19. Februar 2020

Verzicht von Reinhard Marx auf das Amt des Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz und Reformen in der katholischen Kirche Der „synodale Weg“ ist ein Irrweg

Die „sexuelle Revolution“ machte vor den Türen der Priesterseminare nicht halt

von Phil Mehrens

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Bildquelle: Georg Walser/Wikimedia Commons Keine zweite Amtszeit als Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz: Kardinal Reinhard Marx

Mitte vergangener Woche wurde bekannt, dass Reinhard Marx, der liberale Erzbischof von München und Freising, seit 2014 Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz, sich im März nicht zur Wiederwahl stellen wird. Der reformorientierte Theologe war Wegbereiter einer Loslösung katholischer Lehrinhalte von den für die Glaubenslehre konstitutiven Fundamenten der kirchlichen und biblischen Tradition zugunsten einer sogenannten gegenwärtigen „Lebenswirklichkeit der Menschen“. Man könnte diesen Prozess auch eine Demokratisierung des kirchlichen Lebens nennen. Für Demokratie gibt es in der katholischen Kirche jedoch wenig Spielraum, weil das Numen (das Göttliche) sich menschlichem Willen nicht unterwirft, sondern will, dass der menschliche Wille sich ihm unterwirft. Anders gesagt: Nicht das Volk ist Souverän der Kirche, sondern Gott. Sinnfällig veranschaulicht dies die Geschichte vom goldenen Kalb (Exodus 32). Sie erzählt von dem mit demokratischen Mitteln herbeigeführten Versuch der Emanzipation des Volkes Israel von dem Gott, der zeitgleich auf dem Horeb Mose sein Gesetz übergibt. Das Stierbild ist Menschenwerk, in Moses Steintafeln dagegen hat sich Gott offenbart.

Kardinal Marx hat sich in Rom nicht nur Freunde gemacht. Der „synodale Weg“ wurde kritisiert, weil er Tendenzen erkennen lässt, das Prinzip der Souveränität Gottes und seines obersten irdischen Repräsentanten (der Kurie) durch das der Volkssouveränität zu ersetzen. Die Themen des „synodalen Wegs“ beträfen nicht nur die Kirche in Deutschland, sondern die Weltkirche, hieß es in einem Gutachten des Päpstlichen Rats für die Gesetzestexte, und könnten mithin „nicht Gegenstand von Beschlüssen und Entscheidungen einer Teilkirche sein, ohne gegen die Einschätzung des Heiligen Vaters zu verstoßen“. Und der sperrt sich: Letzte Woche kam die Absage von Papst Franziskus an zentrale Forderungen des „synodalen Wegs“.

Ausgangspunkt des „synodalen Wegs“ war laut seinen Befürwortern die Klage über „die vielen bekannten und unbekannten Fälle von Missbrauch und Verletzungen jeglicher Art in der römisch-katholischen Kirche, deren Vertuschung und Verdunkelung durch Amtsträger, das Fehlen glaubhafter Entschuldigungen und echter Hilfe für alle, denen Gewalt angetan wurde“. Diese Kritik ist berechtigt. Verstörend unlogisch ist aber die Schlussfolgerung, „dass deshalb viele Menschen der Kirche die Botschaft nicht mehr glauben“. Als Mose vom Horeb hinabstieg, galt seine Empörung selbstverständlich nicht Gott und seiner Botschaft, sondern den Israeliten, die sich von ihrer Selbstgerechtigkeit zum Bösen hatten verleiten lassen. Entsprechend berechtigt ist die Empörung über fehlgeleitete Priester. Völlig zu Recht fordern die Initiatoren des „synodalen Wegs“ eine kompromisslose Kooperation des Klerus mit den (weltlichen) Strafverfolgungsbehörden und die Entfernung der Täter aus ihren Ämtern. Statt aber in einem zweiten Schritt konsequent nach Ursachen für die Übertretungen dessen zu suchen, was die christliche Ethik Menschen in Hirtenämtern vorschreibt (siehe 1. Timotheus 3), verorten die Initiatoren des „synodalen Wegs“, allen voran die Feministinnen von „Maria 2.0“, die Hauptschuld pauschal bei „männerbündischen Machtstrukturen“ in ihrer Kirche. Doch erstens sind Strukturen nicht per se böse. Zweitens erklärt diese Schuldzuweisung nicht die parallel aufgetretenen Missbrauchsfälle im säkularen Bereich. Wer das Übel bei der Wurzel packen will, muss klären, warum sich katholische Würdenträger für das Böse entschieden, obwohl sie doch als Geistliche um das Gute wissen mussten. Warum sind sie den gleichen sexuellen Versuchungen erlegen wie diejenigen, die den Weg des Glaubens a priori für sich ausschließen? Das Matthäus-Evangelium schildert ausführlich die Versuchung Christi durch den Teufel und führt beispielhaft vor, wie Christen dem Bösen begegnen sollen: Dreimal verweist der Versuchte darauf, was in den „heiligen Schriften“ steht (Matthäus 4), und überwindet so den Versucher. Viele Geistliche aber verweigern sich diesem Weg, weil die Heilige Schrift in ihren Augen keine Grundlage für eine universelle Ethik mehr ist. Diesen Missstand hat Papst Benedikt XVI. im letzten Jahr schonungslos aufgedeckt und damit den Reformkräften in seiner Kirche die Fahndungsarbeit abgenommen.

In den 60er Jahren habe sich bei vielen Theologen die These durchgesetzt, „dass Moral allein von den Zwecken des menschlichen Handelns her zu bestimmen sei“, bilanziert Benedikt in einer 2019 unter dem Titel „Zurück zu Gott!“ erschienenen Denkschrift. Unverhohlen schwadronieren noch heute liberale Theologen wie etwa der Freiburger Magnus Striet von einer „autonomen Moral“. Sie wollen den Glauben an den Allerhöchsten und seine Offenbarung in den Schrumpfmodus eines polyreligiösen Ethikunterrichts überführen, der mit Gott genauso gut funktioniert wie ohne. Früher nannte man so etwas eine Irrlehre. Parallel zur Relativierung des biblisch fundierten Ethos vollzog sich in den späten Sechzigern die „sexuelle Revolution“, in deren Zuge Pornographie, Promiskuität und sogar „Pädophilie als erlaubt und als angemessen diagnostiziert“ wurden, schreibt der Papst außer Dienst als Zeitzeuge der damaligen Umwälzungen in „Zurück zu Gott!“. Dass diese vor den Türen der universitären Theologieseminare nicht haltmachten, versteht sich von selbst. Benedikts Schlussfolgerung, dass der Autoritätsverlust der Heiligen Schrift menschliches Versagen begünstigte, ist schwer zu widerlegen. Sein Erklärungsversuch zur Missbrauchskrise ist in zweierlei Hinsicht stichhaltig. Erstens erklärt er, wie es zu den ungeheuerlichen Vergehen überhaupt kommen konnte: weil nicht mehr der Glaube an den einen Gott das Handeln des Menschen bestimmt, sondern ein strapazierfähiges autonomes Sittengesetz, das die biblische Erzählung vom goldenen Kalb symbolisch antizipiert hat. Zweitens stellt er die offensichtliche Verbindung zwischen säkularem und kirchlichem Missbrauch her: Die enthemmte Sexualität in linken Kommunen, die sogenannten „Kinderläden“ als Brutstätten für Pädophilie einschließlich der von Daniel Cohn-Bendit und Volker Beck zugegebenen Entartungen, der sexuelle Missbrauch bei den Grün-Alternativen im Kreuzberger Falckenstein-Keller und an der reformpädagogisch orientierten Odenwaldschule koinzidieren mit dem Siegeszug des Relativismus in der universitären Lehre und einer sexuellen Enttabuisierung, die es, wie Benedikt berichtet, sogar möglich machte, dass sich in Priesterseminaren „homosexuelle Clubs“ bildeten und Pornofilme vorgeführt wurden. Was schon damals zeitgeistkonform als „Weltoffenheit“ deklariert wurde, bereitete sexueller Übergriffigkeit den Weg.

Bei der Aufarbeitung der Missbrauchsfälle wurde auf eine Zuordnung der nachgewiesenen Fallzahlen zu Jahreszahlen verzichtet. Sollte das die zu erwartende Zunahme des Missbrauchs nach 1968 kaschieren und unliebsame Rückschlüsse verhindern? Hier müsste der „synodale Weg“ ansetzen. Tut er aber nicht. Er verharrt auf der Oberfläche kirchlicher Klientelpolitik und setzt sich mit seinen weiteren Forderungen, die mit dem Ausgangsproblem des sexuellen Missbrauchs durch kirchliche Würdenträger überhaupt nichts mehr zu tun haben, dem Verdacht aus, die Missbrauchskrise selbst zu missbrauchen: als opportunes Vehikel für Veränderungen, die sich per Trittbrettfahrereffekt im Rahmen der Aufarbeitung des Kirchenskandals leichter durchsetzen lassen. Motivation ist dabei eine stärkere Orientierung nicht an der Heiligen Schrift, wie sie Benedikt fordert, sondern am altbekannten Wunschzettel linker, feministischer Zirkel. Im Klartext reden wir hier von der Priesterweihe von Frauen, der Aufhebung des Pflichtzölibats und der „Homo-Ehe“. Nichts davon steht in einem Sachzusammenhang mit dem, was vermeintlich der Auslöser für den „synodalen Weg“ war, im Gegenteil: Zwei Drittel der dokumentierten Missbrauchsfälle waren homosexuelle Handlungen. Da wirkt das Absegnen gelebter Homosexualität so, als wollte man Alkoholiker in Schnapsbrennereien therapieren.


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