14. September 2021

Erneuter Putsch in Westafrika Staatsstreich in Guinea

Die Putschisten werfen dem 83-jährigen Präsidenten Condé Korruption und Missmanagement vor

von Volker Seitz

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Bildquelle: Igor Grochev / Shutterstock.com Die landschaftliche Idylle trügt: Guinea ist ein fragiler und brutaler Staat

Die Menschen in Westafrika haben die meisten Putsche seit der Unabhängigkeit erlebt. Im Niger wurde im März ein Putsch vereitelt. Im April ernannte die Armee im Tschad den Sohn des getöteten Staatspräsidenten zum Nachfolger. Und im Mai organisierten die Militärs in Mali einen zweiten Putsch innerhalb von neun Monaten. Am Sonntag, den 5. September 2021, ergriff das Militär in Guinea die Macht von Präsident Alpha Condé, setzte die Verfassung aus und löste das Parlament auf. Der Anführer des Putsches ist Oberst Mamady Doumbouya, ein ehemaliger Legionär in der französischen Fremdenlegion. Auf Wunsch des abgesetzten Präsidenten hat er seit 2018 eine Sondereinheit zur Bekämpfung des Terrorismus der guineischen Armee aufgebaut.

Die Putschisten werfen Präsident Condé Korruption und Missmanagement vor. Condé war im Jahre 2010 als erster demokratisch legitimierter Staatschef an die Spitze des 13 Millionen Einwohner zählenden westafrikanischen Landes getreten. Condé hatte allerdings vergangenes Jahr eine Verfassungsänderung durchgesetzt, die ihm eine dritte Amtszeit ermöglichte. Im Oktober ging der heute 83-Jährige als Sieger hervor, was zu blutigen Massenprotesten führte. Condé und Doumbouya gehören – wie der erste Präsident Sékou Touré – der Volksgruppe der Malinké an.

„Der Mann, der sein Land ausblutete“

Der erste Präsident Ahmed Sékou Touré regierte mit Unterstützung des Militärs bis zu seinem Tode 1984 diktatorisch. 1960, 1969 und 1973 wurden nach vermeintlichen Attentaten Militärs, Beamte und Leute aus dem Umkreis des Diktators exekutiert. Während seiner Regierungszeit gab es immer wieder Verhaftungswellen. Das Folter- und Todeslager Boiro ist bis heute in dunkler Erinnerung der Bevölkerung. Sein Terrorregime hinterließ über 50.000 Tote. Zwei Millionen Guineer, ein Viertel der Bevölkerung, gingen ins Exil. Meist in die Côte d’Ivoire und in den Senegal.

Der ivorische Schriftsteller Ahmadou Kourouma (1927–2003) beschreibt in seinem immer noch lesenswerten scharfzüngigen Bestseller „Die Nächte des großen Jägers“ („En attendant le vote des betes sauvages“) Sékou Touré als den „Mann in Weiß“, weil er stets die traditionelle Kleidung Westafrikas, den weißen Bubu und eine weiße Kopfbedeckung, trug. „Der Mann in Weiß war Sozialist und genoss die Schmeicheleien, die Bewunderung und die Unterstützung des Ostens. […] Er galt als der Weise, der Unbestechliche, der niemals einen Tropfen menschlichen Blutes vergoss, und so fort. Der Mann in Weiß hingegen stand in seiner ganzen unverhüllten Nacktheit da als der grausame, größenwahnsinnige, fanatische, tribalistische, sadistische Diktator, der er war, der Mann, der sein Land ausblutete.“

In der 2020 erschienenen, außergewöhnlich selbstkritischen und dadurch umso glaubwürdigeren Autobiographie der aus der Karibik stammenden Schriftstellerin Maryse Condé „Das ungeschminkte Leben“ schreibt sie: „Mir liegt mehr herauszufinden, welch wichtigen Platz Afrika in meinem Leben und meinen Vorstellungen eingenommen hat.“

„Meine neuen Mentoren [in Guinea] begnügten sich nicht damit, die Übeltaten der Kolonisation zu geißeln. Sie benannten auch die Missstände der präkolonialen Epoche: ‚Aber nein! Das war keine goldene Zeit, wie die Schwärmer behaupten!', pflegte Hamilcar [H. Cabral, guinea-bissauischer Unabhängigkeitskämpfer, Poet, 1973 in Conakry/Guinea ermordet] zu sagen. ‚Es gab damals Haussklaven, Kastensysteme, Unterdrückung der Frauen, abgesehen von anderen barbarischen Sitten, wie die Beschneidung von Frauen, die Ermordung der Zwillinge und der Albinos.‘“

„Wir kamen an eine Schranke mit Wächterhäuschen voller Militärs, die mit wütender Strenge die Papiere der Besucher prüften, doch als wir sie hinter uns gelassen hatten, waren wir in einer anderen Welt. Eine Welt des Luxus, der Ruhe und des Wohlbefindens. Blühende Hecken, hellgrüner, sorgsam gemähter Rasen, wunderschön beschnittene Bäume, langgestreckte, flache weiße Villen.“

Maryse Condé berichtet dies, weil in Guinea die Masse der Bevölkerung unter grausamen Verhältnissen lebte, die mir nur zu gut bekannt waren. Sie schämte sich, weil sie Fodéba Keïta, einem der wichtigsten Stützen des Diktators Sékou Touré, gegenübersaß und ihn nicht beschimpft hatte. „Wegen eines Stromausfalls hatten wir eine Spirituslampe angezündet. Wir tranken Ersatzkaffee, in dem unaufgelöste russische Zuckerwürfel schwammen. Die tschechischen Minzkekse unseres frugalen Imbisses waren hart wie kleine Steine. Aber das war nicht das Schlimmste. Jeder musste inzwischen um sein Leben fürchten. Völlig unbescholtene Leute verschwanden, wurden ohne ersichtlichen Grund ins Gefängnis geworfen.“

Bettelarm trotz üppiger Vorkommen an Bodenschätzen

Nachfolger von Sékou Touré wurde Oberst Lansana Conté, der das Land bis zu seinem Tode 2008 ebenfalls tyrannisch regierte. Nach Contés Tod putschte das Militär, und Hauptmann Moussa Dadis Camara wurde zum Staatsoberhaupt erklärt. Ein Jahr später wurde Camara bei einem Attentat schwer verletzt. 2010 konnte die erste demokratische Wahl seit der Unabhängigkeit durchgeführt werden. Der frühere Oppositionspolitiker Alpha Condé gewann mit 52,5 Prozent der Stimmen.

In Guinea entspringt der bedeutendste Fluss Westafrikas, der Niger. Das Land hat fruchtbare Böden und reiche Vorkommen an Bodenschätzen (Eisenerz, Bauxit, Gold, Diamanten, Uran). An Bauxit, dem Rohstoff für die Aluminiumherstellung, hat Guinea große Lagerstätten. Nach Australien, China und Indien ist das Land mit 18 Millionen Tonnen eine weltweit bedeutende Fördernation. Auf rund zehn Milliarden Tonnen Bauxit werden die Vorräte geschätzt – etwa die Hälfte der weltweiten Vorkommen. Bauxit-Exporte gehen vor allem nach Russland, Spanien, Irland, in die Ukraine, nach China und in die USA. Dem Moskauer Konzern Rusal gehört die Mine in Débélé.

Dieses wirtschaftliche Potenzial wurde seit 1958 nicht für die Entwicklung des Landes genutzt. Keine Regierung hat die eigenen Möglichkeiten und Kräfte ausgeschöpft. Misswirtschaft und Korruption sind sehr verbreitet. Guinea ist etwa so groß wie Großbritannien. Die meisten Einwohner sind trotz der erheblichen Bodenschätze bettelarm. Die Bevölkerung der Hauptstadt Conakry hat sich in den letzten Jahren auf zwei Millionen Menschen vervierfacht. Viele Menschen haben weder nennenswerte Stromversorgung noch Wasser. Sie leben in improvisierten Lehmhütten mit Wellblechdächern. Müll- und Abwasserentsorgung fehlt meist. Selbst in der Stadtmitte ist die Hauptverkehrsachse nur notdürftig asphaltiert.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der „Achse des Guten“. 


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