12. Juli 2016

Reise in die USA Von Vorurteilen und Tellerrändern

Mehr Staat wird nicht als Lösung betrachtet

von Felix Honekamp

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Bildquelle: shutterstock Verlässt sich lieber auf sich als auf den Staat: US-Amerikaner

Die USA sind besser als ihr europäischer und deutscher Ruf – erheblich besser. Aber dazu muss man einen Blick über den Tellerrand wagen.

Fast drei Wochen USA waren es nun: Ein Familienurlaub in zweifacher Hinsicht. Denn nicht nur waren diese Wochen in Minnesota der Jahresurlaub der Familie. Zudem haben wir dabei auch noch die Familie besucht: Ein Onkel wohnt seit vielen Jahren in Minneapolis, und leider kommt man doch zu selten zu einem Besuch. Drei Wochen, in denen ich aus der Ferne die Entwicklungen in Europa betrachten durfte.

Das erste deutsche EM-Spiel habe ich noch in Deutschland gesehen, vom letzten nur die erste Halbzeit und auf dem Flughafen vor dem Rückflug das Ergebnis. Der Brexit inklusive allen Nachtretens war auch in den USA ein Thema, wenn dort auch deutlich entspannter betrachtet. Kein Thema ist dort dagegen die AfD, deren Selbstzerfleischung zwischenzeitlich pathologische Züge annimmt. Und apropos Fußball: Wenn man parallel zu den Vierter-Juli-Feiern in den USA die Diskussionen über die Nichtverwendung deutscher Flaggen zur EM betrachtet, erscheint einem das Vorurteil, die Amerikaner seien dümmer als die Europäer, noch mehr als das, was es eigentlich ist: dümmliche Überheblichkeit!

„America, America“

Amerikaurlaub mit zwei kleinen Kindern, der fällt anders aus als intensives Sightseeing, dafür umso mehr – gestützt durch die Verwandtschaft – Kennenlernen von Land und Leuten. Wenn man dann in einem Dorf mit knapp 600 Einwohnern diverse Kirchen – neben der katholischen auch mindestens eine lutheranische, eine baptistische und eine von mir nicht näher identifizierte – sieht, überkommt einen der Verdacht, dass in diesem Staat schon einiges anders läuft als bei „uns“ in Deutschland und Europa.

Sicher, der eine oder andere wird in diesem intensiven Glaubensleben eine gewisse „Rückständigkeit“ vermuten. Ich sehe darin eher eine gute Erdung, die davor bewahrt, auch als Bewohner der einzig verbleibenden Supermacht „abzuheben“. Und wer beim abschließenden Gesang von „America, America“ zur Messe am 4th-of-July-Weekend nicht eine Gänsehaut bekommt (aus einem Liederbuch mit einem speziellen Abschnitt „Nation“), dem ist nicht zu helfen. Der sollte eher überprüfen, ob sein Überlegenheitsgefühl gegenüber den Amerikanern nicht doch eher einer mangelnden eigenen Bodenhaftung geschuldet ist.

Politik und Bodenhaftung

Überhaupt: die europäische Sicht auf die Amis! Sind das nicht die, die von Europa keine Ahnung haben? Die sich immer noch fragen, ob es in Deutschland noch einen Kaiser gibt? So sehen das aber auch – angefeuert durch die Medien – in der Mehrzahl Menschen, die meinen, mit Donald Trump sei der atomare Erstschlag eine unausweichliche Konsequenz. Natürlich habe ich keine Umfrage gestartet, und womöglich hat es mich zu besonders „aufgeklärten“ Amerikanern verschlagen. Dort sieht man aber in Trump in der Tat eher eine Alternative zum gängigen elitären Politikbetrieb. Nein, niemand, den ich getroffen habe, erwartet von Trump die Lösung aller Probleme, die wenigsten mögen seine aggressive Art. Aber besser als die aktuell regierende Nullnummer, besser als entscheidungsarme Sitzungsmarathons in Washington, erscheint er allemal.

Was die meisten wohl von Trump erwarten, ist, dass er sie zumindest nicht auch noch zusätzlich in ihrem Leben behindert. Selten habe ich so viele Menschen gesehen, die für europäische und deutsche Regulierungswut so wenig Verständnis haben und die der Überzeugung sind, dass ein Einschreiten des Staates im Zweifel eine Verschlechterung darstellt. Das sind keine überzeugten Libertären, aber sie verstehen den Kennedy-Satz „Frage nicht, was der Staat für dich tun kann: Frage, was du für den Staat tun kannst“ nicht als Sozialismus, sondern als Aufforderung, nicht bei jedem Problem nach dem Staat zu rufen. Ob es wohl daran liegen mag, dass Neuentwicklungen in der IT und im IT-bezogenen Dienstleistungsbereich nicht mehr aus dem angeblich so intelligenten Europa kommen? Kann es sein, dass der VW-Abgasskandal nur ein Symptom des Niedergangs europäischer Innovationskraft ist?

Oberflächliche Freundlichkeit gegen tiefschürfende Grantigkeit?

Wo wir gerade bei Dienstleistungen sind: Was für eine großartige Dienstleistungsorientierung, vom Verkäufer über den Lebensmitteleinpacker bis hin zum Sicherheitspersonal am Flughafen. „Hi, how are you today?“ – „Hallo, wie geht es Ihnen heute?“ So steigt man doch ganz anders in ein Gespräch ein, auch wenn man weiß, dass das Gegenüber über einen kurzen Abriss, wie es mir gerade wirklich geht, eher überrascht wäre. „Jaha“, höre ich es da schon tönen, „das ist aber doch gar nicht freundlich gemeint, ist doch nur eine oberflächliche Freundlichkeit“. Das sehe ich in zweierlei Hinsicht anders: Erstens ist mir eine oberflächliche Freundlichkeit in einem amerikanischen Restaurant, in dem sich die Bedienung mit Namen vorstellt, immer noch lieber als eine tiefschürfende Grantigkeit, die einem in Deutschland begegnet.

Zweitens ist diese „Freundlichkeit als Dienstleistung“ auch ein Ergebnis der Überzeugung, dass der Kunde nicht stört, sondern gerade dabei ist, mein Gehalt zu sichern. Das tut der Staat im Zweifel nämlich in den USA eher nicht, jedenfalls nicht so ausgeprägt. Und so steht eine nette ältere Dame im Eingangsbereich des Kaufhauses mit keinem anderen Auftrag, als die Kunden freundlich zu begrüßen. Der deutsche mahnende Zeigefinger deutet auf ein soziales Gefälle, das diesen Job für die Dame notwendig macht, um über die Runden zu kommen. Der freie Geist sieht eine weitere Möglichkeit, für eine Dienstleistung Geld zu verdienen, die man in Deutschland noch nicht mal zu sehen in der Lage ist.

Es ist nicht alles gut, aber …

Nein, in den USA läuft nicht alles rund. Gerade die Berichte über den Mord an weißen Polizisten durch einen schwarzen Rassisten und die anscheinende Häufung der Tötung schwarzer Jugendlicher durch weiße Polizisten deuten auf eine Gesellschaft, die ihre inneren Risse durchaus kennt. Aber an solche Themen begibt man sich in der Mehrzahl in der Überzeugung, dass die Lösung sicher nicht in einem Mehr an staatlicher Einflussnahme liegen wird. Und man reagiert allergisch, wenn einem staatliche Einflussnahme als Hilfe verkauft werden soll. Wie schon der Republikaner Ronald Reagan zitiert wird: „Die zehn furchterregendsten Wörter der englischen Sprache sind: ‚Hi, ich bin von der Regierung und komme, um Ihnen zu helfen!‘ (im Original: „The ten most terrifying words in the English language are ‚Hi, I’m from the government, and I’m here to help!“)

Paart man diese Grundüberzeugung mit dem Vertrauen auf Gott, das einem an allen möglichen Enden entgegenschlägt, kommt man der amerikanischen Seele vielleicht auch in ein paar wenigen Urlaubswochen näher, als wenn man deutsche Medien die Hände über den Kopf zusammenschlagen sieht angesichts einer potentiellen Wahl Donald Trumps zum Präsidenten oder dessen Äußerung, Belgien sei eine schöne Stadt.

Ich bin jedenfalls als größerer USA-Fan aus Minnesota zurückgekommen, als ich hingefahren bin. Und ich werde versuchen, einen Teil dieser Mentalität in den Alltag zu retten. Das ist nicht einfach, wenn man jeden Tag mit dem ehemaligen Staatsunternehmen „Bahn“ unterwegs ist und man für den Einkauf einer Plastiktüte an der Supermarktkasse böse angeschaut wird. Aber ein bisschen mehr Amerika – mehr Selbstverantwortung, mehr Selbstbewusstsein, mehr Dienstleistungsorientierung und auch mehr Gott im Alltag – wird sicher gut tun.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Papsttreuen Blog.


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