06. Juni 2026

Früher war alles besser! Maria von S.

Siegerbeitrag zum Libertären Literaturpreis 2025

von Andreas Richard Zolotar

Artikelbild
Bildquelle: Redaktion Waffen: Schulisches Schießen in der Steppe (KI-generiert)

Eingang

Die Unendlichkeit der Steppenweite verschwand im Schwindel und machte dem tiefblauen Himmel Platz. Auf Aminas Gesicht knallte die Sommersonne. Sie hatte sich mit ausgebreiteten Armen um sich selbst gedreht. Ein Schlag. Schwarz. Sie erwachte und taumelte mit einem dicken Schädel nach Hause. Am Horizont zeichneten sich verschwommen Jurten ab. Sie wurden von im Bau befindlichen Häusern verdrängt. Vor den Zelten saßen Jungs. Einer meinte, sie habe sich wohl im Gras gewälzt. Seine Mutter sagte, sie sei bleich, müde, esse nicht, müsse zu Kräften kommen. Ein Lamm scharrte an ihrem Schuh. Es schielte. Sie streichelte seinen Kopf. Die Jurte ihres Vaters betrat sie in dreckiger Schuluniform.

„Amina.“

Sie ging zum Bett, auf dem die Hausaufgaben landeten.

„Wo bist du gewesen?“

„Schule.“

„Halb so lange auf der Baustelle und ich würde dich nicht dahinschicken.“

„Du?“

Amina schrieb einen Aufsatz über Puschkin. Der Nationaldichter Russlands hatte eine dunklere Haut als seine Landsleute. Er erfuhr, dass Peter der Große seinen schwarzen Vorfahren am Zarenhof liebgewonnen hatte und mit der Tochter eines Fürsten verheiraten wollte. Als diese davon erfuhr, soll sie in Ohnmacht gefallen sein. Genau in dem Moment brach Puschkins Werk über seinen Ahnen ab. Er war einem Pistolenduell zum Opfer gefallen.

Amina schlief mit dem Stift in der Hand ein. Ihr Vater deckte sie mit seiner Lederjacke zu. Er ging zur Baustelle. Am nächsten Morgen wachte Amina ohne ihn auf. Sie packte ihre Schultasche und gab dem Lamm aus der Flasche zu trinken. Es schielte sie dankbar an. Sie machte sich auf den Schulweg. Vorbei an Jurten, Baggern und Baustellen, an ihrem Vater, der Stein um Stein legte. Der winkte, wenn er sie sah. Raus aus der Siedlung zum nächstgrößeren Nachbarsdorf, in dem die Nomaden schon in Wohnhäusern lebten und der gelb-rot lackierte, eckige Bus mit zwei Türen hielt. Hier wollten sie bald eine Schule bauen, für die Amina zu alt sein würde. Die Straße endete hier. Für Amina, fünf Mitschüler, zwei Studenten, einen Lehrer, vier Arbeiter fing sie an. Sie waren Kasachen aus den Siedlungen und Dörfern in der Graslandschaft östlich von Karaganda. Alle hatten eine Monatskarte. Der Fahrer rauchte auf. Er setzte sich hinters Lenkrad. Die Steppe zog an ihnen vorbei. Eine halbe Stunde fuhren sie durch das flache Land, das abgesehen von ein paar Hügeln immer gleich blieb. Die Sonne knallte auf den Bus. Amina nahm einen Schluck aus der Wasserflasche. Ab und zu tauchte ein aufgeschrecktes Murmeltier aus seinem Erdloch, hielt der Bus, sammelte Kasachen ein. Sie mussten nach Karaganda, eine Stadt, die in den letzten Jahren so schnell gewachsen war wie ihre rauchenden Schornsteine am Horizont. Der Bus war randvoll geworden. Aus dem kargen Boden stiegen Fabriken und Plattenbauten empor, in denen Hunderttausende arbeiteten und lebten. In den von Kränen, Baggern, Bauarbeiterarmeen belagerten Außenbezirken begrüßte Amina eine gewaltige Leninstatue. Sie wusste, dass ab hier niemand mehr einstieg. Der Bus machte Halt. Arbeiter stiegen aus. Die Straßen der Stadt waren breit. Eine Betonwüste, in der es schneite. Amina stieg aus. Sie wartete auf die Straßenbahn. An ihrer Uniform klebten die weißen Flocken der Pappelbäume. Sie versuchte, sie abzuzupfen. Vergeblich. Es waren zu viele. In der gelb-roten Straßenbahn waren zu viele Menschen. Amina quetschte sich in den Waggon. Hier fuhren nicht nur Kasachen, sondern auch Deutsche und Russen. Die Oberleitung legte sich wie ein Spinnennetz über ihre Köpfe. Amina hasste die vier Stationen. Im Bus konnte sie Hausaufgaben machen, in Gedanken sein. Hier war sie gefangen. Die stets neuen Körpergerüche der Fremden waren auf dem Rückweg noch schlimmer.

Die Schule war ein Gefängnis, an das sie sich gewöhnt hatte. Die Kinder und Jugendlichen strömten in das Gebäude. Es hob sich von den Plattenbauten kaum ab. Die fetten Buchstaben über dem Haupteingang wiesen darauf hin, dass hier gelernt wurde: Mittelschule. Amina beeilte sich. Sie war spät dran, rannte durch den Haupteingang, den Flur entlang bis zur dritten Tür. Sie war zu. Ganz langsam machte sie auf. Die Sitzordnung: Drei Reihen von zehn Zweiertischen. Dahinter kasachische, russische, deutsche Schüler. An den Wänden hingen Bilder von Helden der Sowjetunion und über der Tafel ein großes von Lenin. Der Stuhl vor dem Lehrerpult war leer. Die Schüler redeten wild durcheinander. Amina schlich zu ihrem Platz.

„Was machst du?“ fragte ihre Sitznachbarin. „Er ist noch nicht da.“ Amina setzte sich neben Nora. Zehn Minuten später torkelte ein alter, fülliger Mann in den Klassenraum. Seine weißen Haare waren wellenartig zurückgekämmt. Er trug eine Militäruniform, und die unzähligen Orden an seiner Brust klimperten, wenn er eine plötzliche Bewegung machte. Es war Mathematikunterricht. Einige Schüler schlugen ihre Hefte auf. Der Lehrer marschierte die Reihen ab. Sein Blick schweifte über die Hausaufgaben. Er kehrte zum Pult zurück und deutete mit dem Zeigefinger auf den Tisch von Nora und Amina. Sie sahen sich an. Gemeinsam gingen sie an die Tafel. Der Lehrer hatte ein Stück Kreide in der Hand und eine Wodka-Fahne. Er schrieb eine Gleichung an die Tafel. Amina erkannte, dass sie etwas falsch gemacht hatten. Der Lehrer schrieb noch eine halbe Gleichung an die Tafel. In den hinteren Reihen bastelten die Schüler Papierkügelchen. Dem Lehrer fiel die Kreide aus der Hand. Amina hob sie auf. Die Schüler schnipsten die Kügelchen in Richtung der Drei. Sie prallten am Rücken des Veteranen ab. Nora meinte, sie mussten das anders lösen. Sie atmete tief durch. Amina gab ihr die Kreide. Der alte Mann schaute die beiden an. Seine Augen funkelten. Amina glaubte, dass er einen anschauen konnte, aber dabei etwas ganz anderes sah. Sie gab ihm die Kreide zurück. Er präsentierte eine Formel, die er umstellte. In den hinteren Reihen zerknüllten sie jetzt ganze Seiten aus ihren Heften. Der Beschuss hagelte auf sie ein. Der Lehrer gab die Kreide Nora zurück. Die Stunde war vorbei. Die Klasse stürmte aus dem Raum. Amina und ihre Freundin blieben. Die ganze Pause suchten sie nach einer Lösung. Am Ende löste der kasachische Literaturlehrer seinen Kollegen ab. Er hatte blonde Haare und helle Augenbrauen, was Amina seltsam fand. Die anderen kamen aus der Pause. Es ging um Puschkin. Die Schüler lasen ununterbrochen von den Zwischenrufen eines Jungen ganz hinten ihre Aufsätze vor. Der Lehrer schaute ihn jedes Mal an. Beim vierten Mal jagte er zum Tisch des Jungen, packte ihn am Kragen und schleppte ihn zur Tür, die er leicht öffnete. Wie mit einem Rammbock holte er mit seinem Körper Schwung. Der Kopf des Jungen prallte gegen die Tür, die aufgestoßen wurde. Der Lehrer ließ los und den Jungen aus dem Klassenraum.

„Noch Fragen?“

Auf dem Pausenhof zeigten die jüngeren Kinder mit den Fingern aufeinander, sagten „Punkt“, woraufhin sie eingefroren stehenblieben. Ein „Komma“ taute sie auf und sie liefen lachend weiter. Einige tauschten Bonbonpapiere. Eines der Motive waren drei Bärenjungen mit ihrer Mutter im Wald. Andere zeigten ein Eichhörnchen, Rotkäppchen, das Weltall, Balletttänzer oder das Gesicht eines kleinen Mädchens mit Kopftuch. Amina und Nora beobachteten einen Klassenkameraden. Der Junge stand allein da. Nora fragte ihre Freundin, ob sie finde, dass er traurig aussehe.

„Ich glaube nicht.“

Amina fand, er sah aus wie eine Maus. Heute wollten sie sich nach der Schule bei Noras Großeltern treffen. Amina fragte Nora, ob sie ihn fragt, ob er mitkommt. Der Junge schaute auf den Boden. Nora zeigte mit dem Finger auf ihn und rief „Komma“. Der Junge schaute sie an. Sie fragte ihn.

„Ich muss nach Hause“, antwortete er.

„Riki“, nannte ihn Nora beim Namen. „Wir alle müssen.“

Die Pause war zu Ende. Sie hatten Politische Ökonomie und anschließend Geschichte. Die Fächer unterrichtete eine junge Lehrerin, indem sie mit ihrer monotonen, angenehmen Stimme einen Vortrag hielt. Sie war nicht sehr streng. Viele gingen einer leisen Beschäftigung nach, machten Hausaufgaben, schauten aus dem Fenster, schliefen, kritzelten. Amina überlegte, was sie hier in den letzten zwei Jahren gelernt hatte. Lenin kam. Danach wurde alles besser. Dann kamen Stalin und der Krieg. Schwere Zeiten. Jetzt ist Chruschtschow da. Dazwischen gab es sehr viele Parteitage, deren Beschlüsse sie für die Klausuren auswendig lernten, um sie hinterher wieder zu vergessen.

„Traumstunde“ nannten sie diesen Unterricht. Der Stoff war uninteressant, man musste nicht aufpassen. Ehe man sich versah, saß man in der Mensa. Sie hatten sich zu Riki gesetzt, der neben seinem Freund Vitali saß. Das Essen schmeckte. Vitali fragte die Zwei, ob sie sich auf das Schießen freuen. Nora meinte, sie möge den Lehrer. Er sei so bemüht. Amina nickte. Sie holte die Bonbons aus der Tasche. Es war der Nachtisch. Sie taten so, als ob sie das Papier immer noch sammeln würden. Beim Schießen nahmen sie das Gewehr auseinander, dann bauten sie es zusammen. Man durfte den Kopf nicht verlieren, wenn man einen Fehler machte. Der Lehrer hatte Geduld. Man durfte keinen Fehler dabei machen, weil man dann noch einen machte und noch einen. Es war ein altes Gewehr. Vorletzte Stunde hatten sie gelernt, wie man es reinigt. Sie haben auch schon das Schießen geübt. Bald sind Sommerferien, dachte Amina. Die waren drei Monate lang. Nächstes Jahr finde eine Schützenmeisterschaft statt, sagte der Lehrer an. Riki nahm das Gewehr auseinander. Er kam nicht weiter. Amina, der Lehrer, die ganze Klasse schauten zu. Amina wollte am liebsten einen Tipp geben, das Gewehr selbst auseinanderbauen.

„Trainiere hart, siege leicht“, rezitierte der Lehrer seinen Lieblingsspruch. Es war verboten zu helfen. Riki schüttelte den Kopf. Er gab auf. Der nächste sollte es richten. Es war der, der aus dem Literaturunterricht geflogen war. An mehreren Stellen kam er nicht weiter. Er hörte nicht eher auf herumzuprobieren, bis die Waffe zusammengesetzt war. Dickschädel, dachte Amina. Vitali war dran. Er konnte immer alles auswendig. Die Schüler machten Witze darüber. Sie meinten, dass er zuhause ein Gewehr habe. Amina war an der Reihe. Das Gewehr lag vor ihren Füßen. Für sie war sein Inneres bekannt. Nur der erste Schritt wollte ihr nicht einfallen. Mit erwartungsvollen Augen schauten die Klassenkameraden sie an. Er wollte ihr einfach nicht einfallen, der erste Schritt.

Amina wartete neben Nora. Die Freundinnen stiegen ein, fuhren zwei Stationen und nahmen den Bus in den Südteil der Stadt. Dieser war um einen Industriekomplex herum entstanden. Aus seinen Schornsteinen stieg Rauch über den Stausee, das erste, was man im Lichte der Abendsonne sah. Der untergehende Feuerball färbte das Wasser rot. Lange Schatten verfolgten sie bis zu den Großeltern. Deren Zuhause, eine Lehmhütte am Stadtrand, war das letzte an einer langen Straße von selbstgebauten, immer kleiner werdenden Häusern. Nora klopfte an. Amina erschrak. An ihren Beinen rieb sich eine graue Katze. Es war eine kleine, ausgewachsene mit einem dicken Bauch. Im Maul hatte sie eine halb so große Ratte. Nora verzog vor Ekel das Gesicht. Amina wusste, ihre Freundin hasst Mäuse. Ratten waren große Mäuse. Vielleicht lag es an den Geschichten aus dem Krieg und der Hungersnot. Die Großmutter öffnete die Tür.

„Katze“, nannte sie das Tier. Es legte die Beute ab und tapste rein. Die Gäste folgten ihm in das einzige Zimmer, in dem von Bett bis Kochnische alles untergebracht war.

„Diese Kommunisten sind alle Verbrecher!“, schimpfte der Großvater. Er drehte an einem Radio. Es verkündete russische Nachrichten, unterbrochen von einem Rauschen, in dem Gesangsfetzen fremder Sprachen auftauchten.

„Pssssst“, machte die Großmutter mit dem Zeigefinger vor den Lippen.

„Verbrecher!“

„Leise.“

„Alle.“

Die Katze schnupperte. Sie kroch unter das Bett, in den halboffenen Schrank, als ob sie nach einem Versteck suchen würde. Großmutter brachte Bonbons und machte Tee. Großvater fragte, ob sie ihm ein paar Echsenschwänze bringen wollen, wie früher. Die Hitze sei dem Abend gewichen.

„Gell, Ora?“ fragte er immer und lachte. Nora meinte, sie müsse ohnehin noch zuhause vorbeischauen. Ihre Eltern seien arbeiten. Sie tranken den Tee aus und verabschiedeten sich, nicht ohne beim Verlassen der Hütte mitzubekommen, wie Großvater die Kommunisten aufs Neue verfluchte. Ein paar Straßen weiter befand sich das umzäunte, für diese Gegend ungewöhnlich große Haus von Noras Eltern.

„Rex, sitz!“, befahl Nora. Das Bellen und Knurren des Schäferhundes verwandelte sich in ein Winseln. Er wedelte freudig mit dem Schwanz. Nora kraulte sein dickes Fell. Rex schloss seine Augen. Danach beschnupperte er die verängstigte Amina. Sie gossen den Gemüsegarten. Nora schenkte ihrer Freundin ein paar Gurken und Tomaten. Vor dem Stall begrüßte sie ein Kalb mit Kopfstößen. Sie kraulten seinen Kopf. Amina fragte, ob es jucke.

„Er bekommt Hörner“, erklärte Nora. Sie öffnete die Tür. Mit einem bereitgelegten Stock klopfte sie auf den Boden. Mäuse huschten durch den Stall. Sie versorgten die gackernden Hühner, von denen einige auf ihren Eiern saßen. Nora mochte sie nicht. Vor einigen Wochen hatte der Gockel sie angegriffen und war im Kochtopf gelandet. Die Sau grunzte. Sie hatte einen dicken Bauch bekommen. Draußen kam der füllige, rot getigerte Kater an.

„Feda!“ Sie streichelten ihn und er schnurrte im Stehen. Vor dem Schlafengehen machten sie einen Spaziergang in der Steppe. Amina meinte, sie vermisse die Zeit, als sie jünger waren. Ihre Freundin nickte. Im Zwielicht huschten die Echsen durch das Gras. Sie waren klein wie eine Kinderhand und die Jagd auf sie aussichtslos, wenn es dunkel war. Die beiden bestiegen einen der Hügel, die sich aus dem flachen Land erhoben. Sehen konnten sie jetzt bis zum Horizont. Das Land endete dort so plötzlich wie vor einem Abgrund, über dem das Weltall mit dem Flackern der Sterne begann.

Gnade uns

Nora erzählte, dass sie in den Sommerferien ein Häuschen für die Katze ihrer Großeltern gebaut hat. Ein paar dumme Jungs haben es zerstört. Einem habe sie eine Ohrfeige gegeben und sei dann weggerannt. Die Ferien waren vorbei. Der Mathelehrer schien nüchtern, redete viel über das, was er mit seiner zittrigen Hand an die Tafel schrieb. Mitten in der Stunde, als die Schüler mit einer Aufgabe beschäftigt waren, verließ er das Zimmer. Sie alberten herum. Einige versammelten sich um den Lehrertisch. Kurz darauf war es die halbe Klasse. Vom Kichern unterbrochene Stille begleitete die neugierigen Blicke. Die Schüler zeigten mit dem Finger auf Riki.

„Jude, Jude, Jude!“

Die Überraschung in seinen Augen wich Leere. Amina verstand nicht. Sie bahnte sich den Weg durch die Menge. Das Klassenbuch lag aufgeschlagen. Es listete die Namen aller Schüler auf, ihren Wohnort, ihre Eltern. Ganz hinten: die Nationalitäten. Auf dem Schulhof war alles beim Alten. Die Kinder spielten „Punkt“ und tauschten Bonbonpapiere. Nur die Neuen standen unbeholfen herum. Riki stand allein da. Amina ging zu ihm hin. Sie sagte, es sei nicht schlimm, dass er Jude ist. Er sei keiner, erwiderte er. Sie sagte, es sei wirklich nicht schlimm.

„Aber ich bin kein Jude!“, brüllte er sie an. Die Kinder in ihrer Nähe erstarrten, als hätte er „Punkt“ gesagt. Alles beim Alten. Jeder sprach über den neuen jungen Lehrer, der Biologie und Geografie unterrichtete. Er kam aus Moskau. Amina fand, es sei egal, woher er kommt. Auf der Treppe zur Mensa saß ein älterer Schüler mit einer Gitarre in der Hand. Er fing an zu spielen. Die Melodie lockte die Schüler wie Insekten zum Licht. Amina und Nora stellten sich hinten an. Der junge Mann sang von einem Soldaten, der im Krieg verwundet auf dem Schlachtfeld liegt. Über ihm kreist ein Rabe, der ihn fressen will. Also sagt er dem Vogel, er soll seiner Mama sagen, dass er gefallen, und seiner Liebsten, dass sie frei ist. Dann darf er ihn fressen. Das Lied war wirklich schön. Die Pause war zu Ende. Nora fragte den Musiker, wo er herkomme. Er meinte, er sei in Russland unterwegs gewesen. Er hatte riesige Pupillen wie eine Katze bei der Jagd. Der Mathelehrer scheuchte die Schüler vom Hof.

„Du kommst zu spät“, sagte er zum Gitarrenspieler. Nora und Amina kamen auch zu spät. Der neue Lehrer war ihnen nicht böse. Er war wirklich jung, sah gut aus. Amina setzte sich ganz hinten hin und bereute es. Sie musste auf Toilette. Erbrechen. Das zweite Mal heute. Der Tag hatte erst angefangen. Der Lehrer fragte Amina, ob sie krank sei. Übelkeit, sagte sie. Sie solle Bescheid geben, wenn es nicht aufhöre oder schlimmer werde. Als sie von der Toilette wiederkam, sprach der Lehrer begeistert über Verhütung. Er sagte einen Satz, dachte kurz nach, als ob er nicht wusste, was er als Nächstes sagen soll. Dann der nächste. Amina setzte sich. Ihr lief es eiskalt den Rücken herunter. Die Schüler kicherten, drehten sich kurz zu ihr um, kicherten wieder. In den Sommerferien hatte Amina ihren wachsenden Bauch mit weiter Kleidung verbergen können. Für den Schulanfang bat sie Nora darum, sich von einer älteren, dickeren Schülerin eine Schuluniform auszuleihen. Das Ergebnis war enttäuschend. Trotzdem bedankte sich Amina bei Nora. Ohne sie wäre der erste Tag eine Katastrophe gewesen, dachte sie. Tatsächlich sprach sie niemand darauf an. Nur einmal meinte sie, dass ein Junge hinter ihrem Rücken geflüstert habe, sie sei fett geworden, was sie beruhigt hatte. Die Stunde war herum. Die Schüler stürmten aus dem Klassenzimmer. Amina konnte nicht. Sie wusste, sie würde erbrechen. Der Lehrer sah sie an. Ganz langsam, dachte Amina. Sie erhob sich in Zeitlupe und taumelte auf den Hof. Alles drehte sich im Kreis. Ihr Name war das Letzte, das sie von Nora hörte.

„Amina? Amina? Sie wacht auf“, sagte die fremde Stimme. Amina stöhnte. Ihr Kopf tat weh. Sie lag auf einer Liege. Der Arzt gab ihr eine Flasche Wasser. Er fragte, wie es ihr ginge. Sie sagte, dass sie Kopfschmerzen hat. In der Pause sei sie ohnmächtig geworden, sagte die Krankenschwester. Sie fragte, ob sie sich daran erinnern könne. Amina verneinte. Der Arzt fragte, ob sie in letzter Zeit öfter das Bewusstsein verloren habe. Selten, sagte sie. Er fragte, ob sie heute schon genug gegessen und getrunken habe. Amina meinte leise, heute noch nichts, weil sie spät dran gewesen sei. Die Krankenschwester erinnerte sie daran, wie wichtig es sei, zu essen und zu trinken. Amina richtete sich auf. Sie nahm einen großen Schluck aus der Flasche. Der Arzt maß Blutdruck und Puls. Das Pochen fühlte sich gut an. Draußen warteten Vitali, Nora und Riki. Letzterer schaute auf den Boden. Sie meinten, der Arzt sei nett gewesen, habe sie schlafen lassen. Die Schulzeit sei vorbei. Amina fragte, ob sie wirklich so lange geschlafen habe. Nora nickte. Sie meinte, sie sollte heute nicht allein nach Hause fahren. Sie könne auch mit zu ihr kommen, bei ihr übernachten. Amina wiegelte ab. Es werde schon gehen. Sie einigten sich darauf, dass sie bis zur Haltestelle gemeinsam gehen, dann weitersehen würden. Nora meinte, dass die Küken geschlüpft seien. Die Sau habe Ferkel bekommen. Amina wollte das sehen. Sie liebe Tierkinder. Vitali und Riki fragten, ob sie mitkommen dürfen. Nora erlaubte es ihnen. Dort angekommen knurrte Rex die Jungs an. Amina beschnupperte er noch ausgiebiger als letztes Mal. Der Schäferhund rannte im Kreis, gab ihr einen unterwürfigen Blick. Dann sprang er sie an. Seine Vorderbeine landeten auf ihren Schultern. Amina zitterte. Er schleckte ihr Gesicht ab.

„Rex, sitz!“, befahl Nora. Er ließ von Amina ab und schnupperte an ihrem Bauch.

„Was hat er nur?“ fragte Vitali.

„Rex, sitz!“, wiederholte Nora. Rex setzte sich. Seine Augen waren unruhig. Hektisch wedelte er mit dem Schwanz. Sie gossen den Garten. Das Kalb war weg. Die Tiere mussten gefüttert werden. Amina freute sich auf die Küken, klein, gelb und flauschig. Sie konnte nicht verstehen, dass ihre Freundin sie nicht mochte. Selbst die Ferkel waren rosig, süß. Nora öffnete die Stalltür. Sie verscheuchte die Mäuse. Kein Gackern, kein Grunzen. Stille. Die Küken pikten auf etwas herum. Alle auf die gleiche Stelle. Überall gelbe, blutige Federn. Nackt und blutüberströmt hinkte es davon.

„Wo sind die Ferkel?“ fragte Amina.

Die Sau lag auf der Seite. Sie schielte die Menschen mit einem Auge an und schrie, wie nur Schweine schreien können. Sie flohen aus dem Stall. Vor dem Haus trafen sie einen Mann, der eine tote Maus am Schwanz festhielt. Es war Noras Vater. Sie sagten ihm Bescheid. Im Flur döste der dicke, zusammengerollte Kater. Der Vater wedelte mit der Maus.

„Feeeda!“, lockte er ihn. Feda richtete seinen Kopf auf. Er blinzelte verschlafen, gähnte und streckte ihnen seine Pfote entgegen. Sie lachten. Der Kater rollte sich wieder ein.

Tag des Zorns

Amina verfolgte die Feuerstelle. Ihr gegenüber saß ihr Vater, und sie wusste nicht, was sie ihm sagen sollte. Der Winter war mit einem Schneesturm über das Land hereingebrochen. Vier Tage in der Jurte. Sie könne ruhig sagen, wer der Vater ist. Man werde eine Lösung finden. Amina schwieg. Alle im Dorf würden sie anschauen, sagte der Vater. Amina wollte etwas sagen. Der Vater fragte, ob sie heiraten wolle. Sie sagte, irgendwann. Er meinte, jemand vom Nachbardorf habe ihn gefragt und fragte, ob sie damit einverstanden wäre. Sie sagte, dass es ihr egal sei. Der Vater schnappte sich die Schaufel und stürmte aus der Jurte. Amina folgte ihm. Vier Meter hohe Schneewände säumten den Weg zur Straße ins Nachbardorf. Das war der Schulweg. Der Bus kam nicht. Die Kinder und Jugendlichen starrten Aminas Bauch an. Sie alle trugen Pelzmäntel, Stiefel, Hosen, Socken, Oberteile, Handschuhe, Schals um ihren Hals, um ihr Gesicht genauso wie Amina. Sie liefen hin und her. Der Bus kam. Sie stiegen ein. Die Sonne schien auf die weiße Landschaft. Es tat in den Augen weh. Ein Fuchs stand eingefroren da, mitten in der Bewegung. Amina fragte sich, was jetzt die Murmeltiere machen. Sie waren wohl in ihren Erdhöhlen. Der Bus sammelte die Kasachen ein. Der Fahrer rauchte im Bus. Am Horizont wuchsen die Schornsteine der Stadt. Ihr Rauch qualmte wie Zigaretten in den Himmel. Vor dem Schulgebäude traf Amina Riki. Sein Gesicht war blau angeschwollen. Er hinkte.

„Dich haben sie aber übel zugerichtet.“

Amina stützte ihn. Sie sagte, gleich sei Unterricht beim jungen Lehrer aus Moskau. Der schlage die Schüler nicht. Riki stöhnte vor Schmerzen. Im Klassenraum saßen die Schüler an ihren Tischen. Der Lehrer stand am Pult. Sie waren zu spät. Der Lehrer sagte nichts. Die Schüler wurden leise. Nora fehlte. Sie muss krank sein, dachte Amina. Sie setzte Riki an Noras Platz ab und setzte sich daneben. Der Lehrer überprüfte die Anwesenheit. An einem Ständer neben der Tafel breitete er eine Karte aus.

„In den letzten Stunden haben wir die Geografie West-, Süd- und Zentralkasachstans durchgenommen. Heute ist der Ostteil unserer Republik Thema. Am Ende der Stunde werden wir einen kleinen Test schreiben.“

Der Lehrer versammelte die Schüler um die Karte. Er erwähnte die ihnen, so sagte er, bereits bekannte Steppe im Norden und Westen der Oblast Semipalatinsk. Dann hielt er begeistert einen Vortrag über das Altaigebirge. Wie in den letzten Unterrichten fragte er die Schüler, ob sie schon einmal hier oder dort waren. Vitali meinte, er sei mit seiner Familie für ein paar Tage im Altai gewesen. Eine andere Schülerin erzählte, da habe sie Urlaub gemacht. Amina sagte, sie komme aus der Oblast Semipalatinsk. Der Lehrer fragte, von wo genau. Irgendwo zwischen den Städten Karaganda und Semipalatinsk zeigte sie auf einen weißen Fleck der Karte.

„Das heißt, du kommst aus einem Dorf in dieser Region“, mutmaßte der Lehrer.

„Nein“, antwortete Amina. „Wir zogen mit Vieh und Jurten von Ort zu Ort. Es gab da Dörfer aus Lehmhütten, in denen wir manchmal waren, und eine Stadt. Dort waren wir beim Arzt.“

„Weiter nördlich, meinst du. Ich meine, dass ein Kartograf ein Dorf vergessen kann, aber keine Stadt.“

„Sie war nicht so groß wie Karaganda, kleiner, aber eine Stadt.“

„Wie hieß sie denn?“

„Ich – weiß nicht.“

„Also gut“, sagte der Lehrer und reichte Amina einen roten Stift. „Dann zeichne diese namenlose Stadt ein.“ Amina tat es. Der Lehrer schaute auf seine Uhr. Es war fünf vor zwölf. Der Test fiel heute aus. Im Geschichtsunterricht ratterte die Lehrerin Parteitagsbeschlüsse herunter. Riki und Amina blätterten im Geschichtsbuch. Ein Bild fing ihren Blick ein. Es zeigte einen bärtigen Kasachen mit Gebetsmütze in traditioneller Kleidung. Er hielt die gerade ausgestreckten Finger der linken Hand an seine Brust, wobei der Daumen unter seinem Mantel verschwand. Seine Rechte ruhte auf seinem Schoß, und ein Mann, dessen Gesicht nicht auf das Foto passte, legte seine Hand auf die Schulter des Abgebildeten.

„Ein echter Kasache“, flüsterte Amina dem geschundenen Riki ins Ohr.

„Haben Sie uns etwas mitzuteilen?“, fragte die Lehrerin.

„Ja, Frau Lehrerin“, sagte Amina und zeigte auf das Bild. „Wer ist dieser Mann?“

„Wer dieser Mann ist“, sagte die Lehrerin, „dürfen Sie uns die nächste Stunde erzählen.“

Die Klasse lachte. Riki stöhnte. Amina schleppte ihn auf den Pausenhof. Sie liefen umher. Zu kalt. Die Kinder spielten kein „Punkt“ mehr. Eingefroren waren jetzt alle. Schneeballschlachten hatten das Spiel ersetzt. Amina machte Riki klar, dass sie einen Vortrag halten müssen. Riki packte sein Schulbuch aus. Mit seinen dicken Handschuhen dauerte es, bis er das Bild aufschlug. Das füllte die untere Hälfte der Seite, und auf der oberen ging es um die einheimische Bevölkerung. Kein Name, keine Beschreibung. Nur dieser Mann als Beispiel für einen Kasachen. Amina zog ihre Handschuhe aus. Sie riss die Seite heraus.

Heute wird geschossen, wusste Amina. Die Schulklasse hatte einen Kreis um das Gewehr gebildet. Die Schüler mussten es auseinandernehmen und zusammenbauen. Einer nach dem anderen, aber nicht jeder, dachte Amina. Zwei meldeten sich freiwillig. Es waren die, die es konnten und vom Lehrer ignoriert wurden. Amina überlegte, ob auch sie sich melden sollte.

„Nicht alle auf einmal“, sagte der Lehrer. Er rief den Ersten auf. „Eines nach dem anderen und nicht alles auf einmal“, beruhigte er ihn. Der Unglückliche kam nicht weit. Die zwei Verdächtigen meldeten sich – Amina sich mit. Sie wurde drangenommen, trat vor, sah das Gewehr an und brach in Tränen aus. Der Lehrer schickte die Mitschüler raus. Er warf Amina einen kurzen Blick zu, verschwand dann mit den anderen hinter der Tür. Sie war allein mit der Waffe. Es war ein Einschussgewehr. Ihre Hände bauten es auseinander und zusammen. Sie sah, was verboten war, in die Mündung, die vor Langeweile gähnte, wie es fertige Waffen immer tun. Die Klasse kam herein. Amina drehte das Gewehr um. Der Lehrer verkündete, dass sie heute als Erstes schießen soll, und drückte ihr eine Patrone in die Hand. Sie gingen an den Schießstand. Amina legte an. Ihre Finger setzten die Patrone in die Kammer ein und luden durch. Die Schießscheibe stand friedlich da. Sie schoss. Die Bombe schmolz den weißen Sand. Sie schoss. Die Bombe verbrannte eine Stadt. Sie schoss. Noch eine. Sie schoss. Die Bombe entfesselte eine Hunderte Meter hohe Welle, die eine Flotte fraß. Sie schoss. Die Bombe explodierte im All, und es wurde dunkel auf der Erde. Sie schoss. Die Bombe war so groß, dass ihre Explosion bis in das All reichte. Sie schoss. Volltreffer. Beim Applaus der Mitschüler zitterte Aminas ruhige Hand.

Der Posaune Wunderklang

Der Schnee begann zu schmelzen, denn es war Frühling. Es würde bald Sommer sein, wenn er geschmolzen war. Aminas Vater, ein schweigsamer Mann, hatte sich ein Auto geliehen. Amina fühlte sich unwohl, wenn zu wenig geschwiegen wurde. So wie bei Nora. Sie hatte vergessen, ihre Schultasche abzulegen. Der Vater murmelte ein Gedicht über die Vergänglichkeit vor sich hin. Sie stiegen ein. Sie fragte ihn, wer es geschrieben habe. Er sagte, er wisse es nicht und fuhr los. Nach einer halben Stunde konnte Amina nicht mehr sagen, wohin es ging. Sie fragte ihren Vater. Er antwortete, dass es zum Hundertjährigen geht. Es war die längste Fahrt ihres Lebens und das weiße Land gezeichnet von Kohleminen, deren Treppen kreisförmig in die Tiefe führten. Sie ließen die Wunden der Erde hinter sich. Die schneebedeckte Steppe hatte die Zeit eingefroren. Amina schaute aus dem Fenster. Ihr Vater sagte, sie solle sich nicht blind sehen. Er machte das Radio an, das an einer Halterung angebracht war. Ein Lied mit einer schönen, tanzenden Melodie wurde gespielt. Es besang Kasachstan. Amina fragte ihren Vater, ob das die Hymne ihres Landes sei. Er verneinte. Sie fragte, welche dann. Er erzählte von einer Veranstaltung von Parteileuten, die er vor Jahren als Arbeiter hatte dekorieren müssen. Dort sei ein Lied gesungen worden. Eines, das er zum ersten und letzten Mal gehört habe. Amina schaute wieder aus dem Fenster. Irgendwann bogen sie in einen Weg, auf dem der Schnee unter den Reifen knirschte. Er führte in ein kleines, menschenleeres Dorf von Lehmhäusern. Sie stiegen aus. Aminas Vater führte sie zum Haus ganz am Ende der Siedlung und klopfte an die Tür, vor der sie eine Weile wortlos in der Kälte auf und ab gingen. Sie ging auf. Ein alter Mann mit weißem Bart bat sie herein. Er trug traditionelle kasachische Kleidung und eine Gebetsmütze. Sein Gehstock führte in das Wohnzimmer, wo sie auf Teppichen Platz nahmen. Sie stellten sich vor. Es folgte ein langes Teegespräch über den Winter.

„Ich bitte dich um Rat“, offenbarte sich der Vater.

„Sag mir, um welchen du mich bittest, und ich sage dir, ob ich dir helfen kann.“

„Meine Tochter ist schwanger, und der Vater lässt sich nicht finden. Wenn ich sie frage, um wen es sich handelt, sagt sie, sie wisse es nicht. Wenn ich das Dorf frage, sagt niemand etwas, aber sie alle schauen uns an.“

„Wenn das der Fall ist, kann ich euch keinen Rat geben, außer dass Gott die Zeit ist.“

„Ich habe auch eine Frage“, stellte Amina fest und holte das herausgerissene Bild des Schulbuch-Kasachen aus ihrer Tasche. „Wer ist das?“ Der Alte lächelte verlegen. Der Vater schüttelte den Kopf. Sie verabschiedeten sich. Bei der Rückfahrt sagte niemand ein Wort. Abends kam eine Zigeunerin vor die Jurte. Sie bat darum, eine Hand lesen zu dürfen. Amina gab ihr ein Stück Brot und schickte sie weg.

Der Schnee war geschmolzen. Aminas Vater hatte sie gefragt, wann sie heiraten möchte. Ihre Antwort war gewesen, es sei ihr egal. Daraufhin hatte er einen Tag im Mai vorgeschlagen, und seine Tochter hatte nichts dagegen gehabt. Im Literaturunterricht schwärmte der Lehrer von den Science-Fiction-Romanen. Auf dem Pausenhof spielten die Kinder wieder „Punkt“. Als nächstes hatten sie Anti-Religion. Eine füllige Frau in Militäruniform betrat den Klassenraum. Sie erzählte fast die ganze Stunde davon, wie sie im Großen Vaterländischen Krieg ein Aufklärungsflugzeug geflogen und dabei dem Tod viele Male in die Augen gesehen hatte. Die Schüler waren beeindruckt. „Ich war da oben und glaubt mir, ich habe keinen Gott gesehen“, erklärte sie anschließend. „Religion ist, wie Großväterchen Lenin schon sagte, Opium für das Volk. Eine Erfindung der Imperialisten, um die proletarischen Massen gefügig zu machen.“ Amina fühlte sich von den Erlebnissen der Veteranin mitgenommen, hatte es aber schon immer komisch gefunden, dass Lenin Großväterchen war, auch wenn man das so sagte, und dass ihr Opa schon lange nicht mehr lebte. Sie hatten Mathe. Der Lehrer schien nüchtern, wirkte ängstlich. Amina bemerkte, dass bald Erster Mai sein wird, etwas später Tag des Sieges. In Geschichte machte Riki einen angespannten Eindruck, was unüblich war, denn die Lehrerin hielt ihren Vortrag. Beim Blättern im Schulbuch stieß Amina auf die herausgerissene Seite. Ihr fiel auf, dass sie den Vortrag über den Kasachen nicht halten mussten. Riki hatte es wohl ganz vergessen, dachte sie, und blätterte weiter. Es dauerte, bis sie auf das nächste Bild zwischen den mit trockenen Texten bedruckten Seiten stieß. Zu sehen war ein Mann mit Halbglatze in Uniform. Er trug eine Brille und hatte ein sanftes Gesicht. Amina meldete sich.

„Wer ist...“

„Ja?“

„... Lawrenti Beria?“ Die Lehrerin nahm das Buch an sich. Nach einem kurzen Vergleich tauschte sie es mit ihrem aus.

Gewaltiger Herr

Nora hatte ihre Freunde zu Ostern eingeladen, Amina zugesagt. Sie wusste, dass es bei den Deutschen um diese Zeit ähnlich interessant war wie zu Weihnachten. Riki und Vitali waren auch dabei. Auf der Straße zu den Großeltern knallte die Nachmittagssonne auf ihre Köpfe. Ihnen kam eine junge Frau in traditioneller Tracht entgegen. Nora meinte, das sei die Fünfzehnjährige, die neulich einen Einundzwanzigjährigen geheiratet habe. Vitali fragte, ob sie zu den kinderreichen Baptisten gehört. Nora verneinte. Sie verwies auf die anderen untergründigen christlichen Gemeinden in der Nähe.

„Ich kenne sie und ihre ältere Schwester“, erzählte sie. „Bei ihr zuhause war immer alles ordentlich, bei ihrer Schwester chaotisch.“

„Fünfzehn Jahre – ist das nicht zu jung?“ fragte sich Vitali.

„Frag sie doch“, forderte ihn Nora auf. Die junge Frau hieß Katharina. Sie grüßte Nora und ihre Freunde, lud sie zu sich nach Hause ein. Sie nahmen die Einladung an. Ihr Mann empfing sie freundlich. Sie tranken Tee mit Gebäck. Katharina fragte Amina, wann es denn so weit sei. Sie legte ihr Ohr an ihren Bauch. Amina sagte, sie wisse es nicht. Katharina erzählte von den Schwangerschaften in ihrer Gemeinde, wie sehr sie sich auf die Kinder freue. Ihr Mann berichtete von den Häusern, die von den neuen Familien gebaut werden. Er zählte stolz die Berufe auf, die er und seine Verwandten ausüben. Nur in der Partei wolle man nicht sein. Vitali fragte, warum so fleißige, kinderreiche Leute nicht für den Staat arbeiten.

„Weil der Staat der Teufel ist“, erklärte Katharina und lachte. Sie lachten. Nora erinnerte ihre Freunde daran, dass sie die Großeltern besuchen wollten, bevor sie den Tee verheiraten. Sie verabschiedeten sich. Auf dem Weg redeten sie über die Schützenmeisterschaft. Amina kippte um. Nora drehte ihre Freundin in die Seitenlage und legte die Schultasche über ihren Kopf. Amina kam wieder zu Bewusstsein. Sie trank etwas Wasser. Die Freunde halfen ihr auf. Sie schafften es bis zur Lehmhütte der Großeltern. Nora klopfte an die Tür. Die Oma machte auf. Die graue Katze kam mit ihrem Jungen heraus. Es war jetzt fast so groß wie seine Mutter. Sie gingen raus, um zu jagen, dachte Amina. Ihnen wurden Tee mit Bonbons angeboten. Sie tranken und aßen. Oma las in der Bibel. In dem kleinen Zimmer stand jetzt ein Fernseher. Juri Gagarin lächelte sie an. Vitali lächelte zurück und meinte, das sei nichts für Baptisten. Opa freute sich. Er verfluchte die Kommunisten.

„Du wolltest doch zurückkommen“, meinte die Oma. „Was hat es uns gebracht?“

„Ja, zu unseren Dörfern, Tieren, Wäldern und Feldern“, sagte er und verfluchte die Nazis. „Sie haben uns verschleppt und die Kranken ermordet. In diesem Deutschland haben wir uns nie wohlgefühlt und deshalb wollten wir zurück in die Heimat am Schwarzen Meer. Was konnten wir dafür, dass der Zug dann Richtung Norden gefahren ist!“

„Richtung Norden?“ fragte Vitali.

„In die Lager“, meinte Opa. „Dort sind sehr viele gestorben, und die Überlebenden durften sich entscheiden zwischen Sibirien und Kasachstan. Die meisten wählten Kasachstan. Dort hat man uns gesagt, ihr seid Schuld an der Zerstörung im Zweiten Weltkrieg und müsst jetzt für uns arbeiten, um das wiedergutzumachen. Wir hatten doch mit Hitler nichts zu tun. An der Front haben so viele von uns gegen die Faschisten gekämpft, keiner hat ihn gewählt. Trotzdem wurde die Deportation unseres Volkes in Moskau beschlossen. Heute sind wir hier gelandet.“ Die Freunde hörten zu. Nora bemerkte, dass sie noch zu ihren Eltern wollen. Beim Verlassen des Lehmhauses begegnete ihnen die graue Katze. Sie trug eine Ratte im Mund, ihr Junges eine Maus.

Vor Noras Haus spielte Rex verrückt wie nie. Ihr Vater musste herauskommen. Er schimpfte lange mit ihm, bis er Ruhe gab. Drinnen saßen die Gäste an einem langen, zusammengestellten Tisch. In Odessa seien die Leute so cool, hieß es von dort. Für die Vier stand ein kleiner quadratischer Tisch bereit. Sie können ruhig anfangen mit dem Essen, sagte Noras Mutter. Die Großeltern würden gleich nachkommen. Eine Tante fragte, ob sie noch einen Erdappel wollen. Riki kicherte. Am Erwachsenentisch berichtete ein Onkel von einer Reise nach Moldau. Er hatte dort sein altes Haus besichtigt. Der neue Eigentümer habe ihn von früher erkannt und nach der Besichtigung gefragt, ob er seinen Besitz zurückfordern wolle. Er habe ihm geantwortet, er würde das Haus auch umsonst nicht nehmen. Die Verwandten lachten.

„In Moldau gibt es so einen Spruch“, erzählte der Onkel. „In ein Haus ohne Wein geh ich nicht rein. So gut wie jeder produziert dort seinen eigenen. Als ich da damals als Handwerker gearbeitet habe, haben sie mich nur mit Wein bezahlt. Irgendwann hatte ich zehn Liter. Also habe ich Geld verlangt. Der Kunde meinte, er müsse suchen. Eine Viertelstunde später bot er mir einige uralte Münzen und kaputte Scheine an. Ich nahm sie an. Danach hat er im Dorf herumerzählt, es gebe da so einen überkorrekten Deutschen, der nimmt nur Geld für seine Arbeit.“

„Aber damals war alles verdächtig“, meinte eine Tante. „Es gab eine Toilette. Da lag eine Zeitung mit einem Bild von Stalin neben dem Klo. Dahinter war ein Guckloch.“

„Ja, so war das“, bestätigte der Onkel. „Nachdem die Kommunisten uns die Tiere geraubt hatten, hat mein Neffe versucht, seine Kuh zurück auf seinen Hof zu holen. Also ist er in den Stall eingebrochen, wo alle geraubten Tiere lebten. Drei Jahre hat er dafür bekommen.“

„Da hat er noch Glück gehabt“, meinte die Tante.

„Keine Kuh, Schwein gehabt“, witzelte der Onkel.

„Man hat schon Menschen für weniger als nichts totgeschossen“, bemerkte die hereinkommende Großmutter.

Erinnere dich

Alle meinten, Amina sehe alt aus. Alt und krank. Sie fragte, warum. Ihr Gang sei unsicher, das Gesicht so hager, faltig, mit dunklen Ringen unter den müden Augen. Heute war es endlich so weit. Die Schützenmeisterschaft. Nach den Maifeierlichkeiten hatten sich Aminas Mitschüler gefragt, wann es endlich so weit sei. Gestern war Tag des Sieges gewesen, und der Mathelehrer torkelte in den Klassenraum. Er schrieb eine Gleichung an die Tafel. Die Schüler lachten. Amina riss sich zusammen. Sie musste aufs Klo. Zum dritten Mal heute. Sie wollte nicht wieder herauslaufen und konzentrierte sich auf das Lösen der Gleichung. Nora flüsterte, sie sei nicht lösbar. Der Lehrer verließ den Raum. Amina stand langsam auf und folgte ihm im sicheren Abstand. Der Lehrer irrte durch das Gebäude. Selbst wenn sie es wollte, hätte sie ihn nicht einholen können. Die Blase drückte. Amina konnte es kaum aushalten, aber sie wollte wissen, wohin er wollte. Schließlich spazierte der Betrunkene auf den leeren Pausenhof.

„Punkt!“, rief Amina. Er hielt an. Drehte sich um. Sah sie an. Erschrocken. Sie ging auf ihn zu, nahm seine Hand und führte ihn zu den Toiletten. Beide gingen ihrer Wege. Danach fragte sie ihn, wer Beria sei.

„Lawrenti Pawlowitsch Beria“, nannte er den vollen Namen. „Ein ausländischer Spion und Hochverräter.“

„So einer war er also!“, rief Amina aus.

„Als so einer wurde er am 23. Dezember 1953 zum Tode verurteilt und noch am selben Tag erschossen.“ In der Pause traf Amina auf Nora und die zwei Jungs. Wo sie die ganze Zeit in Mathe steckte, wurde sie gefragt. Sie antwortete nicht. Was mit ihrer Hochzeit sei, fragte Riki. Die habe stattgefunden, sagte Amina, aber ihr Vater habe sie aus dem Hochzeitszelt herausgezogen. Dann seien sie in die Steppe gelaufen und hätten den roten Feuerball aufgehen gesehen. Die Pause war zu Ende. Sie begaben sich zur Schützenhalle, vor der die Wettbewerber der anderen Schulen warteten. Wo ihr Schießlehrer sei, fragte Amina. Riki meinte, der sei mit dem Gewehr in der Straßenbahn eingeschlafen, und es sei verloren gegangen. Jemand öffnete die Tür zur Halle. Die Schüler strömten hinein. Als alle in Formation standen, hielt ein Funktionär eine Rede über die Wehrhaftigkeit des sowjetischen Volkes. Es ging darum, dass im Fall eines imperialistischen Angriffs selbst die Jüngsten zur Waffe greifen müssen. Aminas Vater betrat die Halle mit gesenktem Blick. Seine Tochter war zuerst dran. Sie nahm das Gewehr und zielte auf die Schießscheibe.

Schweigen der Verdammten

Vor Augen hatte sie das Bild von Lawrenti Beria aus dem Schulbuch. Sie schoss. Der Atompilz zog sich zurück in die Bombe, der er entsprungen war. Der Atomkern fügte sich zusammen. Die Soldaten zogen das Schaf aus dem Panzer, den Hund aus dem Graben, das Schwein aus der Grube. Die Lkws mit offenen Ladeflächen, auf denen Menschen unter Decken lagen, fuhren zurück zu den Häusern, vor denen sie die Menschen eingesammelt hatten. Atombomben explodierten in Japan, dann im Pazifik. Amina zögerte vor dem Schuss auf Beria. Sie schoss auf Harry S. Truman.

Die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki verschwanden in den Flugzeugen. Sie schoss ein zweites Mal auf Truman. Die dampfende Wassersäule fiel in sich zusammen. Die Bewohner der Pazifikinseln kehrten in ihre Heimat zurück. Menschen waren an Pfähle gebunden. Amina schoss auf Charles de Gaulle. Der Feuersturm in der Sahara zog sich in ein Atom zusammen. Die Atompilze verschwanden, die Soldaten zogen sich in die Schützengräben zurück, und die von Druckwellen weggerissenen Häuser erbauten sich. Amina schoss auf noch so einige an diesem Nachmittag: Clement Attlee, Mao Zedong, Zulfikar Ali Bhutto, Indira Gandhi, Balthazar Vorster, Mosche Dajan, Kim Jong-il ... am Ende saß da wieder Beria, diesmal mit einem Mädchen auf dem Schoß. Eine Bombe explodierte unweit der Jurten in ihrer alten Heimat.

Voller Tränen

Amina senkte das Gewehr. Ihr Gesicht erschrak vor dem Schweigen der Betontürme in der unendlichen Steppenweite, vor der gigantischen Kuppel auf einer einsamen Pazifikinsel.

Weltweit fanden über 2.000 Atomwaffentests statt. Dabei wurden auf einer Gesamtfläche der Größe Zentraleuropas Millionen von Menschen – mitsamt ihren Nachfahren – strahlengeschädigt. Die Testgelände werden für viele tausend Jahre radioaktiv verseucht bleiben. Spezielle Abteilungen in den Geheimdiensten aller großen Militärmächte haben in der Vergangenheit Menschenversuche im In- und Ausland durchgeführt oder tun dies bis heute.

Die Schießscheibe war leer. Mit dem Gewehr in der Hand lag Amina bewusstlos auf dem Boden. Die Schüler näherten sich ihr von allen Seiten. Der Arzt hatte eine Träne im Gesicht. Es ging aus dem Untersuchungsraum.

„Schneller, na los, beeilt euch!“, rief der Chefarzt seinen Kollegen auf dem Krankenhausflur zu. An seinem Ende schienen die letzten Sonnenstrahlen eines langen Tages durch ein Fenster. Eine schwangere Frau kam ihnen entgegen. Sie wollte ausweichen, aber die Ärzte wichen in dieselbe Richtung aus. Sie umgingen sie nach einem kurzen Gerempel. Auf einer Bank warteten Patienten. Der erste war wohl ein Russe ohne Finger. Der zweite ein Kasache. Ihm fehlten die Füße. Der dritte ein Deutscher. Er hatte keine Nase. Dem Vierten konnte man nicht mehr ansehen, was er war. Die Ärzte kamen an einer Kreuzung an. Ein Mitarbeiter bog vor ihnen in den Flur ab. Sie folgten ihm. Er trug ein mit Flüssigkeit gefülltes Glas, in dem ein Fötus mit riesigem Schädel schwamm, und bog rechts in einem Raum ab, wo er das Glas auf einem Stapel anderer Gläser stellte: Da war ein Säugling ohne Hals, dafür mit riesengroßen Froschaugen, einer mit walrossartigem Körper, einer ohne Knochen, einer – ein menschlicher Klumpen ... sie waren jetzt fast beim Fenster, durch welches das letzte Tageslicht geschienen hatte, doch es war finster geworden. Sie bogen auf eine Treppe ab. In den Fenstern leuchtete die Milchstraße. Sie kamen oben im Operationsraum an. Die Lampe über dem Operationstisch ging aus. Die Lichter in den Krankenhausfenstern erloschen. Weit weg in der Steppe verschwanden die hellen Punkte der Stadt in der Dunkelheit. Vom Himmel kam ein gleißendes Licht, das die Sterne verschlang. Es zog sich ins All zurück und hinterließ einsame Nacht.

Mozarts Requiem

Eigene Übersetzung bis „Lacrimosa“ (poetisch/lyrisch)

Ihnen ewigen Frieden

1. Eingang

Herr, schenke ihnen ewigen Frieden; ewigen Frieden schenke ihnen; leuchte ewiglich ihnen Licht; Licht leuchte ihnen ewiglich; Lobgesang sei Gott in Zion in Jerusalem; geloben wir ihm; Erhöre mein Gebet; zu dir kommt alles; alles kommt zu dir, was stirbt; Herr; schenke ihnen ewigen Frieden; ewigen Frieden schenke ihnen; ewigen Frieden schenke ihnen; ewigen Frieden schenke ihnen; ihnen schenke Frieden ewiglich; ihnen Frieden ewiges Licht; leuchte ihnen; leuchte ewiglich; ihnen Licht; und ewiglich leuchte ihnen; ewiges Licht.

2. Gnade uns

Herr, gnade uns; Gnade uns Christus; Christus gnade uns; Gnade uns, Herr; Uns gnade Christus ...

3. Die Abfolge

3.1 Tag des Zorns

Welch Gezitter vor dem Richter; wenn der Tag kommt; an dem Zorn unsere Welt einäschert wie in Davids sowie Sibylles Vorhersage; kommt das Kleinste auf die Waage; Welch Gezitter vor dem Richter; wenn der Tag kommt; an dem Zorn unsere Welt einäschert wie in Davids sowie Sibylles Vorhersage; kommt das Kleinste auf die Waage … Was für ein Gezitter, wenn der Tag kommt, wenn der Tag kommt; Was für ein Gezitter … wenn der Tag kommt, wenn der Tag kommt, an dem Zorn unsere Welt; wenn der Tag kommt, an dem Zorn unsere Welt einäschert … einäschert unsere Welt.

3.2 Der Posaune Wunderklang

Der Posaune Wunderklang klingt durch das Totenland; zwingt alles vor den Thron; Tod wie Natur zum Hohn, erhebt sich aus dem Grab; was schuldet Rechenschaft; der Richter hat ein Buch geschrieben, in dem steht, was die Welt soll sühnen, wenn er sich auf den Thron setzt, kommt alles Verborgene ans Licht; dieser Tag kennt kein Unrecht; Was soll ich Ungerechter sagen; welchen Anwalt fragen; wenn der Gerechte unsicher ist; welchen Anwalt fragen; wenn der Gerechte unsicher ist.

3.3 Gewaltiger Herr

Herr, nichts ist gewaltiger als deine Gnade, mit der du mich retten, wenn du willst, kannst, mich Zitternden; retten kannst aus Gnade; Herr, nichts ist gewaltiger; als deine Gnade, mit der du mich retten; wenn du willst, kannst, mich Zitternden; nichts ist gewaltiger als deine Gnade, mit der du mich retten, wenn du willst, rette mich; rette mich; errette mich, du Ursprung Gnaden von meinen Qualen.

3.4 Erinnere dich

Treuer Jesus, erinnere dich; warum ich lebe, bezeuge; du hast gefunden mich; leidend am Kreuze; dies Leid sei nicht umsonst; Gottes Vergeltung ist gerecht; wir bitten um Vergebung; bevor er mit uns abrechnet; ich seufze, bin schuldig; Scham rötet mein Gesicht; den Demütigen sei verziehen; verzeihe ihnen wie Marien; wie denen, die Räuber sind; hast du Hoffnung mir geschenkt; da meine Bitten keinen Wert haben; bitte Herr, lass Gnade walten; mich unter den Schafen weilen; nicht den Platz der Böcke teilen; bleiben deiner Rechten treuer; und nicht ewig brennen im Feuer; bleiben deiner Rechten treuer; nicht den Platz der Böcke teilen; mich unter den Schafen weilen; bitte Herr, lass Gnade walten; da meine Bitten keinen Wert haben; hast du Hoffnung mir geschenkt; wie denen, die Räuber sind; verzeihe ihnen wie Marien; den Demütigen sei verziehen.

3.5 Schweigen der Verdammten

Die Verdammten, verdammt; weil sie schweigen; weil sie schweigen werden; Flammen fressen; werden Flammen; weil sie schweigen müssen; fressen müssen; Herr, gib mir deinen Segen; darum will ich flehen; Die Verdammten, verdammt … hilf mir, oh Herr, oh Herr hilf mir, oh Herr, oh Herr, trage mein Herz voll Reue mit deiner Sorge zu Ende wie Asche in den Händen.

3.6 Voller Tränen

Der Tag wird voller Tränen; wenn sich schuldig zum Gericht; der Mensch aus Asche erheben wird; der Tag voller Tränen, wenn sich der Mensch; schuldig wird zum Gericht aus Asche – Gott hab Gnade; Sanfter Herr Jesus; schenke ihnen ewigen Frieden; ewigen Frieden schenke ihnen. Amen.

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 24. April erscheinenden Mai/Juni-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 261.


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Dossier: Waffen

Autor

Andreas Richard Zolotar

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