25. August 2020

Gefährliches Schönheitsideal Black is beautiful? Nicht in Afrika

Viele Frauen nutzen Bleichmittel, um ihre Haut aufzuhellen – mit gesundheitlichen Folgen

von Volker Seitz

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Bildquelle: Mia Stendal / Shutterstock.com Das Idealbild einer möglichst hellen Haut reicht in Afrika bis in die Antike zurück: Bereits Kleopatra soll ihre Haut aufgehellt haben

Während bei uns sonnengebräunte Haut als Schönheitsideal gilt, ist in Afrika (und in Teilen Asiens) eher ein heller Teint gewünscht. Der farbige Mensch, hatte Psychiater Frantz Fanon 1952 geschrieben, sei ständig bestrebt, vor der eigenen Individualität wegzulaufen. Mit ihrem Minderwertigkeitsgefühl träumten viele schwarze Menschen von weißer Haut, weil sie sich davon Vorteile versprächen: Privilegien, ein höheres Ansehen in der Gesellschaft, bessere Chancen im Beruf.

In manchen Fällen bleichen Afrikanerinnen ihre Haut, um ihren Brautpreis zu erhöhen. Die aufgehellten Gesichter sind überall präsent in Afrika, auf Plakaten, im Fernsehen, in Filmen und auf Produkten in den Supermarktregalen. Die meisten Produkte werden von Models beworben, die eine hellere Haut haben. Die Sängerin Nomasonto Maswanganyi, in ihrer südafrikanischen Heimat als „Mshoza“ bekannt, sorgte 2011 für Aufruhr. Sie hellte ihre Haut medizinisch um einige Farbtöne auf und gab bekannt, sie fühle sich nun schöner und selbstbewusster. Als die nigerianisch-kamerunische Musikerin Dencia eine eigene Kosmetikproduktlinie zur Hautbleichung namens „Whitenicious“ auf den Markt brachte, wurde das Mittel zum Bestseller. 

Wer die Bleichprodukte verwendet, kann tatsächlich um einiges heller werden. Vor allem aber schwer krank. Dabei setzen sich Frauen massiven Gesundheitsrisiken aus, da die Mittel oftmals gefährliche Inhaltsstoffe wie beispielsweise Quecksilber enthalten. Ruanda, Nigeria, Südafrika und Kenia haben alle Mittel mit hohem Anteil an Hydrochinon und Quecksilber verboten, ebenso wie viele andere afrikanische Länder. Dennoch boomt das Geschäft, hinter dem ein zweifelhaftes Schönheitsideal steht. Schönheit, Reinheit und Erfolg – dafür steht für viele in Afrika ein heller Teint. Vor allem junge Frauen und Mädchen greifen zu den Cremes; sie sehen zwar die gesundheitlichen Beeinträchtigungen durch die Bleich-Creme, nehmen diese jedoch für die vermeintliche schönere Hautfarbe in Kauf. Das Problem dabei ist, dass Frauen auf ihr Äußeres reduziert werden. 

Die Weltgesundheitsorganisation hat Bleaching als akute Bedrohung und Krise für das Gesundheitswesen eingestuft. Inhaltsstoffe wie Hydrochinon, ein Phenol, das die Produktion von Melanin, dem braunen Schutzfarbstoff der Haut, hemmt, verursachen laut Dermatologen und Gesundheitsorganisationen teils schwere Erkrankungen. Unter anderem können Leber- und Nierenschäden, Erblinden oder Deformationen bei Neugeborenen die Folgen sein. Eines der größten Risiken ist Hautkrebs, insbesondere in Regionen nahe des Äquators mit hoher Sonneneinstrahlung.

Wenn Europäer sich afrikanisch kleiden

Aber auch weiße Menschen eignen sich die Schönheitsideale von Schwarzen und „People of Color“ an, weil es trendy ist. Vermeintliche Anpassung, zum Beispiel wenn Europäer sich afrikanisch kleiden, wird als Negation der eigenen Herkunft gesehen und stößt auf Unverständnis. Europäerinnen machen sich in den Augen der Afrikaner lächerlich, wenn Weiße „ihre“ Kleidung tragen. Auch Dreadlocks, ursprünglich ein Befreiungssymbol, oder Afros werden von Afrikanern als Anbiederung empfunden. Manche Afrikaner empfinden es als kulturelle Aneignung, wenn Weiße als Modeaccessoire Dreads tragen. Die schwarzen Symbole werden dadurch lächerlich gemacht, weil sie durch Weiße umgedeutet und besetzt werden. Der Schriftsteller Alain Mabanckou macht sich lustig über den Trend: „Afrikanerinnen lassen sich die Haut bleichen und die Haare glatt ziehen, damit sie aussehen wie die Weißen – und weiße Frauen lassen sich Zöpfchen ins Haar flechten, damit sie aussehen wie Negerinnen.“ („Zerbrochenes Glas“, Liebeskind, 2013, Seite 38)

Ronald Hall, Professor für Soziale Arbeit an der Michigan State University, hat empirische Daten gesammelt. Ihm zufolge sind die mit einer dunkleren Haut verbundenen Vorurteile immer noch tief im Unterbewusstsein verankert: „Je heller der Hautton, desto intelligenter, gebildeter und attraktiver wird eine Person eingeschätzt.“ In den USA sind hellhäutige Schwarze häufig bei Bildung, Arbeit, Einkommen erfolgreicher als jene mit dunklerer Haut. Es ist schon richtig, dass vielerorts hellere Haut mit Wohlstand assoziiert wird, denn sie ist ein Indikator, dass man nicht auf dem Feld arbeiten muss. Trotz bewiesener gesundheitlicher Gefahren ist die Hautaufhellungsindustrie erfolgreicher denn je.

In „Schwarze Haut, weiße Masken“ schrieb der bereits erwähnte Psychiater Frantz Fanon in den frühen fünfziger Jahren: „…der Schwarze, der seine Rasse weiß machen will, [ist] ebenso unglücklich wie derjenige, der den Hass auf den Weißen predigt.“ (Seite 8) und „Der Schwarze will sein wie der Weiße.“ (Seite 193, Turia Reprint, 2016)

Dem Zeitgeist entsprungen halte ich das Argument, dass auch nach 60 Jahren Unabhängigkeit der meisten afrikanischen Staaten die Kolonialisierung eine große Rolle für das Hell-sein-Wollen spiele. Hier soll rassistisches Gedankengut insinuiert werden. Angeblich haben die Europäer den Afrikanern das Schönheitsideal vermacht. Das passt dem Vorurteilsraster vieler Medien gut in den Kram.

Es ist schon sehr seltsam, wenn der Wunsch nach hellerer Haut aus der Geschichte von Unterdrückung und Rassismus hergeleitet wird. Es ist hanebüchen, wenn verbreitet wird: Wegen des Kolonialismus gelte im kollektiven Unterbewusstsein die helle Haut als schöner und besser. Gebildete und erfolgreiche in Afrika geborene schwarze Deutsche gelten in ihren früheren „Heimatländern“ im Übrigen als „Weiße“, so der in Heidelberg geborene deutsch-ghanaische Konzeptkünstler und Fotograf Philip Kojo Metz.


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