25. Juni 2020

Gedanken eines „alten weißen Mannes“ Achtung, Geisterfahrer!

Über das Gefühl, immer falsch zu liegen

von Andreas Tögel

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Bildquelle: FooTToo / Shutterstock.com Falsche Auffahrt: Als „Geisterfahrer“ unterwegs

Kennen Sie diesen alten Kalauer? Ein Autofahrer fährt mit seinem Fahrzeug auf die Autobahn auf. Plötzlich der Beifahrer: Achtung, ein Geisterfahrer! Der Fahrer, nach einer Schrecksekunde: Was heißt einer? Hunderte!

Dutzende, Hunderte, ja Tausende, die einem auf der vermeintlich eigenen Richtungsfahrbahn entgegenkommen. Da hat man wohl einen Fehler gemacht. Kann ja nicht sein, dass alle anderen sich irren und ausgerechnet ich recht habe, oder?

Exakt dieses nagende Gefühl, falschzuliegen, beschleicht mich in jüngster Zeit immer häufiger, sobald ich eine Zeitung aufschlage oder mir Fernsehnachrichten zu Gemüte führe. Da lese oder höre ich etwa von einer „Partyszene“ und mehreren Hundert „Event People“ (was auch immer das sein mag), die zum Spaß eine beschauliche deutsche Innenstadt verwüstet haben. Die zitierten „Party People“ „solidarisierten“ sich demnach mit einem festzunehmenden Drogenjunkie gegen die ebenso spaßbefreite wie für Drogendelikte augenscheinlich gänzlich unaufgeschlossene Polizei. Die „Bullen“ – dieser Tage gilt bekanntlich „all cops are bastards!“ – wussten sich die fröhlich feiernden Fratzen beherzt mittels gezielter Würfe von Pflastersteinen (wer hat so was bei einer Party nicht dabei?) vom Leibe zu halten. Und weil man halt so unglaublich gut drauf war, gingen die lieben Kleinen im Zuge ihrer munteren Party alsbald dazu über, Schaufensterscheiben einzuschlagen und Geschäfte zu plündern. Eh ganz normal – welches Straßenfest endet früher oder später nicht auf genau diese Art? Dass im Zuge der Plünderungen unter anderem lautstark „Allahu Akbar!“ skandiert wurde, ist für die Massenmedien im Mitteleuropa des einundzwanzigsten Jahrhunderts schon gar keine Meldung mehr wert. Naja.

Man mag es zwar nicht glauben, aber auch ich war – lange, lange ist’s her, zugegeben – einmal jung und habe an Partys teilgenommen, ja sogar selbst welche veranstaltet. Immerhin war der Plattenspieler zu dieser Zeit schon erfunden und auch Bier und Wein waren jungen Menschen nicht gänzlich unbekannt. Wir wussten also zu feiern. Dass die „Partyszene“ anno dazumal in angeheitertem Zustand losgezogen wäre, Geschäfte geplündert und Polizisten mit Pflastersteinen beworfen hätte, ist mir allerdings nicht erinnerlich. Aber was weiß ich schon – bin ja schließlich ein alter weißer Mann.

Zweites Beispiel: Seit Wochen werden wir unentwegt mit der Parole „Black Lives Matter“ bombardiert. Als ob jemals einer das Gegenteil behauptet hätte – von einzelnen Mitgliedern des Ku-Klux-Klans vielleicht abgesehen. Ist aber schon in Ordnung, denn Mensch ist schließlich Mensch und selbstverständlich zählen schwarze Leben! Auf die Idee, diese Parole dahingehend zu interpretieren, dass weiße Leben – im Gegensatz zu schwarzen – nichts zählen, ist nach meiner Beobachtung niemals jemand verfallen.

Nun aber folgt das Ungeheure: Soeben hat sich jemand im Zuge eines Fußballspiels im der EU abtrünnigen Albion erfrecht, die Parole „White Lives Matter“ auszugeben – noch dazu in Form eines weithin sichtbaren, von einem Flugzeug gezogenen Banners. Unerhört! Skandal! Nicht nur die üblichen Verdächtigen, sondern auch ansonsten eher unaufgeregte Redakteure seriöser Gazetten, wie der „Neuen Zürcher Zeitung“ oder der Wiener „Presse“ diagnostizieren – ohne jede weitere Erklärung – „Rassismus“. Der ruchlose „Täter“ ist natürlich auch schon ausfindig gemacht – ein „Rechtsradikaler“, was sonst.

Nur zum Verständnis: Wenn die Behauptung, dass weiße Leben zählen – der ich als notorischer Geisterfahrer vollinhaltlich zustimme –, tatsächlich falsch ist, muss demnach das Gegenteil stimmen: „White Lives Don’t Matter!“ Hätte der böse Flieger diese Parole präsentiert, wäre alles in Butter gewesen. Black Lives Matter darf – ja muss – gesagt werden, will man nicht der ewigen Verdammnis anheimfallen. White Lives Matter zu behaupten, ist aber blanker Rassismus.

Da ich diese Meinung beim besten Willen nicht teilen kann, habe ich augenscheinlich die falsche Auffahrt genommen und fahre auf der verkehrten Fahrbahn. Bitte vielmals um Vergebung für mein weißes Fell, das offenbar mit meiner absoluten Unfähigkeit im Zusammenhang steht, für zeitgeistig-politisch korrektes Denken auch nur das geringste Verständnis aufbringen zu können. Sorry. Allerdings weiß ich mich zu meiner großen Genugtuung mit meinem Defizit nicht ganz allein. Viele meiner Freunde und Bekannten denken nämlich ähnlich.

Fazit: Wer sich seines (eigenen!) Verstandes bedient, kann über die rezenten Exzesse der völlig von der Realität entkoppelten Publizistik nur noch den Kopf schütteln.


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