07. Mai 2020

Die Fußball-Bundesliga darf wieder stattfinden Bier und Spiele

Bälle müssen rollen für den Sieg über Corona

von Holger Finn

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Bildquelle: shutterstock Die Bundesliga startet wieder: Bälle müssen rollen für den Sieg über Corona

Beim Wichtigsten anfangen, das ist zumindest ein zentraler Pfeiler der Corona-Strategie von Bund und Ländern, der nach zehn Wochen Tingeltangel und Hin und Her deutlich erkennbar wird. Schien die große Menschheitskrise anfangs politisch und medial vor allem eine Bedrohung für die Fußballbundesliga, der man das Spielen nicht verbieten wollte, weil die „Frage der Verhältnismäßigkeit“ (Jens Spahn) im Raum stand, endet die Phase der allumfassenden Lockdowns und Kontaktverbote auch wieder dort, wo Corona mit „Geisterspielen“ genannten öden Begegnungen ohne Zuschauer in die Wahrnehmung der Bürgerinnen und Bürger trat.

Die hatten damals, von der Spitzenpolitik wochenlang mit Parolen wie „wir sind gut vorbereitet“, „nur eine Grippe“ und „wird Deutschland nicht erreichen“ versorgt, erst nicht glauben wollen, was aus Asien anrollte. Der Karneval, mit der ganze Landstriche in Westdeutschland sich in endlose Infektionsketten verwandelten, lief doch lustig wie immer. Die Wirtschaft brummte, die Börse stieg. Deutschlands großes Problem hieß Thüringen, nicht Virentod. Keine Kanzlerin und kein Länderchef hätte in dieser Zeit einfach so alles stilllegen können.

Stilllegung der Liga als Symbol

Ein Symbol musste her, spätestens als in Italien das große Sterben einsetzte. Sehr her, so schlimm ist es – das ließ sich am besten demonstrieren, indem der erfolgreichste Bereich der Unterhaltungsindustrie stillgelegt wurde. Die Bundesliga wurde zu einer Spielpause verdonnert, auch ohne Zuschauer ging nichts mehr. Ein Achtungserfolg, der kurze Zeit später gestattete, ohne jeden Protest Kindergärten zu schließen, Kneipen, Theater, Konzerthallen, Sportplätze, Geschäfte, Kaufhäuser und teilweise sogar ganze Städte. In Deutschland, wo zuletzt vor 75 Jahren kein Meister ausgespielt, sondern eine Saison abgebrochen wurde, muss niemand von Krieg sprechen, in den das Land zu ziehen hat. Ein Spielverbot für die Gladiatoren aus 130 Ländern, die jedes Wochenende für die Unterhaltung von Millionen sorgen, verdeutlicht viel einprägsamer, dass die Lage ernst ist.

Nur lässt sich das nicht ewig durchhalten, weil die Masse unruhig wird, wenn man ihr die Beschäftigung mit Ablenkungsinstrumenten nimmt. Schon demonstrieren sie auf den Straßen, sie jammern über ausfallende Einnahmen, sehen ihre Existenz von Kontaktsperren bedroht, schimpfen, weil sie ihre Toten nicht begraben dürfen, und quengeln, weil sie raus in die Biergärten wollen.

Bier und Spiele fürs Volk

Die Politik weiß, was die Stunde geschlagen hat. Es braucht nun Brot und Spiele, Bier und Spiele, um Ruhe und Ordnung zu wahren. Kanzlerin und Ministerpräsidenten, sonst seit Wochen in nahezu keinem Punkt einer Meinung, einigten sich angesichts dieser dringenden Notwendigkeit, ein Ventil für den angestauten Testosteron-Überschuss zu öffnen, ohne lange Diskussionen auf eine Starterlaubnis für die Bundesliga. Bälle müssen rollen für den Sieg über Corona, das Land braucht nicht nur Ärzte, Schwestern, Pfleger, Virologen und Verkäuferinnen als Heldenfiguren und leuchtende Beispiele. Sondern auch beinharte Verteidiger, flinke Stürmer und Torhüter, die sich nach Ecken todesmutig im doppelten Sinne des Wortes ins Gewimmel vor dem Fünfmeterraum stürzen, jede Abstandsregel kühn verlachend, die für normale Menschen gilt.

Fußball darf, Fußball muss, was sonst nirgendwo erlaubt ist. Die Lage sei nun, heißt es bei der Bundeskanzlerin und den Ministerpräsidenten zur Begründung, mittlerweile gut genug, ein bisschen Risiko wagen zu lassen. Und wie gut! Als die Bundesliga am 8. März verboten wurde, meldete das Robert-Koch-Institut 102 neue Corona-Fälle. Dieser Zuwachs hat sich seitdem mehr als verzehnfacht, aktuell liegt die Zahl der täglichen Neuinfektionen recht stabil bei um die 1.000. Diese 1.000 Menschen, von denen vollkommen unklar ist, wie sie sich trotz Kontaktsperren und kaum vorhandener Infektionsquellen immer noch infizieren können, gelten nun aber im Unterschied zu jenen 100 von Anfang März, die zur Stilllegung der gesamten Fußballindustrie führten, als beruhigendes Zeichen dafür, dass die Geschäfte nun getrost wieder hochgefahren werden können.

100 sind weniger schlimm als 1.000

Nein, das große Corona-Comeback der Kicker folgt augenscheinlich nicht der Maßgabe konkreter Zahlen, Statistiken oder befürchteter Ansteckungsraten. 100 unkontrolliert infektiöse Menschen können selbst mit großem Eifer kaum mehr Neuansteckungen verursachen als 1.000. Wenn also 1.000 Neuinfektionen täglich für weniger bedrohlich gehalten werden als 100, muss etwas anderes als noch bedrohlicher gelten. Hier ist es sicher nicht das Schicksal der Bundesligavereine, deren Rettung einen Staat, der eine einzige Luftfahrtgesellschaft mit zehn Milliarden rettet, nicht mehr als ein paar Hundert Millionen Kleingeldpeanuts kosten würde. Es ist vielmehr die Langeweile des Lockdowns, unter der draußen im Lande mehr und mehr Menschen leiden. Netflix ist leergeguckt, Prime durchgezappt, selbst die Seuchen-Brennpunkte der ARD sind nur noch nervende Routine.

Fußball muss nun an die Front, Fußball muss die Stimmung retten. So wie das Fußballverbot am Anfang die Funktion einer Sirene übernahm, ist es jetzt Aufgabe der Unterhaltungskünstler in kurzen Hosen, als Bordkapelle den Soundtrack zur Seuche zu spielen. Nachfragen großer Medienhäuser sind nicht zu erwarten, darauf kann sich die Spitzenpolitik verlassen, denn auch dort wird der Tag sehnlichst erwartet, an dem der süße Brei der bedeutungslosen Nachrichten über Tore, Fouls und verletzungsbedingte Ausfälle aus den Stadien der Republik quillt wie gewohnt.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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