14. Februar 2020

Richard Sennetts „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens“ und seine Aktualität Zivilisation – Ein neues Konzept

Die Zukunft gehört nicht den rosa Elefanten

von Burkhard Voß

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Bildquelle: shutterstock Führen nicht in die Zukunft: Rosa Elefanten

Mitte der 1970er Jahre erschien das Buch „Verfall und Ende des öffentlichen Lebens“ des amerikanischen Soziologen Richard Sennett, Untertitel: „Die Tyrannei der Intimität“. Darin beklagt der Autor unter anderem, dass der moderne Mensch der westlichen Welt überwiegend mit sich selbst beschäftigt sei. Er sieht Parallelen zur römischen Geschichte ab Kaiser Augustus. Angesichts dessen ist man fast bei dem Sozialstaat, den der ehemalige Bundesaußenminister und FDP-Politiker Guido Westerwelle als „spätrömisch dekadent“ bezeichnet hat. Allzu große Differenzen zwischen dem kapitalismuskritischen Soziologen und dem liberalen Politiker liegen in der kulturhistorischen Betrachtung offensichtlich nicht vor.

Sich selbst kennenzulernen, dient nicht mehr dazu, ein Mittel zu sein, um die Welt zu verstehen, sondern ist zu einem Selbstzweck geworden. Sennett kritisiert die Durchpsychologisierung der Gesellschaft, der zufolge es nicht mehr darauf ankomme, was man tut, sondern darauf, wie man sich dabei fühlt oder was das gerade „mit einem macht“. Gepaart wird dies mit der säkularen Erwartung, dass alles wichtig sei, weil es wichtig sein könnte.

Spätestens ab diesem Punkt wird es kompliziert, denn wenn alles wichtig ist, gibt es keine Trennung mehr von Unwichtigem. Doch Sennett will schon vorher eine Neuorientierung, haut das narzisstische Selbst vom Sockel und entwirft ein neues Zivilisationskonzept. Als zivil gilt nun, die Mitmenschen mit dem eigenen Selbst und seinen Problemen zu verschonen. Denn immer zahlreicher wird die Zahl von Gruppen in der Gesellschaft, die lauthals schreiend auf ihre Benachteiligungen aufmerksam machen. So gut wie nie wird mal die Frage gestellt: Wer kümmert sich eigentlich um die, die es nicht mehr hören können?

Eben dieses neue, radikale, aber nachdenkenswerte Konzept. Gemessen daran befinden wir uns im Moment im Zustand der tiefsten Barbarei, wo jeder Tiffeltöffelkram zur traumatischen Erfahrung stilisiert wird. Bei der es nicht mehr auf das Handeln ankommt, sondern darauf, was man dabei spürt. Wo Supervisionen und Meetings sich die Hand reichen. Sennetts Zivilisationskonzept steht unserer therapie- und kommunikationssüchtigen Gesellschaft derart diametral gegenüber wie etwa der pragmatische Altkanzler dem Paradiesvogel Nina Hagen. Und es sind gewiss paradiesische Zeiten für Therapeuten, Coaches, Berater und deren „Literatur“. So stieg der Anteil an Selbsthilfeliteratur im Ratgeberbereich in den USA zwischen 1972 und 2000 von 22 auf 50 Prozent. Die Entwicklung in Deutschland dürfte nicht viel anders sein. Die entsprechenden Lösungsvorschläge sind genau auf die Lebenswirklichkeit zugeschnitten und sofort umsetzbar – sich spüren, tiefer wahrnehmen, achtsam und fürsorglich mit sich umgehen, die Wohnung nach Feng Shui einrichten, sich einen Hund kaufen, diesen zur Arbeit mitnehmen, damit ein harmonisches Betriebsklima entsteht, streng auf die Einhaltung der Arbeitszeit achten, keine Überstunden mehr machen, sich alle 20 Minuten fragen, ob einem dieser Mitarbeiter oder jene Arbeit auch wirklich guttut, über den Betriebsrat eine Antistressverordnung einbringen, Handy ausschalten und sich selbst energetisch aufladen, neben der Work-Life-Balance auch die spirituelle Balance finden – und schon lässt sich so richtig schön Karriere machen. Und das Wichtigste nicht vergessen: Immer schön kommunizieren und verbalisieren. Alles ist gleich wichtig, und einfache Lösungen stehen unter Generalverdacht. Schließlich ist der Mensch hochkomplex. Von seiner Psyche ganz zu schweigen. Oder doch nicht?

Das Beispiel der ganz einfachen Vereitelungsmöglichkeit von Frühberentung von Lehrern weckt Zweifel an diesem psychologischen Mythos. Bis 2003 stand der Anteil der Lehrer, die das vorgesehene Alter für den Ruhestand erreichten, nur noch bei knapp zehn Prozent. Das vorzeitige Ausscheiden geschah meist wegen einer psychischen „Erkrankung“ im Sinne von Burnout. Aus zehn Prozent wurden aktuell 65 Prozent. Nicht durch Coachen, nicht durch Supervision, nicht durch Psychotherapie, sondern sehr wahrscheinlich alleine dadurch, dass die Versorgungsabschläge bei frühzeitiger Pensionierung höher gesetzt wurden. Man kann es auch die „Brutalität des Faktischen“ nennen. Wäre das Sennettsche Zivilisationskonzept in unserer Kultur fest verankert, gäbe es weder Frühpensionierung noch Burnout oder andere Luftnummern der Befindlichkeitsstörung, die es immer leichter haben, wie selbstverständlich in psychiatrische Klassifikationssysteme hineinzuschlüpfen. Mit Potenzierungspotential. Natürlich ermöglicht Psychotherapie, den einen oder anderen wieder in die Arbeit zu bringen. Aber andererseits ist der sekundäre Krankheitsgewinn (krankgeschrieben und nicht mehr arbeiten zu müssen) für viele so verlockend, dass auch empathisch-kommunikative Hochartistik diese Individuen nicht erreichen wird.

Die Worte Sigmund Freuds in „Die Zukunft einer Illusion“ waren eindeutig: „denn die Massen sind träge und einsichtslos, sie lieben den Triebverzicht nicht, sind durch Argumente nicht von dessen Unvermeidlichkeit zu überzeugen, und ihre Individuen bestärken einander im Gewährenlassen ihrer Zügellosigkeit“.

Da wir offensichtlich Zeiten des Mangels zu erwarten haben, wird Sennetts Zivilisationskonzept immer wahrscheinlicher. Natürlich werden jetzt die Achtsamkeitsaspiranten aufschreien und eine drastische Zunahme der psychosomatischen Krankheiten beklagen. Doch auch für die Achtsamkeit gilt, was für alle verherrlichten Ideen gilt, die zu einer bestimmten Zeit in einer bestimmten Gesellschaft zu einem schillernden rosa Elefanten aufgeblasen werden. Man kann nicht skeptisch genug sein. So haben zahlreiche Studien gezeigt, dass gerade ein nichtachtsamer Umgang bei der Genesung hilfreich ist. Israelische Kardiologen teilten Patienten nach Herzinfarkten in zwei Gruppen ein: In der einen machten die Patienten weiter wie bisher. In der anderen hielten sie sich peinlich genau an die therapeutischen Empfehlungen, hörten dauernd in sich hinein und beobachteten achtsam ihren eigenen Zustand. Das Ergebnis war, dass die Nicht-Achtsamen länger lebten.

So ist das nun mal mit rosa Elefanten: Ihre Häufigkeit und der Glaube an sie werden alleine dadurch entschieden, ob sich eine Gesellschaft dies erlauben kann. Die Zukunft gehört aber nicht den rosa Elefanten. Dafür rückt Sennetts Zivilisationskonzept allmählich näher.

Dies ist ein Auszug aus dem Buch des Autors „Deutschland auf dem Weg in die Anstalt“ (2015).


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