01. Mai 2021

Schaffung einer neuen Gesellschaftsordnung Die große Verkehrung II

Menschen zu Steinen

von Frank Jordan

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Bildquelle: KieferPix / Shutterstock.com Wichtiger Teil des Menschseins: Das Meistern von Herausforderungen

Es ist meiner Meinung nach nicht übertrieben zu sagen: Freiwilliges Handeln im Sinn eines Tuns, eines Duldens oder eines Unterlassens ist praktizierte Freiheit; es ist gegen außen getragenes Person-Sein und damit sichtbare Wirkung und Kern des Menschseins. Im Umkehrschluss bedeutet das aber: Wer permanent im Namen einer wie auch immer gearteten Moral an den jedem Handeln zugrunde liegenden Kausalitäten von Leistung und Lohn, Investition und Ertrag, Opfer und Segen herumwerkelt, sie aushebelt und umdeutet, werkelt am Menschen selbst herum. Er entzieht ihm nicht weniger als den Grund zu handeln und legt damit offen, dass er keine Menschen im Sinn freier Entscheidungs- und Verantwortungsträger will, sondern bloß sich verhaltende Wesen. Die Wir-bleiben-Zu-Hause-Kampagne der deutschen Bundesregierung spricht Bände: Nicht-Handelnde sind die neuen Helden.

Damit gelangt man aber zum tiefsten und innersten Kern dessen, was via Meinungsindustrie – also Politik, Bildungsindustrie, Medien, Kirchen, Zivilgesellschaft und NGOs – seit Jahrzehnten langsam und seit Kurzem mit den Schubreserven von Identitätspolitik, politischer Korrektheit, Klima- und Gesundheitspolitik in zunehmend raschem Tempo geschieht: Dem Menschen wird nicht das Handeln an sich, aber das, was man als „Leidenshandeln“ bezeichnen könnte, nämlich das Handeln im Sinn von Leistung, Verzicht, Risiko, Verantwortung, madig gemacht und ausgetrieben und damit der wichtigste Teil seines Menschseins schlechthin.

Wie geschieht das? Es geschieht dadurch, dass man die Kausalität Leistung – Lohn auseinandernimmt und sowohl Leistung als auch Lohn als voneinander getrennte und nicht in Zusammenhang stehende Dinge betrachtet und neu deutet. Lohn im Sinn von Ertrag, Profit, Erfolg wird nicht länger als Resultat großer Leistung, großen Risikos und großer Verantwortung, sondern als Resultat von Machtausübung, Unterdrückung und Gaunerei gedeutet. Und Leistung im Umkehrschluss ist nicht länger harte Arbeit, Wagnis und freiwillig übernommene Verpflichtung, sondern das, was einer fühlt und wünscht und fordert und was zu Lohn berechtigt.

Klingt das absurd? Das ist es auch. Aber genau darauf, im Auseinanderreißen und Neu-Deuten dieser seit jeher aufeinander bezogenen Größen von Leistung und Lohn, Investition und Ertrag, Opfer und Segen basiert nicht weniger als der größte Teil dessen, was sich heute Politik nennt: Bildungspolitik, Geldpolitik, Wirtschaftspolitik, Sozialpolitik, Klimapolitik und so weiter und so fort. Zu glauben, dies sei nur ein bedauerlicher Irrtum, quasi ein Kollateralschaden des Sozialen, Fortschrittlichen und Gutgemeinten, ist in Anbetracht von Konsequenz, Kadenz und Konstanz, mit der diese „Agenda“ verfolgt wird, bestenfalls naiv. Was hier geschieht, ist nichts anderes als die Implementierung einer neuen Gesellschaftsordnung, die nicht länger auf Individuen mit individuellen Handlungsmotiven und Handlungschancen und Verantwortlichkeiten beruht, sondern ausschließlich auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die entweder als „Täter“ oder als „Opfer“ identifiziert wird. Dabei gilt: Tätersein ist zu vermeiden, Opfersein ist eine Tugend. Die Zugehörigkeit muss indes nicht auf Fakten beruhen – wie könnte sie das auch? –, sondern ausschließlich auf Meinung und Gefühl.

Dass auch hier noch, wenn auch in verkehrter und pervertierter Form, das vordergründig verteufelte Ursache-Wirkungs-Prinzip von Lohn und Leistung Gültigkeit hat, weil Menschen eben Menschen und Anreize Anreize bleiben, und dass hinter der Selbst- oder Fremdzuordnung zu einer Opfergruppe knallharte rationale Motive stecken, wird unterschlagen. Aber Tatsache ist: Der Wettbewerb wird nicht abgeschafft, sondern bloß auf andere Kriterien ausgerichtet: Nicht Leistung zählt, sondern der Opfergrad. Wenn das „survival of the fittest“ in einem gesunden Wettbewerbsumfeld an reale Kompetenzen, Leistungen und die Fähigkeit, Herausforderung zu meistern, gebunden ist, ist heute der Fitteste, wer die Kunst der Selbst-Degradierung am besten beherrscht. Und während bisher der Grundsatz galt, Konkurrenz müsse durch ein besseres Angebot in Funktion der Nachfrage überflügelt werden, ist heute ausschalten das Gebot, wobei „ausschalten“ gleichzusetzen ist mit Selbstverbiegung, Schmeichelei, Korruption, Verleumdung, Rufschädigung, Beschiss, Intrigen und Verrat. Man muss nur einmal die große Zehe für zehn Sekunden in eine der hoch subventionierten Branchen, Schichten oder in eine Erbstreitigkeit hineinhalten, um ein Leben lang das Pfeifen, Kratzen, Schnattern und Beißen an den Ausgabestellen unverdienter Leistungen nie mehr aus den Gehörgängen zu kriegen.

Politische Maßnahmen werden heute unter den Schlagworten von „Hilfe“, „Inklusion“ und „Integration“ fast ausschließlich auf die „Opfer“ ausgerichtet. Das gilt im Fall von Staaten ebenso wie im Fall von Unternehmen und Einzelpersonen. Was früher als verantwortungslos, opportunistisch, undiszipliniert, fahrlässig und – im Fall der Kunst – als hässlich galt, ist heute systemrelevant oder eben von den Verhältnissen, den Umständen oder anderen unterdrückt und gehört gefördert. Hässliche Kunst in Wort, Form, Ton und Bild gelten als Ausdruck dieser unterdrückenden Verhältnisse und Täter-Menschen und genießt besonderen Schutz.

Konsequenterweise bedeutet das: Wer es schafft, Opfer zu sein und sich einer Opfergruppe anzuschließen, kann auf einen bunten Strauß an Geschenken hoffen. Wer dies nicht schafft, steht auf der dunklen Seite: Nach der Opfer-Täter-Deutung geht es ihm nur deshalb gut, ist er nur deshalb erfolgreich und vermögend, weil er entweder unverdient privilegiert ist und/oder Macht ausübt und andere unterdrückt. Von den Durststrecken, die ein freier Unternehmer – egal, ob Arzt, Handwerker, Künstler oder IT-Fachmann, Bauunternehmer oder was auch immer – in Kauf nimmt, vom jahrelangen Weg along the Kartoffel, von den schlaflosen Nächten unter der Last der Verantwortung, von den Momenten blanken Entsetzens angesichts des Risikos, vom Verzicht bis hin zur Entbehrung – davon ist nie die Rede. Er ist erfolgreich und reich und damit verdächtig.

Eine in ihrer Vollkommenheit schon fast bewundernswerte Pervertierung dieser Opfer-Täter-Religion ist bei den Themen Corona und Klima zu beobachten. Beide machen es möglich, dass buchstäblich jeder sich als Opfer fühlen kann und keiner Verantwortung übernehmen muss. Das richtige Bewusstsein und Gehorsam reichen aus, um als solidarisch, als Menschenfreund und Held zu gelten. Und jeder, der sich dem verweigert und auf sein Mensch- und Personsein im Modus der Selbstverantwortlichkeit beharrt, darf als Menschenfeind, Mörder und damit Verbrecher behandelt werden.

Die seit Jahren gepushte Zersplitterung ganzer Gesellschaften in Opfer- und Tätergruppen mündet damit in die totale Vereinzelung. Denn wo jeder Opfer ist, ist auch jeder ein potenzieller Täter und die neue „soziale Gerechtigkeit“ endet im permanenten Kampf eines totalitären, wirklichkeitsverleugnenden Gesinnungs-Kannibalismus, in dem am Ende alle Opfer sind. Echte und nicht bloß gefühlte. Alle, außer jenen, die die Sache organisieren.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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