24. April 2014

Ukraine Eine Medaille für die Helden der Krim

Auch die Schützen von Kiew dürfen sich schmücken

von Sascha Tamm

Dossierbild

Ich beschäftige mich nur selten mit Münzen und Medaillen (jedenfalls dann, wenn sie nicht aus Gold sind). Aber zuweilen sind sie spannend – und geben Hinweise auf Zusammenhänge.

Das russische Verteidigungsministerium verteilt gern Medaillen an die, die sich bei seinen Operationen auszeichnen. So gibt es jetzt die Medaille „Für die Rückkehr der Krim“: Die Medaille wird nach Befehl 160 des russischen Verteidigungsministeriums „für Verdienste bei der Gewährleistung der Sicherheit von Maßnahmen in Verbindung mit der Verteidigung der Rechte der Bürger der Krim, der Durchführung des Referendums auf der Krim, des Eintritts der Krim in den Bestand der Russischen Föderation im Ergebnis des Referendums“ verliehen.

Inzwischen sind viele Hinweise auf die Medaille wieder von der Website des Ministeriums verschwunden, doch die russischen Numismatiker waren schnell. So kann man „Befehl 160“ mit Anhängen im Internet nachlesen, und über die Medaille gibt es einen Wikipedia-Eintrag. Allerdings ist beides nur auf Russisch.

Laut offizieller russischer Propaganda gab es zwar gar kein russisches Eingreifen auf der Krim, und schon gar nicht in anderen Teilen der Ukraine. Es waren spontan entstandene lokale Selbstverteidigungskräfte, die zufällig nagelneue Uniformen ohne Hoheitszeichen, Maschinenpistolen und gepanzerte Fahrzeuge in ihren Garagen hatten und das Land vor den sich aus Kiew nähernden Faschisten schützen sollten. Nun, wer das geglaubt hat, dem ist ohnehin nicht zu helfen.

Ein Detail der Medaille ist besonders interessant: Der Zeitrahmen der Operation zur Rückkehr der Krim wird auf der Medaille mit „20. Februar - 18. März“ angegeben. Das ist ebenso spannend wie erhellend:

Am 20. Februar war es auf der Krim weitgehend ruhig. Dagegen wurden in Kiew zahlreiche Menschen durch Schüsse getötet. Das Kollektiv aus russischer Propagandamaschine und westlichen Putinverstehern unterstellt gern, dass die Toten auf dem Maidan das Werk von Auftragskillern gewesen seien, die von ukrainischer Opposition und EU gemeinsam angeheuert wurden. Es spricht eher einiges dafür, dass sich die erfolgreichsten Schützen jetzt mit der schönen Medaille schmücken können. Denn die Operation zur Rückkehr der Krim hatte begonnen – und Tote und Aufruhr machten die Gefahr für die Russen auf der Krim plausibler.

Erst in der Nacht vom 26. zum 27. Februar besetzten die sogenannten Selbstverteidigungskräfte Gebäude in Simferopol. Am 27. Februar wurde Sergej Aksjonov Regierungschef der Krim. Das war ein Teil der Operation – folgerichtig gehört er zu den ersten, die mit der Medaille ausgezeichnet wurden. Danach wurde vom Parlament der Krim der Anschluss an Russland forciert. Die Details spare ich mir hier. Die Volksabstimmung, die viele in Deutschland immer wieder als Legitimation für das Eingreifen der russischen Truppen anführen, fand erst am 16. März statt, also gegen Ende der Operation. Die Krim war zu diesem Zeitpunkt vollständig unter Kontrolle russischer bewaffneter Einheiten. Wie weit es um die Rechte der Minderheiten auf der seitdem Krim bestellt ist, sieht man nicht zuletzt daran, dass der Anführer der Krimtataren das Gebiet nicht mehr betreten darf.

Zwei Nachbemerkungen:

1. Es gab in der ganzen Zeit übrigens keinen Hinweis darauf, dass irgendwelche Nationalisten oder Faschisten im Anmarsch waren und die Russen auf der Krim bedrohten. Damit soll nicht behauptet werden, dass es in der Ukraine keine Nationalisten gibt. Es gibt sie, und viele von ihnen hassen nicht nur Russen, sondern auch Juden oder fremde Völker ganz allgemein. Derartige Gruppen finden in Zeiten der Unsicherheit besonderen Zulauf. Die Partei Svoboda, die starke derartige nationalistische Tendenzen hat, ist deshalb sicherlich nicht gut für die Zukunft der Ukraine. Doch es besteht nach aller Erfahrung der letzten Jahre und Monate keine Gefahr, dass es tatsächlich eine massive Gefährdung von Angehörigen anderer Nationalitäten durch sie gibt. Und der russische Präsident ist sicher der letzte, dem an den Rechten von Minderheiten gelegen ist, jedenfalls an den Rechten derer, die ihm gerade politisch nicht in den Kram passen. Es ist bizarr, einen Präsidenten, für den Stalin ein effizienter Manager war, der unter anderem den qualvollen Hungertod vieler Ukrainer (aber auch, das wird oft vergessen, vieler Kasachen und vieler anderer Menschen), die Deportation der Krimtataren und anderer Völker, das gewaltige Straflagersystem und die Massentötungen unter seiner Herrschaft effizient gemanagt hat, nun als Beschützer von Minderheiten vor vermeintlichen Bedrohungen anzurufen.

2. Das Recht auf Sezession sollte den Menschen überall auf der Welt zustehen, auf der Krim, in Katalonien, in Inguschetien, in Schottland, im Baskenland, in Kurdistan, wo auch immer. Doch es sollten Verfahren gewählt werden, die die Rechte der Menschen schützen, die sich nach der Loslösung in der Minderheitenposition befinden. Und der unmittelbare Beitritt zu einem anderen Staat ist kein Zeichen dafür, dass sich hier der Freiheitswille einen geknechteten Volkes manifestiert hat.

Auf die Medaille und einige Zusammenhänge hat mich Susanne Spahn, meine Frau aufmerksam gemacht. Danke dafür!

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Antibürokratieteams.


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