19. März 2020

Gedanken zum Umgang mit Corona anlässlich eines Trauerfalls Das Leben und Sterben geht weiter, aber die Kirche stockt

Gottesdienste zu verbieten ist eine verheerende Botschaft

von Felix Honekamp

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Bildquelle: shutterstock In Zeiten von Corona auch eingeschränkt: Gottesdienste und Beerdigungen

Dieser Beitrag ist ein gesellschaftlicher und ein hochpersönlicher zugleich. Am Abend des vergangenen Freitags ist mein Vater von Gott dem Herrn nach Hause gerufen worden. Für uns kam sein Tod, nach einer vermeintlich kleinen Operation, überraschend. Nüchtern betrachtet ist aber natürlich für einen 83-Jährigen kein Krankenhausaufenthalt einfach Routine. Bei aller Trauer bin ich darum froh, ihn noch gesehen zu haben, eine Weile (in Unkenntnis dessen, was kommen würde) seine Hand gehalten zu haben, und dass ich meiner Mutter zur Seite stehen konnte.

Trauer, Freude und ein bisschen Stolz

Mein Vater ist ein großes Vorbild für mich: Ich kann tatsächlich ohne Übertreibung sagen, dass er sein Leben ganz auf seine Familie ausgerichtet hat. Als junger Mann habe ich das nie verstanden… warum hat er nicht mehr aus seinem Leben gemacht? Heute weiß ich: Er hat das Beste aus seinem Leben gemacht! Wäre es noch besser gegangen? Hätte er heiliger sein können? Wer von uns könnte das nicht, aber mit dem Blick eines heute fast 50-Jährigen schaue ich einerseits mit Trauer darauf, dass er nicht mehr unter uns ist, aber mit Freude und einem gewissen Stolz darauf, dass dieser Mann mein Vater war.

Er ist jetzt – das darf ich hoffen – bei unserem Vater im Himmel und wird vielleicht das Treiben „hier unten“ mit Verwunderung sehen. Trauer ist sicher keine Kategorie derjenigen, die Gott sehen, abgesehen vielleicht vom Bedauern, das eigene Leben nicht noch mehr an ihm ausgerichtet zu haben. Aber ob er vielleicht auch auf die aktuelle Welt mit Erstaunen schaut?

Corona-Zeiten

Die Begräbnisfeier wird nämlich zu Corona-Zeiten unter sehr anderen Bedingungen ablaufen, als er sich das gewünscht hätte. Mein Vater war kein Mann der großen Partys, aber für seine Beerdigung hatte er sich kein Fest „im engsten Kreis der Familie“ gewünscht. Er hatte viele Freunde (viele leben natürlich leider auch schon nicht mehr) und hatte sich gewünscht, dass die dann auch noch mal zu diesem Anlass zusammenkommen. Jetzt aber sind Begräbnisfeiern nur noch im kleinen Rahmen zulässig. Eine Eucharistiefeier kann gar nicht stattfinden.

Da gehen also demnächst Karten raus, auf denen so etwas stehen wird wie: „aus gegebenem Anlass muss die Trauerfeier im engsten Kreis der Familie stattfinden“. Wir gehen davon aus, dass jeder wissen wird, was gemeint ist (das Virus direkt anzusprechen erschien uns unpassend), aber wer weiß, was in ein paar Jahren Menschen denken werden, die die Traueranzeige noch mal sehen? Aus welchem Anlass? Was war denn da?

Trost und Rückhalt

Ein bisschen hoffe ich, dass man, wenn man es dann erklärt, feststellt, dass solche Vorsichtsmaßnahmen gänzlich unbegründet gewesen wären und auch dieses Virus uns am Ende nur ein bisschen aufgeschreckt hat. Und ich hoffe, dass in Zukunft manche Dinge auch anders gemacht werden können. Ich würde mir zum Beispiel wünschen, dass nicht pauschal alle Eucharistiefeiern abgesagt würden, sondern dass unter Einhaltung gewisser Hygienebestimmungen und bei ausreichender Aufklärung, worin die eigentlichen Gefahren liegen, jeder selbst entscheiden kann, ob er eine Messe besuchen möchte oder doch lieber nicht.

Ich verstehe die Sorge der Gemeinden, keinen Fehler machen, niemanden gefährden zu wollen. Und ich verstehe das Argument, dass man den Verzicht auf Eucharistiefeiern auch als Opfer sehen kann (wobei sich mir nicht erschließt, warum die Einschränkungen bis zum Karfreitag und nicht nur bis Palmsonntag oder wenigstens nur bis zum Gründonnerstag als Beginn der österlichen Liturgie befristet wurden). Trotzdem ist es doch gerade jetzt die Zeit, in der Menschen Trost und Rückhalt in Gott suchen können. Ich habe das nicht persönlich erlebt, aber ich höre immer wieder, wie in Kriegszeiten die Kirchen voll waren. Kürzlich hörte ich den Satz: „Not lehrt beten… aber keine Anbetung.“ Da mag was dran sein, aber wem ich das gemeinsame Gebet in der Kirche im Rahmen einer Messe verweigere, dem mache ich es noch schwerer, aus einem solchen Notgebet in eine Anbetung zu wachsen.

Eigenverantwortung und Vertrauen

Am Ende zeigen solche Verbote jeder Art von Gottesdienst nur, wie wenig Eigenverantwortung man den Menschen zutraut. Ein Priester, der sich anständig die Hände wäscht und desinfiziert, kann doch die Kommunion (von mir aus in die Hand) austeilen an diejenigen, die guten Gewissens und unter Kenntnisnahme der eingegangenen gesundheitlichen Gefahren eine heilige Messe aufsuchen. Vielleicht unterschätze ich die Virusgefahr, und ich will auch nicht blauäugig ein „Vertrau einfach auf Gott, er wird dich schon schützen“ propagieren; das wäre naiv und gefährlich, und ich bin sicher, dass Gott von uns auch Klugheit im Angesicht von Krankheiten und Gefahren erwartet.

Aber in Zeiten von Gefahr und Not ausgerechnet Gottesdienste zu verbieten, das ist eine verheerende Botschaft an die Gläubigen, und vor allem an die, die es noch werden könnten. Am Ende ist so ein Begräbnis eher etwas, das den Freunden und Verwandten dient, nicht dem Verstorbenen. Mein Vater wird es verstehen, er wird nicht traurig sein… aber viele andere Menschen schon; bei seinem Begräbnis und bei den vielen anderen Begräbnissen, die jetzt unter diesen Bedingungen stattfinden müssen. Und viele Menschen, die Trost und Hilfe in der Kirche suchen, fühlen sich im Zweifel alleingelassen.

Abschied

Mein Vater hätte gerne ein Begräbnis mit seinen Freunden und Verwandten am Grab gehabt. Und ich bin sicher, dass viele seiner Freunde gekommen wären. Ich bin auch sicher, dass einige, im Angesicht der Risiken, vielleicht unter Bedauern ferngeblieben wären. Ihnen aber die Entscheidung abzunehmen, ihnen zu sagen, ihr dürft euch nicht in dieser Art von eurem Freund verabschieden… ich kann mir nicht helfen, darin kann ich keine Weisheit und keinen Funken Gottvertrauen erkennen.

Wir werden uns nun in kleinem Rahmen von meinem Vater verabschieden. Wir werden das Beste daraus machen, wir werden uns an ihn erinnern, wir werden weinen, ich hoffe, wir werden auch ein bisschen lachen. Wir sind dankbar, dass wir ihn hatten, dankbar, dass er unser Leben bereichert hat. Ich bin dankbar, einen solchen Vater gehabt zu haben. Und ich hoffe, dass er mir im Himmel nicht übelnimmt, dass ich in diesem Beitrag zwei Themen auf diese Weise vermengt habe.

Auf Wiedersehen, Papa. Wir vermissen Dich!

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem „Papsttreuen Blog“.


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