02. September 2020

Französischer Schriftsteller Philippe Muray Willkommen im „Reich des Guten“

Eine Buchempfehlung

von Volker Seitz

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Bildquelle: Gutzemberg / Shutterstock.com Philippe Muray: Sein Zorn gilt dem neuen Moralismus, der jegliche Abweichung von den selbst gesetzten Standards des Guten radikal sanktioniert

Das Reich des Guten entsteht da, wo nicht mehr das kritische Denken und Handeln des Einzelnen gefragt ist, sondern alles für alle per Gesetz verordnet wird. Mit ihm zieht eine Zeit herauf, in der jede Interaktion und jeder Gedanke reglementiert sein werden – und in der kein Platz mehr für individuelle Haltungen, für Geschmäcker und Vorlieben ist, in der nicht mehr an unpassender Stelle gelacht, eine Zigarette zu viel geraucht oder ein Glas Wein über den Durst getrunken werden wird.

Der in Deutschland kaum bekannte französische Philosoph, Essayist und Schriftsteller Philippe Muray (1945–2006) schrieb seinen Essay „Das Reich des Guten“ über die französische Gesellschaft der frühen 1990er Jahre. „Die Ideen von Philippe Muray verdienen Verbreitung, sehr viel mehr als jene der meisten Intellektuellen und auch mehr als meine“, sagte Michel Houellebecq 2016 in seiner Frank-Schirrmacher-Preis-Rede.

Wer die aktuellen Debatten um die moralische Besserwisserei verstehen möchte, sollte zu diesem kürzlich bei Matthes & Seitz auf Deutsch erschienen Buch greifen. Murays unverschnörkelte Sprache ist heute selten.

Einige Highlights aus dem Buch:

„Die demokratische Basis der neuen Tyrannei erlaubt jetzt schon, jeden, der besagte Tyrannei zu problematisieren wagt, an die äußersten Ränder der Gesellschaft zu verbannen. Künftig lautet die einzig richtige Frage, ob es noch möglich ist, nicht alles rigoros zu verbieten.“ (Seite 53) 

„So sichert sich das System seine ‚geistige‘ und ‚moralische‘ Macht. Mithilfe schneller und öffentlicher Polizeieinsätze in seinem Inneren beruhigt es die Zuschauer hinsichtlich seiner eigenen Integrität und macht die angeblich uns zuliebe selbstauferlegte totalitär-hygienische Überwachungspflicht tagtäglich unentbehrlicher.“ (Seite 58)

„Die Neue Weltordnung wacht über die allgemeine Zufriedenheit. Von der Utopie eines Universums, in dem nur noch Freundlichkeit, Zärtlichkeit und gute Absichten herrschen, sollte man eigentlich eine Gänsehaut bekommen: der erschreckendste, weil realisierbarste aller Träume. Aber nein, niemand scheint ihn zu fürchten. Mit Gesetzen in den einzelnen Ländern, mit Polizeieinsätzen auf der ganzen Welt greift das Programm mit rasanter Geschwindigkeit um sich.“ (Seite 66)

Er zitiert Sade („Die Philosophie im Boudoir“): „Die Wohltätigkeit ist viel eher ein Laster des Stolzes als eine wahre Tugend der Seele ... Durch Zurschaustellung verschafft man den anderen Erleichterung, nie durch bloße Absicht, Gutes zu tun.” (Seite 68)

„Die wirklich grausame, wirklich reale Geschichte über die Varianten der Wohltätigkeit mit ihren Fluten, Krisen, Komödien sanfter oder rasender Torheit wird so schnell nicht gedruckt werden, man brächte ja die ganze Welt gegen sich auf.“ (Seite 80)

„Das Leben ist kurz, Geschäft ist Geschäft: Damit das Geld aus den Tresoren sprudelt, muss mindestens, und zur Primetime, ein Leichentuch gelupft, den Fernsehzuschauern ab und zu ein frisch verhungertes somalisches Baby gezeigt werden.“ (Seite 82) 

„Über Moral zu reden, verpflichtet zu nichts! Das verschafft einem Ansehen, verbirgt einen. Alle Mistkerle sind Prediger! Je ausgekochter, desto gesprächiger! Ich werde nie müde, diese Passage aus Mea Culpa [Louis-Ferdinand Céline: „Mea Culpa“, 1937] zu zitieren.“ (Seite 102)

Muray sah den Moralismus von heute schon in den 1990er Jahren vorher. Sein Zorn richtet sich vor allem gegen einen Moralismus, der jegliche Abweichung von den selbst gesetzten Standards des Guten ahndet.

Philippe Muray „Das Reich des Guten“

Dieser Artikel erschien zuerst auf der „Achse des Guten“.


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