10. Mai 2020

Prinzipien für ein selbstbestimmtes Leben Anleitung zum Mündigsein

Zehn Regeln zur Abwehr von Manipulationsversuchen

von Michael Klein

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Mündigsein: Abwehr gegen Manipulationsversuche

Ich werde regelmäßig gebeten, das, was man als Prinzipien für ein selbstbestimmtes Leben nennen könnte, zusammenzustellen. Nun bin ich kein Schreiber von Ratgeber-Büchern, sondern Wissenschaftler, weshalb ich der Bitte eine etwas andere Richtung gegeben habe. Was macht einen Menschen zu einem mündigen Bürger? Das ist für mich keine schwierige Frage: Allein und einzig die Fähigkeit zur Urteilsbildung, das Bemühen, sich ein eigenständiges und unabhängiges Urteil zu bilden.

Folglich sind alle Eingriffe in die individuelle Fähigkeit zur selbständigen und unabhängigen Urteilsbildung, alle Versuche, Menschen zu dirigieren, sie zu manipulieren, in die richtige Richtung zu schubsen beziehungsweise ihnen die Möglichkeit zu nehmen, zu einer eigenständigen und unabhängigen Urteilsbildung zu kommen, Versuche, mündige Bürger zu verunmöglichen.

Auf dieser Grundlage habe ich eine kleine Anleitung zum Mündigsein, wenn man so will die ersten zehn Grundregeln des mündigen Bürgers, zusammengestellt. Sich ein eigenständiges Urteil bilden, bedeutet, Informationen, Fakten, Daten, die für oder gegen eine Behauptung, Hypothese oder Annahme sprechen, abzuwägen, zu prüfen und letztlich ein Urteil zu fällen, das im Einklang mit den Fakten steht.

Erstens: Wer auch immer Sie mit Floskeln abspeisen will, zum Beispiel sagt, er habe Z gesehen/gelesen et cetera und sei zu dem Schluss gekommen, dass X in der und der Weise bewertet werden muss, ohne Ihnen die Möglichkeit zu geben, den Schluss auf Basis einer eigenen Ansicht von Z oder Ihrer eigenen Lektüre von Z nachzuvollziehen, wer also Ihr Vertrauen in seine Lauterkeit voraussetzt und in etlichen Fällen dieses Vertrauen durch Sätze wie: „Sie glauben doch nicht etwa, dass ich lüge“ oder: „Trauen Sie mir etwa nicht?“ zementieren will, ist daran interessiert, Sie von der Bildung eines eigenständigen und unabhängigen Urteils abzuhalten. Entfernen Sie ihn aus Ihrem Bestand für die eigene Urteilsbildung relevanter Informationsquellen.

Zweitens: Prüfen Sie grundsätzlich die empirische Basis von Behauptungen, egal wer die Behauptungen aufstellt. Gibt es Behauptungen ohne empirische Basis, fordern Sie die Basis, die Begründung der Behauptungen, ein. Wird keine Begründung geliefert, können Sie die Behauptung als irrelevant ad acta legen.

Drittens: Bewertungen, wenn sie ohne eine empirische Begründung vorgenommen werden, sind sinnlos. Lassen Sie sich von professionellen Bewertern in Medien, Parteien und sonst wo, die ihre Sätze mit Bewertungen und normativen Aussagen anfüllen, aber keinerlei Bezug zur Realität herstellen, keine Zeit stehlen. Die wollen Sie nur missionieren.

Viertens: Meinungsaussagen, die keinerlei Begründung umfassen, die mit „ich finde“, „ich meine“, „ich denke“ eingeleitet werden, aber ohne jeden Bezug zur Realität bleiben, ohne jedes die Meinung stützende Argument, bringen Sie im Bemühen, sich ein eigenständiges Urteil zu bilden, nicht weiter. Sie wissen nun, was Ihr Gegenüber denkt, findet oder meint, aber nicht, warum es denkt, was es denkt, oder meint, was es meint. Und weil das Warum fehlt, wissen Sie, dass Ihr Gegenüber nicht an Argumentation, sondern an Selbstdarstellung/‑inszenierung interessiert ist.

Fünftens: Prüfen Sie jede Aussage von Regierungen oder politischen Parteien oder von Medien, ob sie eine Begründung mit Fakten oder Daten enthalten oder reine „Die Menschen wollen“‑, „Wir wollen“‑, „Wir müssen“-Aussagen, also normative Vorgaben sind. Normative Vorgaben machen diejenigen, die ein Interesse daran haben, dass Sie sich in einer bestimmten Weise verhalten. Fragen Sie, welches Interesse hinter den normativen Vorgaben steht.

Sechstens: Ignorieren Sie alle, die von „den Menschen“ oder von „die Menschen werden/wollen/müssen“ sprechen. Das sind Schwätzperten, die ihr Geld damit verdienen, andere bevormunden zu wollen. Ihr einziges Interesse besteht darin, Legitimation für ihren konkreten Bevormundungsgegenstand herbeischwätzen zu wollen.

Siebtens: Das Gleiche gilt für „Wir müssen“- oder „Wir sollten“-Aussagen. Wer sie ohne empirische Grundlage trifft, was wohl bei 95 Prozent dieser Aussagen der Fall sein dürfte, ist nicht daran interessiert, Ihnen eine freie und unabhängige Urteilsbildung zu ermöglichen, sondern daran, Ihre freie und unabhängige Urteilsbildung nach Möglichkeit zu verhindern.

Achtens: Misstrauen Sie allen, die vorgeben, sie wollten Ihnen etwas „Gutes“ tun, ihren Lebensstil zum Besseren wenden, die Art und Weise, in der Sie leben, verbessern (siehe auch Punkt fünf). Die wenigsten, die vorgeben, anderen helfen zu wollen, tun dies aus Altruismus. Die meisten wollen sich durch das Sich-um-andere-Kümmern einen Vorteil verschaffen oder ein Einkommen sichern, oder sie wollen sich damit moralisch erhöhen. Wer mit solchen Gutmenschen konfrontiert ist, tut gut daran, den eigenen Nutzen aus der Tätigkeit der Gutmenschen mit den eigenen Kosten dieser Tätigkeit zu verrechnen.

Neuntens: Lesen Sie grundsätzlich alle Texte, die Ihnen begegnen und von deren Lektüre angebliche Faktenfinder/‑sucher/‑checkeroder Newsguards oder wie immer sich diese Profiteure nennen, sie abhalten wollen. Faktenfinder/‑sucher/‑checker stellen einen Versuch dar, Sie an der Bildung eines eigenständigen Urteils zu hindern und vom Urteil anderer abhängig zu machen. Faktenfinder/‑sucher/‑checker wollen, dass Sie den politisch korrekten Pfad betrampeln. Fragen Sie, welches Interesse die Faktenfinder/‑sucher/‑checker daran haben, dass Sie ihre (politische) Weltsicht und Ideologie übernehmen und ihrem Urteil vertrauen, ohne sich ein eigenes Urteil bilden zu können.

Zehntens: Wenn im Zusammenhang mit wissenschaftlichen Ergebnissen das Wort „Konsens“ benutzt wird, um zu suggerieren, die Wissenschaftler, die sich mit einer Sache befasst haben, seien sich alle darüber einig, dann können Sie die Quelle, aus der die Behauptung eines Konsenses stammt, als Informationsquelle streichen. Es ist eine Quelle mit manipulativer Absicht. Wissenschaftler sind sich nicht einig. Das liegt an der Wissenschaft. Sie hat Erkenntnisfortschritt zum Gegenstand, wobei sich der Erkenntnisfortschritt dadurch auszeichnet, dass er zu keinem Ende kommt. Wir streben nach Wahrheit, können sie aber nicht erreichen. Deshalb streiten Wissenschaftler miteinander um den besten derzeitigen Annäherungswert an die Wahrheit. Wer behauptet, Wissenschaftler hätten nicht nur die Wahrheit gefunden, sondern befänden sich auch noch in einem Konsens darüber, hat offenkundig keine Idee von und kein Interesse an Wissenschaft. Sein Interesse ist darauf gerichtet, zu manipulieren, Wissenschaft auszunutzen, zu benutzen, um seine Interessen legitimieren und durchsetzen zu können.

Das sind die ersten zehn Regeln des mündigen Daseins, die ich hiermit zur Diskussion stelle. Demnächst mehr.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Sciencefiles“.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Bevormundung

Mehr von Michael Klein

Über Michael Klein

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige