04. Mai 2020

Kritik am Verfahren zur Darstellung der Entwicklung der Covid-19-Pandemie Das falsche Spiel mit der Reproduktionsrate

Wie Politik und Robert-Koch-Institut eine fragwürdige Kennziffer instrumentalisieren

von Frank W. Haubold

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Bildquelle: ralphmeiling / Shutterstock.com Fragwürdiges Verfahren: Robert-Koch-Institut

Noch am 30. März 2020 verkündeten Politik und Medien, dass eine Lockerung der Auflagen erst möglich sei, wenn die Verdopplungszeit der Infektionen oberhalb von zehn Tagen läge. Dieses Ziel ist inzwischen längst erreicht. Aktuell (Stand: 30.04.2020) liegt die Verdopplungszeit bundesweit bei 67 Tagen, und die bisherigen Lockerungen sind dennoch arg überschaubar. Gerade hat das Bundeskabinett die weltweise Reisewarnung bis Mitte Juni (!) verlängert, und zwar völlig unabhängig von den Entwicklungen in den jeweiligen Reiseländern, die unterschiedlicher nicht sein könnten.

Da die Verdopplungszeit mittlerweile nicht länger zur Begründung der Aufrechterhaltung der Restriktionen taugt, stellen Robert-Koch-Institut (RKI), Politik und Medien nunmehr eine andere Kennziffer in den Mittelpunkt, nämlich die sogenannte „Reproduktionsrate“, zuweilen auch „Reproduktionswert“ genannt.

Angeblich gibt diese Kennziffer die Anzahl der Personen wieder, die ein Infizierter mit dem Virus ansteckt. Vereinfacht ausgedrückt könnte man daher postulieren: Alles, was oberhalb von 1 liegt, spricht für eine weiter ansteigende Zahl von Neuinfektionen, alles, was darunter liegt, für eine sinkende.

Nun stellt sich allerdings die Frage, wie denn das Robert-Koch-Institut diese Kennziffer konkret ermittelt, vor allem vor dem Hintergrund, dass weder die absolute Zahl der infektiösen (nicht die der positiv getesteten) Personen bekannt ist, noch die Zahl der real neu Infizierten. Jeder, der ein wenig mit medizinischer Statistik vertraut ist, dürfte substantielle Zweifel daran haben, dass sich die in sämtlichen Medien präsente Kennziffer unter diesen Umständen überhaupt seriös ermitteln lässt.

Ein wenig Aufklärung in dieser Frage liefert der sogenannte „Faktenfinder“ der ARD, und ich muss zugeben, dass ich mir bei der Lektüre ein Lächeln nicht verkneifen konnte, denn mit der tatsächlichen Reproduktionsrate hat die vom RKI berechnete Kennziffer allenfalls mittelbar zu tun. Zitiert wird das RKI selbst mit folgender abenteuerlicher Begründung: „Bei einer konstanten Generationszeit von vier Tagen ergibt sich R als Quotient der Anzahl von Neuerkrankungen in zwei aufeinander folgenden Zeitabschnitten von jeweils vier Tagen. Der so ermittelte R-Wert wird dem letzten dieser acht Tage zugeordnet, weil erst dann die gesamte Information vorhanden ist. Daher beschreibt dieser R-Wert keinen einzelnen Tag, sondern ein Intervall von vier Tagen. Das dazu gehörende Infektionsgeschehen liegt jeweils eine Inkubationszeit vor dem Erkrankungsbeginn.“

Das RKI lässt also nicht nur die Dunkelziffern außen vor (also jene Infizierten, die bislang nicht positiv getestet wurden), sondern vereinfacht auch noch den Betrachtungszeitraum, indem es per definitionem einen pauschalen Wert von vier Tagen zugrunde legt. Letztlich reduziert sich die „Berechnung“ auf eine reine Betrachtung der (gemeldeten) Neuinfektionen, die mit der eigentlichen Frage (wie viele Mitmenschen steckt ein mit Covid-19 Infizierter im Laufe seiner Krankheit an?) wenig bis nichts zu tun hat.

Die Fragwürdigkeit des Verfahrens stößt jedoch allenfalls bei einzelnen Politikern wie dem stellvertretenden FDP-Vorsitzenden Wolfgang Kubicki auf Kritik, der das RKI wegen der regelmäßig verbreiteten Corona-Zahlen laut „Tagesschau“ scharf angriff: Diese „vermitteln eher den Eindruck, politisch motivierte Zahlen zu sein als wissenschaftlich fundiert“, sagte Kubicki. Während Ministerpräsident Markus Söder für Bayern, das Land mit den meisten Infektionen, einen R-Wert von 0,57 verkünde, melde das RKI bundesweit einen Wert von 1, sagte Kubicki. „Woher dieser Wert bei sinkenden Infektionsraten kommen soll, erschließt sich nicht einmal mehr den Wohlmeinendsten.“

Doch selbst wenn man die methodischen Ungereimtheiten außen vor lässt, täuscht die vom RKI ermittelte Reproduktionsrate über die tatsächliche epidemiologische Entwicklung hinweg, wie ein einfaches Beispiel verdeutlicht: Nehmen wir an, in den ersten vier Tagen gab es täglich 10.000 Neuinfektionen und in den folgenden täglich 8.000, so ergibt sich eine Reproduktionsrate von 0,8, die von Politik und Medien einhellig begrüßt würde. Flacht die Kurve der Neuinfektionen jedoch ab, was eigentlich eine positive Entwicklung ist, dann könnten beispielsweise in den ersten vier Tagen täglich 1.000 Neuinfektionen auftreten und in den nächsten vier 950 täglich. Dann beträgt die errechnete Rate 0,95, die vom RKI – wie dieser Tage geschehen – auf 1,0 hochgerechnet würde, und schon wäre das politmediale Geschrei groß und weitere Lockerungen der Restriktionen würden blockiert.

Somit ist die angebliche Reproduktionsrate nicht nur inhaltlich irreführend, sondern auch ein ideales Instrument, um den Lockdown nach Belieben aufrechtzuerhalten, wobei sich die Politik immer auf die Wissenschaft berufen kann, die ihr vorgeblich keine andere Wahl lässt.

Dass die bundesdeutsche Wirtschaft immer tiefer in die Krise rutscht und die Neuverschuldung astronomische Werte erreicht, wird dabei ebenso billigend in Kauf genommen wie andere Kollateralschäden. Schließlich geht es um höhere Werte, nämlich die Eigendarstellung als verantwortungsvolle Krisenmanager in den Medien und die damit verbundene höhere Wählerzustimmung.

Die Zeche zahlen ohnehin die Bürger mit Einkommensverlusten, Einschränkungen ihrer Grundrechte, Arbeitslosigkeit, Vereinsamung, Inflation und Erhöhung der Steuerlast beispielsweise durch eine Vermögensabgabe, die bereits in der Diskussion ist.

„Welt“: „‚Verdopplungszeit‘ zehn Tage – So weit ist Deutschland von Merkels Ziel entfernt“

tagesschau.de: „Die Vermessung der Pandemie“

tagesschau.de: „Ansteckungsrate wieder bei 0,9“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Philosophia Perennis“.


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