13. Juli 2020

US-Präsidentschaftswahlkampf Stimmungslage favorisiert Trumps Wiederwahl

Irrelevante Umfragen ignorieren – relevante Prognosen beachten

von Thomas Kirchner

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Bildquelle: lev radin / Shutterstock.com Zweifelhafte Verlässlichkeit von Meinungsumfragen: Auch 2016 lag Trump meist hinter Clinton

Glaubt man den Umfragewerten oder dem Jubel der Schlagzeilen steht Joe Biden schon als Sieger der Wahlen fest. Doch befasst man sich genauer mit der Stimmungslage in den USA sieht es für ihn nicht ganz so gut aus. Demoskopen steht eine Blamage wie beim Brexit- und Clinton-Umfragedebakel bevor.

Angst vor freier Meinungsäußerung

Wie auch in Deutschland traut sich in den USA inzwischen ein großer Teil der Bevölkerung nicht mehr, seine politischen Präferenzen gegenüber anderen zu äußern. 74 Prozent der Anhänger Joe Bidens würden ihren Freunden gegenüber ihre Wahlentscheidung zugeben. Doch bei den Republikanern sieht es genau umgekehrt aus: Nur 37 Prozent der Trump-Anhänger äußern gegenüber ihrem Freundeskreis ihre Wahlabsichten. Diese Zahlen deuten auf das Brexit-Problem bei Umfragen hin: Trump ist geächtet und viele seiner potenziellen Wähler trauen sich nicht, in Umfragen ihre wahren Ansichten preiszugeben.

Übergewichtung in Umfragen

Die Strategie der Demokraten, Biden während der Epidemie im Keller seiner Villa zu verstecken und nicht einmal Videokonferenzen zuzulassen, während Trump von einem Fettnäpfchen ins nächste stolperte, scheint bisher aufgegangen zu sein. Biden liegt in fast allen Umfragen vorne, teilweise sogar mit zweistelligem Vorsprung. Es ist eine drastische Wende seit Januar, als Trump noch mit mehreren Prozentpunkten Vorsprung führte. Laut einer Umfrage von Reuters/Ipsos führt Biden sechs Prozentpunkte vor Trump, bei The Hill/Harris sind es vier Punkte und bei The Economist/Yougov neun Punkte. Sogar Rasmussen, deren Methodik 2016 richtig lag, sieht Biden derzeit zehn Prozentpunkte vor Trump.

Doch nicht alle Umfragen sehen für Biden gut aus. Am 7. Juli etwa veröffentlichte die britische Zeitung „Daily Express“ eine vom Democracy Institute durchgeführte Befragung, nach der Trump und Biden mit je 47 Prozent gleichauf liegen. Da fragt man sich natürlich, wie bei Umfragen zu einem eindeutigen Thema, das jedem Befragten mehr oder weniger geläufig sein dürfte, derartig unterschiedliche Ergebnisse zustande kommen können.

Angst vor freier Meinungsäußerung kann nicht der Hauptgrund sein, denn dieses Problem liegt allen Umfragen zugrunde.

Das Problem liegt in der Korrektur der Rohdaten, durch die aus den Antworten nur jene herausgefiltert werden, die wahrscheinlichen Wählern zugerechnet werden. Sagt ein Befragter, zwar den einen oder anderen Kandidaten zu unterstützen, aber am Wahltag nicht zur Urne gehen zu wollen, wird dessen Aussage im Umfrageergebnis nicht gezählt. In den letzten Jahren sind es vor allem Unterstützer der Republikaner, die selbst erklärte Wahlmuffel sind, während Demokraten angeben, auf jeden Fall zur Wahl zu gehen. Das Problem ist natürlich: Es ist leicht gesagt, Trump abwählen zu wollen, aber sich am Wahltag dann wirklich aufzuraffen und zu einem Wahllokal zu fahren – ohne Auto läuft in den USA nichts –, ist etwas ganz anderes. Natürlich versuchen Demoskopen, anhand von Erfahrungswerten die Umfragewerte zu adjustieren. Der Hass gegen Trump ist links der Mitte aber inzwischen so hoch, dass fraglich ist, wie viele der angeblichen Wahlgänger ihren selbstgerechten Absichten Handlungen folgen lassen werden.

Zusätzlich finden noch weitere Gewichtungen statt. Liegt etwa der Anteil der befragten Frauen in der Umfrage höher als in der Gesamtbevölkerung, was meist der Fall ist, weil Frauen eher auf Umfragen antworten als Männer, wird entsprechend gewichtet. Ähnliches gilt für Bildungsniveau, Einkommen, Alter und andere Charakteristika, für die Daten erfasst werden. Auch wenn solche Gewichtungen aus theoretischer Sicht sinnvoll und notwendig sind besteht die Gefahr, dass zu viel Gewichtung das Ergebnis verfälscht, anstatt es zu verbessern.

Kurz: Erfahrungswerte dürften die Wahlbeteiligung links der Mitte überschätzen. Dementsprechend sind Demokraten in Umfragen übergewichtet, Republikaner untergewichtet. Der tatsächliche Vorsprung Bidens, wenn morgen Wahl wäre, dürfte weit knapper sein. 2016 war ein Abstand Trumps hinter Clinton von zwei bis drei Prozentpunkten genug, den Wahlausgang zu seinen Gunsten zu entscheiden. Im derzeitigen Umfeld dürfte ein noch größerer Abstand Trumps hinter Biden reichen, Trump gewinnen zu lassen.

Nebenbei bemerkt: Besondere Vorsicht ist bei Online-Umfragen geboten. In ihnen liegt Biden durchwegs weiter vorne als in traditionellen Telefonumfragen, auch wenn man die Umfragen nur auf Ebene eines Bundesstaates betrachtet. Offenbar antworten Demokraten bereitwilliger auf Online-Anfragen als Republikaner.

Wahlmänner entscheiden, nicht Beliebtheit

Wahlentscheidend wird nicht die Zahl der Stimmen sein, sondern die Gesamtzahl der Wahlmänner, die jeder Kandidat in den Bundesstaaten gewinnen kann. Einen Ausgleich wie in Deutschland bei Bundestagswahlen durch Überhangmandate gibt es in den USA nicht. Es sei daran erinnert, dass 2016 Hillary Clinton trotz eines Vorsprungs von 2,87 Millionen Stimmen bei der Zahl der Wahlmänner mit 227 zu 304 haushoch verlor.

Prognosen, die nicht nur Beliebtheit der Kandidaten insgesamt untersuchen, sondern genauer auf Ebene der Bundesstaaten die erreichten Wahlmänner vorhersagen, sollte man deshalb ernst nehmen. Leider konzentriert sich die Berichterstattung auf die einfacher zu vermittelnde Beliebtheit, auch wenn sie keinerlei Aussagekraft zum Wahlausgang hat.

Doch wer sich die Mühe macht, Prognosen zu Wahlmännern aufzustöbern, wird mit überraschenden Erkenntnissen belohnt: Fast alle kommen zu einem offenen Ergebnis. Trotz des großen Vorsprungs Bidens in der Gesamtumfrage kommt er in den meisten Prognosen nur auf 268 Wahlmänner. 270 sind für einen Sieg notwendig. Trump kommt zwar nur auf etwa 200 sichere Wahlmänner, mit 60 bis 70 unentschieden. Biden hat zwar die besseren Karten, muss sich aber noch reinhängen, wenn er gewinnen will. Ein sicherer Wahlsieg für Biden, wie man ihn aus den Gesamtumfragewerten leichtfertig ableiten könnte, müsste ihm einen eindeutigen Vorsprung in der Mehrzahl der Prognosen der Wahlmänner ermöglichen.

Natürlich gibt es auch bei Prognosen der Wahlmänner das Problem der Gewichtung und Übergewichtung, das sich nun vom nationalen Niveau auf die Ebene der Bundesstaaten verlagert hat. Bezieht man diese Problematik in die Vorhersagen zu Wahlmännern ein, dann ist das Ergebnis der Präsidentschaftswahlen noch weit offen.

Übrigens errechnet lediglich das Express/Democracy Institute einen eindeutigen Sieg Trumps mit 309 zu 229 Wahlmännern.

Trump liegt bei brisanten Themen vorn

Geht man noch einen Schritt weiter und betrachtet im Wahlkampf wichtige Themen, sieht die Lage für Trump bestens aus. In den Medien wird dies nur selten akkurat dargestellt. Der „Spiegel“ stellte Trump auf einem Titelbild kürzlich als Brandstifter der Unruhen dar. Nichts illustriert die Ignoranz deutscher Medien über die tatsächliche Stimmungslage in den USA deutlicher als dieses Titelbild.

Vor die Wahl zwischen „All Lives Matter“ oder „Black Lives Matter“ gestellt, wählten 71 Prozent der Befragten Ersteres, nur 29 Prozent die mediengerechte BLM-Phrase. Bemerkenswert: Es gibt bei diesem Thema keine Unentschiedenen.

74 Prozent der Befragten sind gegen den Abbau von Statuen, 77 Prozent stimmen gegen die Behauptung, das Denkmal von Mount Rushmore sei rassistisch. 60 Prozent finden, dass Biden nicht scharf genug gegen die Unruhen auftrete, während 59 Prozent der scharfen Linie des Präsidenten zustimmen. Die Führung der Demokraten hat mit ihrem fotogenen Verständnis für die Demonstrationen offenbar auf das falsche Pferd gesetzt.

Beliebtheit bei Minderheiten

Trump war vor Ausbruch der Epidemie bereits der bei Minderheiten beliebteste republikanische Präsident. Seine Werte sind nach wie vor hoch: 35 Prozent der Afroamerikaner und 34 Prozent der Lateinamerikaner stimmen seiner Amtsführung zu. Überhaupt hat der Optimismus bei Minderheiten von September 2019 bis Juni 2020 stark zugelegt: 33 Prozent gegenüber 17 Prozent der Afroamerikaner und 26 gegenüber 16 Prozent der Lateinamerikaner sehen der Zukunft positiv entgegen.

Nur acht Prozent der Afroamerikaner stimmten 2016 für Trump, aber straften Clinton durch Nichtwählen. Allerdings bezeichnen sich 25 Prozent der Afroamerikaner als Konservative, 41 Prozent als Moderate. Macht insgesamt zwei Drittel. Das überrascht nicht, denn 47 Prozent der Afroamerikaner gehen mindestens einmal pro Woche in die Kirche, mehr als jede andere ethnische Gruppe. Deutsche Amtskirchen haben sogar das Träumen von solchen Zahlen längst aufgegeben. Dr. Martin Luther King oder Al Sharpton, die Führer der Bürgerrechtsbewegung, waren Pfarrer, nicht Professoren für Gender. Kulturell stehen viele Schwarze erzkonservativen Republikanern näher als „progressiven“ weißen Akademikern. Trump hat das Potenzial erkannt.

Zwei Faktoren bestimmen Trumps Beliebtheit bei Minderheiten: die bis zur Corona-Krise auf Rekordniveau niedrige Arbeitslosigkeit sowie die Justizreform des letzten Jahres, die zwar in den Medien keine Rolle spielt, wohl aber bei Afroamerikanern, die überdurchschnittlich häufig in Gefängnissen einsitzen. Durch die Reform wurden Haftstrafen für nicht gewalttätige Straftäter, also hauptsächlich Drogendelikte, stark reduziert. Schwarze Männer haben ein Risiko von eins zu drei, in ihrem Leben mindestens einmal im Gefängnis zu landen, meist im Zusammenhang mit Drogen. Fast jede schwarze Familie hat also einen Verwandten, der schon einmal einsaß, häufig zu drakonischen Strafen. Deshalb darf man die Auswirkungen von Trumps Justizreform, die von Obama zwar großspurig gefordert, aber nicht einmal ansatzweise angegangen wurde, auf das Meinungsklima unter Afroamerikanern nicht unterschätzen.

Nebenbei bemerkt: Biden hat als Senator stets für Verschärfungen von Strafen gestimmt und war hier häufig auch treibende Kraft. Dieses Thema dürfte im Wahlkampf noch eine Rolle spielen.

Nach der Wahl

Gewinnt Biden die Wahl, stehen schwere wirtschaftliche Verwerfungen ins Haus. Steuererhöhungen und Kosten für neue Sozialprogramme werden das Investitionsklima dämpfen. Außenpolitisch wird sich außer der Rhetorik nicht viel ändern. China wird Feind Nummer eins bleiben, wirtschaftlich wie politisch. Auch ist es wenig wahrscheinlich, dass Biden gegenüber Europa in der Frage des Freihandels plötzlich die Grenzen öffnet, ohne dass die EU eine mindestens gleichwertige Gegenleistung erbringt. Hoffnungen der Europäer auf einen Politikwechsel in Washington werden sich als Träumerei erweisen.

Interessanter ist die Frage der Verwerfungen im Falle eines Wahlsiegs von Trump. Russische Einmischung als Ausrede wird ein zweites Mal nicht funktionieren. Deshalb sind weitere gewalttätige Unruhen möglich, zumal die Antifa-Gruppen in diesem Jahr Erfahrung in überregionaler Koordination gesammelt haben. Nimmt man die langsame Aufarbeitung der Hamburger G-20-Unruhen als Vergleichspunkt, dann werden bis November nicht genug Rädelsführer ermittelt sein, um Krawalle zu begrenzen.


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