21. Juli 2021

Autobiografie von Heike Behrend „Menschwerdung eines Affen“

Die bekannteste Afrikanistin Deutschlands schildert in ihrem Werk ihre jahrzehntelange Arbeit

von Volker Seitz

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Bildquelle: Morphart Creation / Shutterstock.com Kannibalen in Zentralafrika um 1870: Noch heute werden auf dem afrikanischen Kontinent „Menschenfresser“ gejagt

Heike Behrend ist die bekannteste Afrikanistin Deutschlands. 1947 in Stralsund geboren, studierte sie Ethnologie und Religionswissenschaft in München, Wien und Berlin. Sie arbeitete ethnografisch vor allem in Ostafrika, unterrichtete an verschiedenen Universitäten im In- und Ausland und lebt in Berlin.

Als sie 1967 in München das Studium der Ethnologie anfing, bestand das Erstsemester aus ihr allein. Die Gesellschaften, die „ohne Schrift, ohne Staat und vermeintlich ohne Geschichte“ existierten, hatten kaum Prestige. Das änderte sich erst nach 1968 im Zuge der Neudefinition der Sozialwissenschaften. Auch gibt es seit etwa 1960 eine afrikanische Geschichtswissenschaft.

In ihrer Autobiografie „Menschwerdung eines Affen“ schildert sie ihre jahrzehntelange Arbeit zu verschiedenen kulturellen Phänomenen: zum Zeitverständnis in den kenianischen Tugenbergen („Die meisten hatten keine Armbanduhr; wir verabredeten einen Termin, indem er, sie oder ich mit dem ausgetreckten Arm den Stand der Sonne beziehungsweise des fallenden Schattens markierte. Diese Art der zeitlichen Vereinbarung eröffnete einen beachtlichen Spielraum“), zu Besessenheitskulten in Uganda und zu fotografischen Praktiken in Ostafrika. Sie beschreibt selbstkritisch Fehlschläge, Konflikte und kulturelle Missverständnisse. Sie verschweigt auch nicht die eigenen und fremden Vorurteile sowie die Probleme der Nähe und Distanz zu den Menschen und Gebräuchen ihrer Forschung. 

„... trug zur Vermehrung von Hexern und Kannibalen bei“

Im Vorwort weist sie auf den Film von Jean Rouch „Petit à Petit“ hin, der das Thema des umgekehrten Blicks und die Gewaltsamkeit ethnografischer Methoden behandelt: „Er zeigt einen afrikanischen Ethnografen in Paris, der dort eine Feldforschung über die ‚Pariser Wilden‘ und ihre Probleme beim Wohnen in Hochhäusern durchführt. Durch die Vertauschung von Subjekt und Objektpositionen finden die ethnografischen Methoden bei denen Anwendung, die sie entwickelt haben“ (Seite 28).

Entsetzt ist sie über moderne Hexenjagden der katholischen Kirche in Westuganda: „Sie gestattete der Gilde der Ugandischen Märtyrer [GUM] in Tooro, sich als katholische Anti-Hexerei-Bewegung zu formieren und kannibalistische Hexen zu suchen und zu finden. Den europäischen Hexenjagden bis zum 18. Jahrhundert vergleichbar, griff sie dabei auf Praktiken der Verfolgung zurück, um Macht und verlorene Seelen (zurück) zu gewinnen. Und wie in Europa, wo vor allem die Inquisition das Konzept der diabolischen Hexe prägte, so trug die Kirche auch in Tooro gerade in ihrer Gegnerschaft zur Realität, Radikalisierung und Vermehrung von Hexern und Kannibalen bei“ (Seiten 144/145).

Während der Kolonialzeit verbot die Verwaltung Hexenjagden und rettete damit zahlreichen Menschen das Leben. Erst in postkolonialer Zeit, seit Beginn der 1990er Jahre, fanden wieder Hexenjagden statt, jetzt organisiert von der katholischen Kirche. (Seite 160) Die Unschuld einer Hexe oder eines Kannibalen war im System der GUM nicht vorgesehen. (Seite 183).

Viele lehnen eigene Traditionen als „satanisch“ ab

Afrikaner setzten „die Figur des Kannibalen auch strategisch ein. Um Europäer und Araber vom weiteren Eindringen ins zentrale Afrika abzuhalten, schürten Afrikaner wilde Gerüchte über grausame Kannibalen, die insbesondere das Fleisch von Europäern schätzten. Portugiesische, englische oder französische Kaufleute und Sklavenhändler verbreiteten ihrerseits ebenso wilde Geschichten, dass die je anderen Kannibalen seien, um der Konkurrenz im Handel (auch mit Sklaven) zu schaden“ (Seite 185).

In einem Interview Heike Behrends mit „Welt-Online“ vom 6. April 2021 findet sich eine bemerkenswerte Aussage zur Restitution des afrikanischen Kulturerbes: „Ich kann nicht für Afrika sprechen. Es kommt wirklich sehr darauf an, wen man fragt. Bénédicte Savoy hat, soweit ich das beurteilen kann, vor allem mit Frauen und Männern in Afrika gesprochen, die wohl eher der nach westlichem Vorbild geprägten Elite angehören. Ich dagegen arbeite meistens mit Leuten zusammen, die dieser sozialen Schicht nicht angehören. In vielen Regionen Afrikas hat, darüber schreibe ich auch in meinem Buch, ein radikales christliches Revival stattgefunden, zum Teil von Kirchen aus den USA beeinflusst und finanziert. Vor diesem Hintergrund wurde auch das Verhältnis zur eigenen Tradition neu definiert und radikalisiert. Tatsächlich lehnen viele dieser Christen die eigenen Traditionen als ‚satanisch‘ ab. Das gilt auch für die Objekte, die sie mit diesen Traditionen verbinden. Viele Objekte, die in Afrika und bei uns in den ethnologischen Museen zu finden sind, würden sich nicht unbedingt einer Wertschätzung erfreuen, im Gegenteil, sie würden als Objekte des Teufels abgelehnt. Es hat zum Beispiel in Uganda zahlreiche ikonoklastische christliche Bewegungen gegeben, die die Objekte, die sie mit der eigenen Tradition in Verbindung brachten, öffentlich verbrannt haben. Darüber berichte ich auch in meinem Buch.“

Wie Nigel Barleys „Traumatische Tropen“ hat mir auch dieses Buch großes Lesevergnügen bereitet. Kürzlich wurde das Buch ausgezeichnet mit dem Preis der Leipziger Buchmesse 2021 in der Kategorie Sachbuch/Essayistik.

Heike Behrend „Menschwerdung eines Affen“

„Welt“ – Interview mit Heike Behrend

Nigel Barley „Traumatische Tropen“

Dieser Artikel erschien zuerst auf der „Achse des Guten“.


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