14. Januar 2015

Morde von Paris Ich bin nur ganz kurz „Charlie Hebdo“

Spaltung ist Freiheit

von Sascha Tamm

Dossierbild

In der Diskussion um die Terroranschläge in Paris geht es logisch teilweise drunter und drüber. Diese begriffliche und logische Unklarheit ist nicht nur für jeden Beobachter, der, um die unsterblichen Worte von Fred Feuerstein zu paraphrasieren, noch halbwegs alle Steine auf der Schleuder hat, peinlich und geradezu schmerzhaft, sondern gefährlich. Deshalb hier einige offensichtliche und selbstverständliche Klarstellungen – aus einer individualistischen Perspektive.

Die Morde von Paris sind zuerst und vor allem Verbrechen an einzelnen Menschen. Als solche sind sie zu verurteilen und zu bestrafen. Die Menschen, die ermordet wurden, sind nicht zuerst Symbole der Pressefreiheit oder der Meinungsfreiheit. Alles andere heißt, sie zu instrumentalisieren, wie richtig die Sache auch ist.

Die Mörder waren Moslems, und sie haben sich explizit auf ihren Glauben bezogen. Die Behauptung, dass diese Morde nichts mit „dem Islam“ zu tun haben, steht also auf äußerst schwachen Füßen. Ich möchte sie hier nicht diskutieren. Aus meiner Sicht ist die entscheidende Frage: Was folgt daraus, dass sich Verbrecher auf eine Religion beziehen, um ihre Verbrechen zu legitimieren? Und für wen?

Gehen wir einmal davon aus, dass die Mörder sich in korrekter Weise auf den Islam beziehen. Bedeutet das etwas für den Umgang mit jenen Moslems, die nicht zu Mördern werden und auch die Morde nicht aktiv unterstützen? Die Antwort ist ganz klar: nein. Aus einer freiheitlichen und individualistischen Perspektive kann eine Bestrafung oder eine Schlechterstellung nur durch Taten eines Einzelnen legitimiert werden – weder durch die Taten von Glaubensgenossen noch durch Glaubensinhalte, wie diese auch immer ausgelegt werden.

Gleichzeitig gilt: Kritik an einer Religion und ihren Inhalten muss immer und in jeder Form möglich sein – Religionen genießen keine Privilegien. Wenn Menschen sich davon angegriffen fühlen, so müssen sie in einer freien Gesellschaft damit leben. Sie können sich in jeder friedlichen Form wehren – durch eigene Propaganda, durch Demonstrationen. Aber immer, ohne in die Freiheits- und Eigentumsrechte anderer einzugreifen und ohne den Staat zu instrumentalisieren. Deshalb ist auch jede Kritik am Islam ebenso legitim wie die an anderen Religionen. Dass der Islam selbst irgendetwas verbietet (oder auch nicht) ist für die Bewertung der Handlungen anderer schlicht irrelevant. Das gehört zum Kern der individuellen Freiheit.

Und hier komme ich zu einem weiteren Punkt, der mich nervt in den letzten Tagen – und schon länger. Viele sagen jetzt: Es darf kein Keil in unsere Gesellschaft getrieben werden. Wir müssen zusammenstehen. Ich verstehe und teile die symbolische Solidarität mit den Ermordeten. Doch über den Moment hinaus ist das Gerede über die Einheit der Gesellschaft und den notwendigen großen Konsens gefährlich. Denn unsere Gesellschaft ist gespalten, und das ist sowohl gut als auch unvermeidbar, wenn wir ein Mindestmaß an Freiheit bewahren wollen. Ich lebe mit vielen Menschen zusammen, mit denen ich viele Werte nicht teile. Ich bin weder das Volk, noch strebe ich mit meinen deutschen oder europäischen Landsleuten eine „innere Einheit“ an. Viele halten meine Wertvorstellungen und Ideen für idiotisch und gefährlich. Und auch mir fällt es sehr schwer, mit Menschen, die zum Beispiel weder Chemie noch Gene in ihrem Essen haben wollen oder die glauben, dass der Neoliberalismus an allen Übeln schuld sei und ein Mindestlohn für irgendjemanden Wohlstand schafft, auch nur ein Wort zu wechseln. Das gilt erst recht für religiöse und nationale Fanatiker. Und glücklicherweise gibt es genug Möglichkeiten, den Kontakt zu beschränken.

Wir müssen nur ganz wenige Prinzipien befolgen, um frei und friedlich zusammenleben zu können. Das Maß der angeblich notwendigen Gemeinsamkeiten wird von Politikern und Staaten bei weitem überdehnt. Die Freiheit, alles zu tun, was nicht in die Freiheit und die Eigentumsrechte anderer eingreift, ist ein guter Leitfaden. Und diese Prinzipien müssen nicht einmal Konsens sein (obwohl das wünschenswert wäre), sondern sie müssen ganz passiv befolgt werden. Deshalb sind auch sogenannte Parallelgesellschaften nicht per se etwas Schlechtes.

Vor den Anstrengungen des Zusammenlebens mit Menschen, die ganz anders ticken als ich selbst, kann mich nur eine gleichgeschaltete Gesellschaft beziehungsweise ein entsprechender Staat bewahren. Und das ist bei weitem die schlechtere Alternative als das Zusammenleben mit Menschen, die ich für Idioten halte und die mich für Idioten halten. Sorry für die unwissenschaftlichen Generalisierungen.

Ich muss um der Freiheit aller willen andere Positionen, Lebensstile und so weiter ignorieren und mit ihnen auskommen, solange sie mich nicht unmittelbar bedrohen. Und bedroht werde ich nur von Individuen – gegen diese muss im Ernstfall auch mit Gewalt vorgegangen werden, nicht gegen Religionen, Ideologien und so weiter. Diese dürfen kritisiert und verächtlich gemacht werden, so viel es wem auch immer Spaß macht. Wer das auf sich als Person bezieht, kann sich selbst friedlich auf eigene Kosten wehren. Ansonsten hat er damit zu leben. Niemand muss an irgendetwas glauben. Das ist Freiheit. Punkt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Antibuerokratieteams.

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