30. Dezember 2017

Hipster Die neuen Konservativen?

Oder nur eine Protestphase?

von Florian Müller

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Bildquelle: shutterstock Konservativ bis reaktionär: Hipster mit „Fixie-Bike“

Das Feather 2017 ist ein brandneues Rennrad aus der uralten japanischen Fahrradschmiede Fuji. Dabei handelt es sich um ein elegantes Rennrad mit gerade einmal zehn Kilogramm Gewicht. Fuji verarbeitet hochwertige Materialien, fügt diese stilsicher zusammen und schafft ein abgerundetes Bild von einem wunderschönen Rennrad. Das Fahrrad ist zudem recht günstig. Man bezahlt circa 500 Euro für das edle Designerstück. Sie fragen sich sicher: Was soll der Quatsch? Wird hier jetzt schon Werbung für Fahrräder gemacht? Keineswegs. Die Fuji-Feather-Reihe ist nämlich ein absolut bemerkenswertes Fahrrad: Es verzichtet gänzlich auf moderne Technik.

Das Fuji-Rad hat zwei Gänge. Den ersten Gang und einen Leerlauf. Immerhin verbauen die Hersteller zwei Bremsen, was in Deutschland mittlerweile verpflichtend ist. Der Rahmen und die Gabel sind aus verchromtem Stahl, weder Aluminium noch Carbon wurde verbaut. Die Felgen sind schlicht und werden von einfachen Speichen gestützt. Der Lenker ist so gebogen, wie die älteren Leser es vielleicht vom Jahrzehnte zurückliegenden Radsport kennen. Die Schaltkabel ziehen sich gewollt offen am Rahmen entlang. Sogar die Farben, „renngrün“ und „minzblau“, hat man seit Jahren nicht mehr gesehen. Sättel und Griffpolster sind aus hellbraunem Leder. Kurz gefasst: Das Fahrrad sieht aus wie aus den 50ern. Wenn es hochkommt. Die Technik der sogenannten „Fixie-Bikes“, also Rädern ohne automatischen Leerlauf, bei dem sich die Pedale „entkuppeln“, ist seit 137 Jahren (!) veraltet. Eine Gangschaltung über verschieden große Zahnräder, auf die das Fuji-Feather verzichtet, gibt es seit 115 Jahren. Trotzdem kostet das schicke Velo über 500 Euro. In gleicher Preiskategorie gibt es mittlerweile High-End-Rennräder aus den 2000ern oder recht gute, neue „Baumarktfahrräder“, die aber in so ziemlich allen Kategorien vor dem Fuji liegen. Irgendwo muss aber ein Absatzmarkt sein.

Die ersten „Fixed-Bikes“ wurden 2007 als Retro-Fahrräder wiederentdeckt. Vorher nutzten nur einige Kurierfahrer die simplen Zweiräder, hauptsächlich aufgrund geringer Verschleißkosten und einfacher Reparatur. Seit einigen Jahren boomt der Markt. Aber welcher normale Mensch kauft sich im Jahr 2017 ein solches Fahrrad? Liebhaber bleiben bei ihren alten italienischen oder französischen Rennrädern oder anderen restaurierten Klassikern. Sportliche Fahrer, oder eigentlich alle, die nur einen kleinen Hügel vor der Haustür haben, können schwerlich auf eine Gangschaltung verzichten. Da bleibt nur eine Gruppe: städtische Hipster.

Wer sich in den sozialen Medien, allen voran auf Youtube, umschaut, bemerkt schnell die stetig wachsende Klientel. Die Fixies boomen. Es gibt Tutorials, Lifestyle-Tipps, Wettbewerbe und Erklärvideos, Vlogs (Videoblogs) über die modernen Retroräder. Ein Youtube-Kanal schoss den Vogel ab: Da puristische Alternativos ihre Bremse abmontieren, um noch cooler, fescher und retrohafter zu werden, gibt man hier Tipps und Tricks, wie man seine rollende, bremsenlose Vintage-Angeberei am besten stoppen kann.

Wer aufmerksam hinschaut, erkennt, dass die Fixies nicht alleine dastehen, sondern einen anwachsenden Trend verkörpern: Hipster werden reaktionär. Schallplatten wurden wieder zu begehrten Sammelobjekten, mittlerweile bringt jede Band, die etwas auf sich hält, eine CD und eine Vinyl-Version raus. Zwar behaupten Menschen mit musikalischer Vorbildung, dass man die bessere LP-Qualität hören kann, aber das ist nicht der Grund für den Boom. Jungen Leuten, allen voran die avantgardistische Hipster-Subkultur, geht es um mehr: Um reine Abgrenzung vom Mainstream, in dem die moderne Technik längst Einzug gehalten hat. Und vielleicht auch ein wenig um Entschleunigung und Entspannung. Bevor Sie jetzt behaupten: „Der Kerl spinnt doch! Die I-Phone-Jünger sind die linksprogressivsten Stadtdeppen, die es je gegeben hat“: Links, das mag sein, aber wirklich progressiv sind sie schon lange nicht mehr. Noch einige Beispiele, die mit den „Neuesten Linken“ verbunden werden können: Gärtnern, Ökologie, Jutesäcke, Hosenträger, Holzfällerhemden, Craft Beer, Schnurr- oder Vollbart mit dazugehörender Biobartpflege, Bambuszahnbürsten. Selbst die typische Hipsterbrille, mittlerweile aus Horn und mit kreisrunden Gläsern, ist eigentlich ein Modell von anno Tobak. Tabak baut man schon längst bei den Bekannten mit Garten selber an, danach stopft man den geschmacklosen „Homegrow“ in die Pfeife von Oppa Ehrhardt. Doch bevor man aus dem Haus geht, müssen die Haare gerichtet werden. Aber nicht mit modernem „styling wax“, sondern mit „Pomade“. Das ist eigentlich das gleiche, aber fünfmal so teuer und seit dem 18. Jahrhundert ein Begriff. In welchen anderen Lebensbereichen man bewusst auf Fortschritt und Moderne verzichten wird und auf welchen Feldern man am Puls der Zeit bleibt, ist noch unklar. Unklar ist auch, ob es sich nur um eine reine Protestphase handelt oder ob sich die Jugend tatsächlich einem teilkonservativen Lebensstil zuwendet.

Youtube: „Fixies in Berlin“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Krautzone“.


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