07. März 2016

Notleidende Aktiengesellschaften Bahnfahrt erster Klasse für Mitarbeiter

Arme Aktionäre!

von Markus Elsässer

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Bildquelle: shutterstock Hauptsache komfortabel: Bahnreisen auf Kosten der Aktionäre

Eine unerwartete Begegnung während einer Bahnfahrt, die mich als Aktionär nachdenklich gestimmt hat. Eine wahre Begebenheit. Ein kleiner Blick hinter die Kulissen eines DAX-Unternehmens.

Kürzlich war ich mit der Bahn auf dem Weg von Köln nach Bremen. Mein ganzes Leben lang bin ich immer zweiter Klasse gefahren. Erst seit meinem 59. Lebensjahr leiste ich mir den Luxus, erster Klasse zu buchen. Als selbständiger Investor zahle ich alle meine Reisen von jeher aus eigener Tasche.

Anders als sonst landete ich diesmal nicht im Großraumwaggon, sondern in einem Abteil alten Stils. Ich hatte Glück. Eine nette Dame, Mitte 30, saß bereits im Abteil. Wir kamen ins Gespräch. Sie war auf der Rückreise von einem Weiterbildungsseminar in Rheinland-Pfalz. Es stellte sich heraus, dass sie in einem Labor arbeitete. Da sie in der ersten Klasse saß, nahm ich an, dass sie für eine staatliche Behörde oder wissenschaftliche Organisation der EU tätig war. Normalerweise bin ich nicht so neugierig, aber es interessierte mich dann doch, ob ich mit meiner Vermutung richtig lag.

Doch weit gefehlt: Der Arbeitgeber ist ein weltbekannter DAX-Großkonzern in Süddeutschland. Dem Unternehmen geht es seit längerer Zeit nicht sehr gut. Der Aktienkurs hinkt seit mehreren Jahren hinter dem Index her. Die Aktionäre hatten wenig Grund zur Freude. Da ich etwas stutzte, erklärte mir die Dame: Bei längeren Bahnreisen würde die Betriebsvereinbarung im Unternehmen vorsehen, dass weibliche Mitarbeiter grundsätzlich Anspruch auf eine Fahrt in der ersten Klasse haben.

Da war ich doch einigermaßen von den Socken. Auf eine Diskussion über das „Für und Wider“ habe ich – angesichts des fröhlichen Gesichtsausdrucks meiner Mitreisenden – verzichtet. Mir gingen nur zwei Gedanken durch den Kopf. Ich hoffe, sie hat es mir nicht angemerkt. Erstens: Habe ich da irgendetwas in Deutschland und bei der Bahn verpasst? Sicherheitshalber bin ich dann gleich mal einige Waggons durch die zweite Klasse gegangen, um zu sehen, wie schlimm es da um die Passagiere steht. Ich konnte nichts Auffallendes feststellen. Zweitens: Meine Sorge galt meinen Aktiendepots und meinen Aktienfonds. Habe ich da irgendwo diese DAX-Aktie im Bestand? Ich war mir recht sicher, dass ich die Aktie nicht im Portfolio habe. Erst als ich meine Unterlagen später überprüft hatte, konnte ich erleichtert aufatmen.

Ich wünsche grundsätzlich allen Menschen nur das Beste. Doch: Jetzt frage ich mich natürlich, haben wir es hier mit einem erstaunlichen Einzelfall zu tun? Oder hat in Deutschland eine Entwicklung in Richtung Sozial-Komfort begonnen, die mir völlig durchgegangen ist?

Ich kann es drehen und wenden, wie ich will. Mit einer sinnvollen Motivation der Mitarbeiter hat das nichts zu tun. Für mich ist solch eine Ausgabenpolitik in einer Aktiengesellschaft nicht vertretbar und eine reine Geldverschwendung. Einer solchen Regelung hätte ich nie zugestimmt. Ändern kann ich nichts. Aber diese Aktie, die kommt mir nicht in mein Orderbuch. Wie dem auch sei... der arme Aktionär, der solche Eskapaden letztlich zu bezahlen hat. Nachdenklich bin ich abends spät in Bremen ausgestiegen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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