08. Juni 2020

Zeitgeist Nein, ich bin nicht Antifa. Und habe auch nicht vor, es zu werden.

Absage an den „Primat der Moral“ und an eine „bessere Welt“

von Christian Rogler

Artikelbild
Bildquelle: Alexandros Michailidis / Shutterstock.com Antifa: Nein danke!

Ich bin nicht Antifa. Auch nicht unter der Prämisse, dass damit – wie sich bekenntnisfreudige Politiker wie Esken & Co. nach entsprechenden Hinweisen gerne herausreden – nicht eine gewalttätige linksextremistische Terrororganisation, sondern eine „moralische Haltung“ gemeint sein soll.

Denn selbst wenn mit dieser Selbsteinordnung nur gemeint sein sollte, dass man „gegen den Faschismus“ sei und man für dieses Bekenntnis zum moralisch Guten nur anerkennendes Schulterklopfen generieren wolle (wobei ein solcher Grad an Naivität bei ausgewachsenen Spitzenpolitikern und Journalisten eher ungewöhnlich wäre), ließe dies einige berechtigte Fragen offen.

Zum einen, wo denn die Notwendigkeit sei, sich in dieser Weise zu deklarieren, wenn es doch – selbst in Italien – kaum noch jemanden gibt, der sich selbst als „Faschisten“ bezeichnen würde. Dann, warum man ausgerechnet in einem Land wie Deutschland, wo Faschismus – im Unterschied zu Nationalsozialismus und Kommunismus – nie eine Rolle spielte, darob ein solches Fass aufmacht. Und vor allem, warum man den Antitotalitarismus, der dem Grundgesetz ohnehin zugrunde liegt, auf einen Randaspekt desselben verkürzen möchte.

Faschismus bezeichnet eine in Italien entstandene Bewegung, die autoritär und antiliberal war, eine Diktatur errichtete und irgendwann sogar mal Imperium spielen wollte, was sich in missglückten Invasionen in Abessinien oder anderen Gebieten äußerte, die nicht zum ursprünglichen Staatsgebiet gehörten. Andere Staaten, die sich am Faschismus orientierten, wie Österreich (1934–38), Spanien oder Portugal, versuchten sich zwar nicht an der Wiederherstellung alter Größe, aber errichteten ebenfalls autoritäre Diktaturen, die etatistisch waren und sicher nicht dem entsprachen, was man sich unter einem freien Gemeinwesen ausmalen würde.

Alles davon ist nicht sehr sexy, und ich kann mir keine vernünftige Person vorstellen, die sich tatsächlich eine solche Ordnung wünschen würde. Wo es „nur eine legitime Einstellung“ gibt, um es mit einem bekannten Blogger zu formulieren, fehlt es einfach an Impulsen, die Schaden abwenden und Nutzen mehren können.

Aber – wie es auch eine sehr kluge Frau namens Hannah Arendt einst herausgearbeitet hatte – es gibt einen sehr, sehr deutlichen Unterschied zwischen dem autoritären Faschismus und den totalitären „politischen Religionen“, die sich in Form des Kommunismus und des Nationalsozialismus Bahn brachen. Und zwar solche, die sich insbesondere auf die Lebenssituation von Menschen in drastischer Weise auswirken konnten, die aus welchem Grund auch immer die Weisheit hinter der „guten Idee“, in deren Namen die Diktaturgewalt ausgeübt wurde, nicht erkennen wollten.

Im Fokus des Faschismus, der bereits 1920 seine totalitäre Avantgarde in Gestalt der Futuristen vor die Tür gesetzt hatte, stand einzig der Staat – keine Rasse, keine Klasse, keine Religion, nur die Loyalität zur Obrigkeit und zur Ordnung. Das mag jemandem als widersinnig erscheinen, der die Ordnung für unbillig und die Repräsentanten der Obrigkeit für Idioten hält. Und dass dies regelmäßig tatsächlich der Fall ist, liegt nun mal in der Logik des Etatismus.

Aber es erhielt das Leben immerhin noch für jedermann berechenbar. Wer die Füße stillhielt, konnte privat ein gutes und kaum beeinträchtigtes Leben führen – böse Zungen würden sagen, ähnlich wie jetzt unter Merkel auch. Wem alles unerträglich wurde, konnte immer noch relativ unbürokratisch das Land verlassen. Mussolini setzte auch von sich aus gerne das Instrument der Verbannung ein.

Der Faschismus duldete keine Opposition, aber es war ihm auch kein Herzensanliegen, einen „neuen Menschen“ zu schaffen, um jeden Preis irgendwelche Reinheitsideale durchzusetzen und das private Dasein der Bürger zu bestimmen. Ihm fehlte es gleichfalls – selbst wenn auch faschistische Staaten für Tausende von Todesopfern verantwortlich waren – an einem unbedingten Vernichtungswillen gegenüber Gegnern oder Menschen, die nicht in den Narrativ passten.

Das alles unterschied ihn aber von den totalitären Bewegungen, wo bereits die „falsche“ Abstammung (als Jude, Sinti, Roma usw.), ein unzureichender Gesundheitszustand oder die „falsche“ soziale Herkunft (Zarenfamilie, „Kulaken“ o. Ä.) das Todesurteil bedeuten konnten. Und deshalb wurden am Ende zwar Auschwitz, Treblinka oder der Holodomor zu Sinnbildern für die planvolle millionenfache Vernichtung von Menschenleben, nicht aber Wöllersdorf, das „Tal der Gefallenen“ oder die Liparischen Inseln.

Anders als in den USA, wo zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehr als 100 Jahre einer freiheitlichen Tradition und Verfassung ein Land geprägt hatten, das entsprechend rechtsstaatliche Vorkehrungen und ein intaktes Immunsystem sowohl gegen autoritäre als auch gegen totalitäre Bestrebungen entwickelt hatte, war im Europa der Moderne so etwas weitgehend unbekannt.

Im Gegenteil: Man hielt sich damals nicht nur für den Nabel der Welt, man war es auch. Noch 1914 beherrschten europäische Staaten vier Fünftel der Erdoberfläche. Man war stolz auf Luther, auf Kant, auf eine „Aufklärung“, die im Grunde auf dem Gedanken fußte, dass alle Generationen davor samt ihrem Erfahrungsschatz, ihren Traditionen, ihren kulturellen Errungenschaften wertlos gewesen seien und man stattdessen in der Lage sei, nur mithilfe des eigenen subjektiven Verstandes wie auf einem leeren Blatt Papier eine neue Welt zu entwerfen, die für alle in einem Goldenen Zeitalter enden würde. 

Das und zuvor bereits die Bilderstürmerei des christlichen Salafismus aka „Reformation“ machen Europa und seit 1968 auch die am globalen Anspruch des europäischen Denkens der Moderne ausgerichtete US-Linke bis heute affin gegenüber Utopien und Wahnideen aller Art. Die Parole „Reject your ancestors“, die heute wieder in Tweets von „Black Lives Matter“-Protagonisten auftaucht, stand auch schon am Anfang der totalitären Albträume in Frankreich 1789, in Russland 1917, in Deutschland 1933 und später noch in anderen Ecken der Welt wie China oder Kambodscha.

Wer bereits ein anderes Leben lieb gewonnen hat, will diese ganzen „schönen Utopien“ jedoch nicht ausprobieren. Selbst wenn es tatsächlich nach welchen Maßstäben auch immer eine „bessere Welt“ sein sollte, in der einem Verena Brunschweiger oder Luisa Neubauer „Kinderfreiheit“ als tätige Reue für CO2-Fußabdruck, White Guilt, die Lage der Palästinenser oder was auch immer anempfehlen, in der Abtreibung ein „Menschenrecht“ ist und in der Gefängnisstrafen als angemessene Sanktion für falsche Geschlechtsanreden betrachtet werden – ich bleibe lieber in meiner. Und ich kenne sehr viele Menschen, die diese „bessere Welt“ ebenso wenig wollen, sondern lieber mit ihren imaginären Privilegien und ihrem Ausgebeutetendasein durch Patriarchat, Kapital, Familie, Religion, Kochkultur, kohlenstoffbasierte Lebensweise und Countrymusik glücklich sind.

Es ist auch kein Wunder, denn ein System wie jenes, das – wohl nach chinesischem Vorbild – Antifa und Gleichgesinnte hier, jetzt und heute im Westen errichten wollen und das mit Theokratien wie dem IS und dem Iran unter anderem gemein hat, dass die „Moral“ eine höherwertige Rechtsquelle darstellt als Verfassung und Gesetze, setzt zu ihrem Gelingen voraus, dass man als Rechtsunterworfener die Auffassungen, die die herrschende Klasse von Moral hat, teilt.

Es ist aber nicht nur so, dass das, was mir in meiner Kindheit als „Moral“ und „Anstand“ beigebracht worden ist, mit dem, was die moralisierende bildungsbürgerliche Oberschicht darunter versteht, nicht mehr viel gemein hat. Mir erscheint diese neue „Moral“ zudem in weiten Bereichen auch noch als so bigott und widersinnig, dass Nihilismus ihr gegenüber als ein zwingendes Gebot der Selbstachtung erscheint.

Nein, ich bin nicht Antifa. Und ich will es auch nicht werden. Im Gegenteil: Ich würde, gäbe es tatsächlich keinen anderen Ausweg mehr, einen Dollfuß, Franco oder Salazar einem Lenin, Hitler oder Mao jederzeit vorziehen. Ich hoffe aber nach wie vor, dass es zu einer solchen Entscheidungssituation gar nicht erst kommen wird. Solange der Präsident der Führungsmacht der westlichen Welt Donald Trump heißt, ist die Hoffnung, dass die Freiheit den ideologischen Wahn besiegt, noch intakt.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Politische Korrektheit

Mehr von Christian Rogler

Über Christian Rogler

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige