsten Tage bei den Seminaren viel zur professionellen Medienarbeit lernen und anschließend auf der Konferenz spannende Vorträge von richtigen Anarchos hören. In meiner Freizeit werde ich in der Therme herumlungern, so viel essen, wie ich vertrage, und mir ein paar Bierchen gönnen – und das alles, weil die mich als Jungautor haben wollen. Das muss doch einen Haken haben? Sind die noch ganz bei Trost?“

Das Jungautorenseminar

Am Mittwoch ging‘s los: Leicht müde von den Bierchen am Abend fanden wir uns nach dem Frühstück im Seminarraum ein. Anmerkung: Das mit den Bierchen war mir noch in den nächsten Tagen eine Herausforderung.

Im Seminar lernte ich, dass geschwollenes, abgehobenes Schreiben genau das ist, was ich dachte: schlecht. Wir entwarfen eine Science-Fiction-Geschichte, in der sich der verklatschte Dude von „The Big Lebowski“ zu der Persönlichkeit des Han Solo entwickelt. Die Geschichte ist so abgefahren, dass ich sie selbst kaum noch wiedergeben kann. Außerdem diskutierten wir viel, sammelten Ideen, entwickelten Konzepte und lernten, wie man möglichst effizient den Staat umgehen kann. Nicht nur für Autoren war das Seminar bereichernd, sondern auch für mich als Videoproduzenten. So klärte uns ein Kamerateam über die irre Rechtslage in der Bananenrepublik auf. Wir lernten, dass man für fast alles in diesen Landen eine Drehgenehmigung braucht. Außerdem erfuhren wir, dass man als Medienmacher in der DDR 2.0 generell mindestens mit einem Bein im Knast steht und viel Kohle braucht (Anwaltskosten). Alles in allem war das Jungautorenseminar sehr kreativ, aufschlussreich und inhaltlich erschreckend zugleich.

20 Jahre eigentümlich frei – Die Konferenz

Freitagmorgen stand (Gott sei Dank!) kein Seminar an. Das wäre auch zu krass gewesen, da ich wieder einer der letzten an der Bar war und mich erst um 4:30 Uhr in Richtung Koje begab. Irgendwann am Vormittag oder Mittag reisten die offiziellen Besucher und Redner an. Wann genau, kann ich nicht sagen, da ich erst gegen Mittag aus dem Bett kam; sie waren dann einfach da.

Am Nachmittag ging‘s auch schon los: Wir versammelten uns im Konferenzraum, nahmen unsere Plätze ein und hörten den Rednern zu. Das war an vielen Stellen echt witzig, da die Macher von eigentümlich frei, alle sehr eigen sind. So hörten wir Anekdoten aus der Entstehungszeit von eigentümlich frei – Geschichten, die sich kein Mensch ausdenken kann.

Wenn ein alter Mann auf einer Konferenz erzählt, dass er in seiner Jugend Antifa-Briefe gegen sich selbst geschrieben hat, weißt du, du bist hier richtig.

Am Strand zelebrierten die ef-Macher zusammen mit ihren Gästen das 20-jährige Bestehen der Zeitschrift mit einem Feuerwerk, das wieder Kriegsgelüste erweckte. In der Retro-Disko des Hotels wurde dann weiter gefeiert. „Alexander Marcus“, „Outkast“ und feinster 90er-Jahre-US-Hiphop à la „DMX“ ließen einige (einschließlich mir) nicht mehr von der Tanzfläche. Zwischendurch tranken wir immer wieder libertäres Gesöff. Die Bandbreite reichte vom „Mises-Martini“ über „Anarcho-Aperol“, bis hin zu „Saurer Sozialist“. Die Getränkekarte habe ich auf Facebook gepostet. Jemand kommentierte das Foto mit dem Hashtag „#ethanollibertär“. Das hat nun Kultstatus.

Auch dieser Abend erstreckte sich wieder bis in die späten Morgenstunden in der Hotelbar. Am Samstag wurde über die alternative und etablierte Medienlandschaft referiert. Logischerweise endete auch dieser Tag am Abend über der Disco in der Bar. Die letzten Tage haben dermaßen an meinen Kräften gezerrt, dass ich den Sonntagvormittag und somit die komplette Verabschiedung verschlafen habe. Für‘s nächste Mal brauche ich definitiv eine bessere Strategie beziehungsweise Balance zwischen Vorträgen und Feiern. Vor der Abreise führte ich noch ein paar Interviews für mein Aftermovie. Auf der Heimfahrt reflektierten Jean, Arno und ich die Woche, die Vorträge und generell den Spaß, den wir hatten.

Rückblickend kann ich nur immer wieder betonen: Es war der Wahnsinn! Ich habe viel über professionelle Medienarbeit gelernt, werde davon einiges in meine Arbeit als Autor, aber auch für meine Skripte als Videoproduzent einfließen lassen. Die anderen Jungautoren, die ich kennengelernt habe, sind echt gut drauf. Ich hatte sehr viel Spaß!

André F. Lichtschlag und allen Beteiligten bin ich für diese Einladung sehr dankbar und freue mich, weiterhin Teil dieser eigensinnigen Freigeistergemeinde zu sein und weitere Projekte betreuen zu dürfen. ef-Leser wissen mehr.

Video von Miró Wolsfeld: 20 Jahre eigentümlich frei: Aftermovie

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Unblogd“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: In eigener Sache

Mehr von Miró Wolsfeld

Autor

Miró Wolsfeld

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige