23. März 2020

Satire zum Begriff „Kontaktsperre“ Eine Worthülse aus dem Knastalltag

Ein Geniestreich der Bundesworthülsenfabrik

von Holger Finn

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Bildquelle: shutterstock Nicht ganz neu: Begriff der „Kontaktsperre“

Es sind harte, arbeitsreiche Tage für Rainald Schawidow und seine Experten von der Bundesworthülsenfabrik (BWHF). Das Kollektiv der Phrasendrescher und Worthülsendreher ist hinter den Kulissen der großen Corona-Krise beinahe täglich gefordert, die Bundespolitik mit den nötigsten Begriffen zur Panikabwehr zu versorgen. Waren es anfangs subtile Satzbausteine wie „im Griff“, „keine besondere Gefahr“ oder „gut vorbereitet“, die aus dem Bundeszentrallager für Beschwichtigungen direkt an die Medienfront geliefert wurden, um Ruhe und Ordnung im Lande zu wahren, ist die Bundesworthülsenfabrik inzwischen zu ihrem Kerngeschäft zurückgekehrt und hat mit der Serienproduktion von zusammengesetzten Substantiven begonnen, die die Lage bemänteln und symbolisches Handeln als entschiedenes Rezept gegen eine Krise erscheinen lassen sollen, deren eigentlicher Zweck es ist, den Zusammenhalt in der Bevölkerung zu stärken.

Kernstücke der Überzeugungsarbeit

Ein großer Ruck, den die deutschen Leitmedien mit der Kampagne „Wir bleiben zu Hause“ begleiten. Kernstück der Überzeugungsarbeit aber sind die in der großen Tradition früherer politischer Signalbegriffe wie „Rettungsschirm“, „Energiewende“, „Schulden‑“ und „Mietpreisbremse“, „Stromautobahnen“ oder „Wachstumspakt“ entwickelten neuen Krisenkampfstoffe aus der Verbalwerkstatt. Die hatte in den zurückliegenden Jahren vor allem im Dauerstreit um die lebenswichtige Klimapolitik sprachliche Höhepunkte wie „Heißzeit“, „Klimanotstand“ und „Kohlendioxidsteuer“ Volltreffer in Serie geliefert und damit bei der Bundesregierung die Erwartung geweckt, dass sich im Grunde jedes große Problem mit einem Leitbegriff semantisch einhegen und damit so lange auf die lange Bank schieben lässt, bis sich die Gemüter beruhigt haben und die Sache vergessen ist.

Dabei reagiert die BWHF durchaus flexibel auf sich teilweise im Stundentakt verändernde Erfordernisse: Waren eben noch abwertende Vokabeln nötig, um den Kampf gegen volksschädliche Vorsorger zu führen – die BWHF reagierte hier mit einer Reaktivierung des Tiervergleichs „Hamsterer“ –‍, stand später die Notwendigkeit, beschreibende Begriffe für die Lage zu finden, die wie das Dauerblau des Krisenblazers der Kanzlerin nonverbal von der Gewissheit erzählen, dass alles halb so schlimm ist. „Corona-Gefahr“ (BWHF) löste die von rechtspopulistischen Verunsicherern aus Moskau erfundenen „Corona-Krise“ und „Corona-Katastrophe“ ab.

Ein erstes Stück Raumgewinn in der Schlacht um die Deutungsmacht, in der bemäntelnde Begriffe wie „einheitliche Beschränkung sozialer Kontakte“ in einem selbst für die hochprofessionellen Worthülsendesigner der BWHF engen Zeitrahmen von zumeist nur 48 Stunden erfunden werden müssen. So lang ist derzeit die Halbwertszeit der neuverhängten Krisenmaßnahmen der Bundesregierung, so viel Zeit bleibt auch nur, die jeweils nächste Verschärfung wenigstens verbal als logisch, unabdingbar und planmäßig erscheinen zu lassen.

Mit „Ausgangssperre“ und dem milderen „Ausgangsbeschränkung“ ist es Schawidow und seinen Sprachingenieuren zweifellos gelungen, neue Maßnahmen der Bundesregierung zu popularisieren. Dabei legte man vor allem im Rheinland äußersten Wert darauf, ohne das Wort „Ausnahmezustand“ auszukommen oder die im vergangenen Jahr breit popularisierte und von zahlreichen Gemeinden genutzte Möglichkeit zu eröffnen, den Notstand auszurufen. Das war zwar in Bayern und im Saarland gut angekommen, wäre aber in anderen, liberaleren Gegenden der Republik wie plumpe Nachahmung erschienen und damit schädlich für den Wahlkampf um die CDU-Spitze gewesen. Der Rheinländer Armin Laschet, der seine Bürger trotz grassierender Seuche Karneval feiern und wichtige Bundesligaspiele besuchen ließ, verlangte vernehmlich nach anderen sprachlichen Regelungen, die ein fröhlicheres Management des sozialen Todes der Gesellschaft erlauben.

Geniestreich trotz neuer Abstandsregeln

Und wirklich: Mit der Worthülse „Kontaktsperre“ gelang es der BWHF tatsächlich, in einer turbulenten Wochenendschicht unter erschwerten „Abstandsregeln“ (BWHF), einen Begriff zu designen, der die Tarnung weitgehend ausgehebelter Grundrechte mit einem Versprechen freundlicher Strenge verbindet. Dabei mussten die Sinndesigner der BWHF diesmal nicht einmal selbst zur Wortfeile greifen, und es war auch nicht notwendig, wie bei „Rettungsschirm“ und „Energiewende“, „Schuldenbremse“, „Wachstumspakt“ und „Stromautobahn“ mit der Terminus-Heißklebepistole Nomen zu kombinieren.

„Kontaktsperre“ fanden Mitarbeiter der BWHF vielmehr im BWHF-Archiv, wo das Substantiv seit Jahren abgelegt und bereits fast vollkommen vergessen war. Laut offizieller Definition war es ursprünglich – mutmaßlich noch im Kaiserreich vom damaligen BWHF-Vorläufer „Reichsamt für Worte und Benennungen“ (RWB - Forschungsbehörde) – für die Verwendung in gesellschaftlichen Randbereichen  entwickelt worden. „Kontaktsperre“ stand danach für eine „Unterbindung aller Kontakte bestimmter Häftlinge besonders mit der Außenwelt, solange von solchen Kontakten eine akute Gefahr ausgeht“ (Duden) – kurz entschlossen aber verzichtete die Chefetage der BWHF dennoch darauf, Änderungen an dem Nominalkompositum vorzunehmen.

Der neue Corona-Begriff habe zwar rechtlich keinerlei Grundlage, da die entsprechenden Gesetze erst noch verabschiedet werden müssten, doch erwecke er den zutreffenden Eindruck, dass er bindend für alle Bürger sei, weil die staatlichen Organe sich entschlossen hätten, ihr Handeln an Erfordernissen auszurichten, statt sich an Gesetze zu halten, hieß es dazu im politischen Berlin. Es gehe jetzt darum, die Bevölkerung auf harte Zeiten einzuschwören, sie zugleich aber nicht zu beunruhigen. Dies werde mit dem Substantivkompositum „auf hervorragende Weise erreicht“, lobt ein selbst häufig mit sprachlicher Spurenverwischung befasster Ministerialbeamter.

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Politplatschquatsch“.


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