26. Februar 2020

Umgang mit dem politischen Wahnsinn Raus hier! Immer wieder

Sobald die Ketzerjagd um sich greift, stirbt jeder Zusammenhalt

von Frank Jordan

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Bildquelle: shutterstock Kann helfen, mit der Gegenwart umzugehen: Freiwilliger Ausstieg

Mit Blick auf Europa, speziell auf Deutschland, kommt mir seit ein paar Monaten immer wieder die Szene aus einem Film über die Geschehnisse im Dritten Reich und die Judenverfolgung in den Sinn: Eine jüdische Familie blieb, bis es zu spät war, weil die Mutter einfach nicht glauben konnte, dass die Sache so durchgezogen würde. Sie sah, was auf den Straßen, in der Nachbarschaft und im Freundeskreis geschah – und trotzdem hielt sie an dem Glauben fest und an der schieren Vernunft, die da sagte, das sei alles ein böser Traum, eine von vorübergehendem Wahn geprägte Phase, aus der die Menschen erwachen und zur Normalität zurückkehren würden.

Es geht hier nicht um Judenverfolgung oder irgendwelche Vergleiche, sondern einzig um das Denken, das Handeln und die Motive dieser Frau. Und man stellt fest, dass man seit Jahren im genau gleichen Fahrwasser dümpelt. Dass man sich wie der Besucher eines grotesken Jahrmarkts vorkommt, auf dem alles an Absurdität, Abnormität und Abscheulichkeit zur Schau gestellt wird, was Mensch und Natur in schauderhaftester Missbildung aufzubieten haben. Und man weiß, dass man sofort panisch und irrsinnig würde, trüge man nicht das Wissen um Ausgänge in sich. Das Bewusstsein, dass das hier nicht das echte Leben sei, dass man hinaustreten könne in eine Wirklichkeit und Normalität außerhalb verunstalteter und niederster Denkmuster und Normen. Und dann stellt man fest: Das ist das „Normal“ der besten aller Zeiten. Das ist die Wirklichkeit der „aufgeklärten, offenen, toleranten Gesellschaft“. Eine andere gibt es nicht. Und trotzdem – trotzdem weigert sich der Verstand, es hinzunehmen, weil schlicht zu viel dagegen spricht. Aber man muss sich darauf einlassen. Muss sich fragen, wie es so weit kommen und wie man selber da reingeraten konnte. Ob und, wenn ja, wann man hätte merken sollen, dass da etwas gehörig schiefläuft. Die Antwort: Sehr früh.

Landauf, landab hieß und heißt es, die Zeit von Glaubens- und Religionskriegen sei vorbei. Wir hätten Aufklärung und Wissenschaft und hielten damit quasi das Handbuch für Frieden und Wohlstand in Händen. Besser: Die Politik halte es in Händen und würde es zu unser aller Bestem anwenden und umsetzen. Dass diese Wahrheit eine Scheinwahrheit, eine Bequemlichkeitswahrheit war und ist, sieht einer in dem Moment, in dem er einen ersten ernsthaften Blick auf den Klüngel wirft, der sich „Politik“ nennt. Geschenkt. Man nahm es hin. Ist halt so. Demokratie ist nicht perfekt und bloß im Vergleich zu anderen Politsystemen das höchste Gut. Damit muss man leben – so betete man sich vor.

Dann kam die Einführung des Euro – meiner Meinung nach ein entscheidender Punkt. Eine politische Kopfgeburt, die in der Theorie absurd und in der Realität ruinös ist. Der Euro sollte von Anfang an mehr sein als eine Währung, mehr als ein ökonomischer Faktor und ein Münz- und Geldsystem. Die EU erhob sich mit seiner Einführung wunschgemäß, aber durch nichts legitimiert von der dienenden Rolle der Vermittlerin zwischen Staaten zur herrschenden Gebieterin über Staaten. Der Euro war per Dekret Gegenstand quasireligiöser Machtsicherung und Verehrung. Und ohne dass man sich dessen bewusst war, hielt zusammen mit dem Euro eine Art Krieg rivalisierender Religionslosigkeit Einzug, der schließlich zum Vater alles Kommenden wurde.

Man sagt, sobald einmal der Vorgang der Ketzerjagd um sich greife, sterbe jeder Zusammenhalt. Und genau das geschah auf denkbar perfide Weise. Das, was bisher als innerster Kern dessen gegolten hatte, was Aufklärung und Wissenschaft sind – Kritik und Skeptizismus –‍, wurde wie in jedem religiösen Zwangs- und Gewaltsystem in sein Gegenteil verkehrt und zum Freiheits- und Friedensfeind erklärt. Von dem Moment an, als Begriffe wie „Euro-Skeptiker“, „EU-Kritiker“ und „Europa-Gegner“ zu gängigen Negativbezeichnungen für Fragesteller und Auskunftsforderer wurden, hätte klar sein sollen, wohin die Reise geht.

War es aber nicht. Weil man nicht glaubte, dass das ernst gemeint sein könne. Weil man glaubte, dass alles bloß PR sei. Polit-PR der üblichen, lügnerischen, korrupten Art. Und weil man sich sicher war, dass die Realität die falschen Lehrgebäude hinwegfegen und unter sich begraben, die Vernunft siegen und wieder Normalität einkehren würde. Es waren schlicht zu viele erfahrene, gute und kluge Menschen, die erkannten, was schieflief, und unermüdlich dagegen anschrieben und ‑redeten. Sie würden gewinnen und mit ihnen das alte „Milchbüchlein“ und die Akzeptanz ökonomischer Naturgesetze. Die Krise, die 2007 ihren spürbaren Anfang nahm, war vor diesem Hintergrund willkommen. Spätestens jetzt, jetzt würde auch der letzte minderbemittelte Dorfdepp sehen, dass Paradiese nicht durch fromme Wünsche und aufsässiges Fordern und Wohlstand für alle nicht durch Schulden, künstliche Tiefzinsen und Umverteilung von unten nach oben entstehen. Es kam anders: Sehen und Erkennen befanden sich zu sehr im Widerspruch mit den Interessen immer größerer Kreise. Was seither geschah, muss hier nicht detailliert aufgeschrieben werden.

Gesetzesumgehungen, Abkehr von erhaltenen Mandaten, Verfassungsbruch, währenddessen der politische inszenierte Glaubenskrieg seinen Fortgang nahm und sich fast täglich neue Handlungsorte und Scharmützel neben dem Schauplatz des Kerngeschehens eröffneten, von denen er sich nährte. Chancenungleichheit, Ergebnisungleichheit, Geschlechterungleichheit, Diskriminierung von Menschen, Minderheiten und ganzen Staaten und Kontinenten, Kampf gegen Spaltung, Hass, Hetze und die Gefahr von rechts kulminierten schließlich zum alles überlagernden, alles begründenden und totalen Kampf um das schiere Überleben des Planeten. Dass es bei alldem ausschließlich um den Erhalt beziehungsweise die Rettung des Finanz- und Währungssystems ging und geht und um die besten Plätze an den Quellen der jeweiligen Zwangsgeld-Druckerpresse, wollen oder können sich die meisten nicht vorstellen.

Und während der ganzen Zeit nahm die Ketzerjagd ihren Fortgang. Leute wurden nicht mehr für ihre Kenntnisse und Kompetenzen befördert, sondern für Haltung, Bekenntnis und Zungenfertigkeit. Inhalte wurden durch Jargon ersetzt. Im Politischen ebenso wie in den Medien. Anmaßung durchsetzt Regierungen, Parlamente und Kommissionen ebenso wie Redaktionsstuben und Universitäten. Und wer fortkommen will, setzt nicht mehr auf Leistung, sondern auf das fehlerfreie Nachbeten der orthodoxen politischen Doktrin. Gute Leute gaben auf oder traten gar nicht mehr an. Sie taugen nicht für dieses Spiel.

Und die Menschen? Die ganz normalen Menschen? Sie lassen sich in einer Mehrheit von den interessierten Parteien und via Medien und soziale Medien vor sich hertreiben. Von einem Empörungs-Kick zum nächsten scrollend, sitzen sie in Büros oder bei Caffè Latte, daddeln auf Displays oder schreien in den Reihen der Heil-Klima-Brigaden auf Demonstrationen, während ihnen bei helllichtem Tag und unter Applaus im Wochentakt ein weiterer befestigter Punkt ihrer Freiheit entrissen wird und sich der eiserne Ring der Konsequenzen unbarmherzig um sie herum zusammenzieht.

Und trotz alledem glaubt ein Teil des eigenen Gehirns oder der Seele weiter an ein mögliches Erwachen, an eine Rückkehr des guten alten Alltagsverstands. Und gleichzeitig weiß man, dass er schal geworden ist, dieser Glaube. Dass das einst echte Bekenntnis zu den „interessanten Zeiten, in denen wir leben“ zum hohlen Mantra schlecht kaschierter Mutlosigkeit geworden ist.

Ist man ehrlich, dann klingt es anders. Egal welchen Maßstab man anlegt: Europa ist pleite. Deutschland ist so gut wie erledigt. Die Schweiz, zeitgeistig 15 Jahre hinterher, tut – scheinbar vollkommen unbelastet vom soliden Hausverstand einer langgeschulten Demokratie und unter Führung einer politisch korrekten und kultivierten Staatskaste – alles, um endlich Parität in Sachen Selbstaufgabe und Souveränitätsverlust mit dem großen Nachbarn zu erreichen. Und unter allem drunter, wie ein unterirdischer Bach, fließt plätschernd eine Ahnung. Man sieht ihn nie, diesen Bach, aber er ist da, und die meisten können ihn hören. Zumindest fühlen. Man will das nicht, denn sein Rauschen spricht vom Gleiten, vom Sinken und vom Stürzen, das längst eine Realität ist. Ökonomisch, monetär, sozial und moralisch. Und man tanzt weiter wie verrückt auf dem Rand eines Vulkans und redet sich ein, wenn er ausbräche, würde es Gold regnen. Eine Welt, in der wir gut und gerne leben.

Vor einem Jahr, am Tag, als ich die erste Amsel singen hörte – gestern war es übrigens wieder so weit –‍, entschied ich, zum Arzt zu gehen. Wer mich kennt, weiß, dass ich solches erst kurz vor dem Exitus unternehme. Der Grund war eine alles um- und erfassende Müdigkeit. Ich schleppte mich durch die Tage und ebenso durch die Nächte, aus denen ich fix und fertig und nur mit Mühe wieder hervorkroch. Großes Blutbild: Werte „extraordinaires“ (außergewöhnlich, fabelhaft). Ratlosigkeit. Erst das Gespräch mit einem befreundeten Arzt brachte Klärung. Du musst mal abschalten, sagte er. Die Ohnmacht durch reale Möglichkeit des Tuns ersetzen. Körperliche Arbeit. Viel frische Luft. Keine Medien. Du bist nicht krank. Du stehst bloß am Anfang einer klassischen Erschöpfungsdepression. Und die Schmerzen in der Brust – das ist nicht die Lunge, das sind die Brustwirbel. Passt alles zusammen.

Ich hielt mich daran. Es funktionierte. Und ich halte mich auch heute noch daran. Steige regelmäßig aus aus dem Wahnsinn. Der groteske Jahrmarkt der Abscheulichkeiten hat sehr wohl Pforten, aber man muss sie finden und dann eigenhändig von außen verschließen und den Schlüssel loswerden.

Warum erzähle ich das? Nun – erstens ganz einfach, weil die Möglichkeit freiwilligen und temporären Ausstiegs jedem, dem es ähnlich ergeht, helfen kann, mit dem Gegenwärtigen umzugehen. Das Bild mag sich verdunkeln, aber die Ruhe macht die Atmosphäre klarer, die Umrisse schärfer. Zweitens deshalb, weil ich glaube, dass – ganz egal, wie es im Moment gerade um uns steht – jeder Kraft tanken sollte. So stark werden wie möglich, wo konzertiert und konzentriert von politischer und medialer Seite alles Denkbare getan wird, um genau das Gegenteil zu erreichen – uns wirtschaftlich, geistig, körperlich und seelisch zu entwaffnen und mutlos zu machen.

Es ist an jedem Einzelnen, zu entscheiden, ob er ein Getriebener und Sklave der Menschen- und Planetklempner sein oder bleiben will. Wissen sollte man: Eine Heckjagd ist eine lange Jagd. Auch eine psychologische. Gewinnen tut sie der, der den längeren Atem hat und den besseren Rauchschutz in der Nacht. Persönlich habe ich vor, mich heute darum zu kümmern, mir beides zu sichern. Zusammengeschweißt mit anderen, Gefährten, Familie, Freunden, Nachbarn, denen es ähnlich ergeht und die sich nicht packen lassen wollen von einer staatlichen Propaganda- und Zwangsmaschine, in deren Kiefer alles zu Brei zermalmt wird, was einzig in Ruhe zu leben wünscht.

Auf die Freiheit.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


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