15. August 2017

Zentralafrikanische Republik Das Chaos ist zurück

Extreme Brutalität auch gegenüber Zivilisten

von Volker Seitz

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Bildquelle: shutterstock Wieder mal Chaos: Zentralafrikanische Republik

Die frühere französische Kolonie Zentralafrikanische Republik mit der Hauptstadt Bangui grenzt an den Tschad, den Sudan, den Südsudan, die Demokratische Republik Kongo, die Republik Kongo und Kamerun. Die Zentralafrikanische Republik ist anderthalbmal so groß wie Deutschland. David Dacko wurde erster Präsident nach der Unabhängigkeit. Jean-Bédel Bokassa, der Stabschef der Streitkräfte, setzte seinen Cousin Dacko 1966 nach einem Putsch ab. Frankreich hatte den Putsch unterstützt. Auf den 10.000-Franc-Scheinen von 1968 ist Bokassa in einer Uniform zu sehen, die komplett mit militärischen Abzeichen, Orden und Kordeln übersät ist. Bokassa verwandelte das Land von 1976 bis 1979 in eine Monarchie, das Zentralafrikanische Kaiserreich, und errichtete ein Terrorregime. Zur Krönung ließ er 100 Tonnen Feuerwerkskörper, 1,5 Tonnen Orden, 5.100 Galauniformen, Pferde, Kutschen und tonnenweise Blumen einfliegen. Bokassas Thron war vier Meter breit, darauf saß er in Purpur und Hermelin gehüllt, auf der zehn Meter langen Schleppe waren die Insignien Napoleons gestickt.

Mit den Gewinnen aus dem Verkauf von Diamanten, Gold und Elfenbein finanzierte der Despot seinen aufwendigen Lebensstil und seine Luxusimmobilien in Frankreich. Allen Menschenrechtsverletzungen zum Trotz half Frankreich seiner ehemaligen Kolonie immer wieder mit immensen Geldzahlungen aus. Militärbasen und Uranvorkommen waren wichtige Gründe, das Regime zu stützen.

Eine Erklärung, warum Paris dem größenwahnsinnigen und grausamen Bokassa seine lächerliche Krönung finanzierte (30 Millionen Dollar) und ihn auch nach blutigen Massakern unterstützte, lieferte das satirische französische Wochenblatt „Le Canard enchaîné“. Es spießte die besonders engen Beziehungen Bokassas zu dem französischen Staatspräsidenten Valéry Giscard d’Estaing auf. 1973 weilte der damalige Wirtschafts- und Finanzminister Giscard d’Estaing zu einem Jagdausflug in der Zentralafrikanischen Republik. Bokassa, der seinen Gast mit „mon cher cousin“ (mein lieber Vetter) anredete, ließ eine Handvoll Diamanten aushändigen.

Nach der Ermordung von 100 Schülern und Jugendlichen musste Bokassa 1979 fliehen und erhielt ausgerechnet in Frankreich Asyl. Im Exil bewohnte er mit einigen seiner 18 Frauen sein Schloss Hardricourt in der Nähe von Paris. Fünf Jahre später ging er zurück nach Bangui, wo er wegen Mordes, Korruption und Kannibalismus zum Tode verurteilt wurde. Er wurde aber schon nach wenigen Jahren begnadigt. Er starb 1996.

Bislang noch nie ein echter demokratischer Machtwechsel

In der Geschichte des Landes hat es bislang noch keinen echten demokratischen Machtwechsel gegeben. Wieder mit Unterstützung von Frankreich gelangte zunächst Ange-Félix Patassé (1993 bis 2003) und dann François Bozizé (2003 bis 2013) an die Macht. Seit dem Sturz von Bozizé 2013 versinkt das Land in einer Welle von Gewalt. Es kam zu einem blutigen Bürgerkrieg zwischen Christen (Anti-Balaka) und Muslimen (Séléka). Staatliche Strukturen sind verschwunden. Behörden, Polizeistationen, Gerichte müssen in dem Land erst einmal wieder aufgebaut werden. Gemeindeverwaltungen haben kein Budget. Seit 2016 ist der parteilose Mathematikprofessor Faustin Archange Touadéra Präsident der Zentralafrikanischen Republik. Die Regierung kontrolliert aber nur die Hauptstadt und das umliegende Gebiet. Es gibt in der Zentralafrikanischen Republik ein einziges größeres Unternehmen, eine Brauerei. Sie gehört dem französischen Getränkekonzern Castel. Die Weltbank saniert Straßen, um Arbeitsplätze für die Bevölkerung zu schaffen.

2014 griff Frankreich mit der „Operation Sangaris“ (benannt nach einem lokalen Schmetterling) erneut militärisch ein, nachdem sich das UNO-Kontingent von 1.000 Polizisten aus dem Tschad, Kamerun, dem Kongo, Gabun und Guinea als überfordert erwies. Die französische Zeitung „Libération“ titelte: „Frankreich – ein Gendarm in Afrika“. Die Truppe umfasste zeitweise bis zu 1.600 Soldaten. Inzwischen sind es nur noch etwa 350, die die UN-Blauhelmtruppe (MINUSCA) unterstützen. Die Soldaten wurden auch zurückgezogen, weil in Umfragen nur noch 40 Prozent der Franzosen den Militäreinsatz unterstützten.

Nach einer relativen Ruhe ist der Konflikt Mitte 2017 wieder aufgeflammt. Ärzte ohne Grenzen berichtet von einer „extremen Brutalität“ auch gegenüber Zivilisten im Lande. Anfang August wurden sechs Mitarbeiter des Roten Kreuzes in Gambo im Süden des Landes ermordet. Seit Juli wurden mehr als 50 Menschen (darunter neun Blauhelme aus Marokko) getötet. Die französische Tageszeitung „Le Parisien“ zitiert am 12. August 2017 Beobachter vor Ort, dass der Konflikt nicht mehr zwischen Christen und Muslimen ausgetragen wird, sondern dass diese jetzt zusammenarbeiten, um die Gold- und Diamantenminen in die Hand zu bekommen. Vom Export der Diamanten, des Goldes und anderer Mineralien profitieren nur die Milizen, denn diese kontrollieren die reichlich vorhandenen Rohstoffvorkommen im Lande. Die 12.000 Blauhelme schaffen es nicht ansatzweise, die Probleme in den Griff zu bekommen, und können nur noch die Hauptstadt Bangui und die Kleinstadt Bamberi schützen. Im Rest des Landes herrscht wieder Anarchie.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der „Achse des Guten“.


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