09. Februar 2020

Parallelen zwischen psychischer Erkrankung und philosophischer Strömung Das Schizophrene der Postmoderne

Die Auflösungsprozesse sind nahezu deckungsgleich

von Burkhard Voß

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Auflösung der Ich-Grenzen: Schizophrenie

Stavros Mentzos, der ehemalige (1971-1995) Leiter der Abteilung für Psychotherapie und Psychosomatik der Universitätsklinik Frankfurt am Main, beschrieb 2002 in seinem Aufsatz „Die bemerkenswerte Korrespondenz zwischen der Selbstfragmentierung in der Psychose und der Dezentrierung und Inkonsistenz in der Postmoderne“ die auffallenden Ähnlichkeiten zwischen einer Schizophrenie und der postmodernen Philosophie. Die Auflösungsprozesse der Persönlichkeit in der Schizophrenie und der Kultur in der Postmoderne sind in der Tat nahezu deckungsgleich. Doch zunächst einmal – worum handelt es sich eigentlich bei der Krankheit Schizophrenie? Ganz sicher nicht um eine Krankheitserfindung, wie dies Thomas Szasz in seinem Buch „Schizophrenie – das heilige Symbol der Psychiatrie“ 1968 beschrieben hat, wo Schizophrenie ein gesellschaftliches Konstrukt ist, um unangenehme Individuen zu diskriminieren und wegzusperren. Vielmehr handelt es sich um eine Erkrankung, von der circa ein Prozent der Weltbevölkerung betroffen ist. Übrigens ziemlich unabhängig vom kulturellen Kontext oder politischen System. Familien‑, Zwillings- und Adoptionsstudien belegen in eindrucksvoller Weise, dass diese Erkrankung zu einem wesentlichen Anteil genetisch determiniert ist. Bei der Manifestation dieser Erkrankung dürfen jedoch psychologische Faktoren nicht unberücksichtigt bleiben. Dies beinhaltet das Stress-Vulnerabilitäts-Konzept. Man geht davon aus, dass die genetisch bedingte Vulnerabilität durch Stressfaktoren in den zwischenmenschlichen Beziehungen zum Auftreten der Erkrankung führt. Dass getrennt aufgewachsene, eineiige Zwillinge ebenso häufig (circa 60 Prozent) an Schizophrenie erkranken wie zusammen aufgewachsene eineiige Zwillinge, ist eines der wichtigsten Argumente der genetischen Ursache. Ein einzelnes Gen ist nicht die Ursache für die Erkrankung, es sind jedoch mehrere Risikogene bekannt.

In der Psychopathologie des schizophrenen Menschen geht es immer um das Ich beziehungsweise Selbst, also um den Kern der Persönlichkeit, „das Kostbarste, was ich habe“ (Originalzitat einer Patientin). Dieses Ich fühlt sich zusehends bedroht und ist zunehmend weniger in der Lage, Wichtiges von Unwichtigem zu unterscheiden beziehungsweise zu filtern. Alles hat eine erhöhte Bedeutung und wird mit gespannter Aufmerksamkeit betrachtet – wie in der hysterisierten Mediengesellschaft der Postmoderne. In einem weiteren Stadium der Erkrankung kommt es zum Spüren der Ich-Demarkation, die Ich-Grenzen lösen sich zusehends auf, und das konsistente Selbst wird fragmentiert. Gewissheiten über sich und die Welt erscheinen dem Patienten fragwürdiger, auch offensichtliche Wahrheiten und Objektivitäten sind im Schwinden begriffen – wie bei den Philosophen der Postmoderne, die selbst physikalische Realitäten vom gesellschaftlichen Diskurs abhängig machen wollen. Auf dem Höhepunkt eines schizophrenen Schubes zeigt sich ein unkorrigierbarer Wahn, wie Gender-Mainstreaming, die fixe Idee der postmodern Verwirrten, dass es ein biologisches Geschlecht gar nicht gebe.

Die Auflösungsprozesse innerhalb der schizophrenen Psychose und innerhalb der postmodernen Gesellschaft sind nicht nur nahezu deckungsgleich, sondern sie haben auch die gleichen schwerwiegenden Folgen – logischerweise erhöhte Irritabilität und mangelnde Belastbarkeit.

Pluralisierung des Handelns, Pluralisierung von Orientierungen, Überwindung von Identitätszwängen, alltägliche Identitätsarbeit, Entgrenzung individueller und kollektiver Lebensmuster, endlose Suche nach Identität, virtuelle Welten, plötzlich der Glaube, die Realität bestehe nicht unabhängig vom Beobachter – was bleibt da noch übrig als die Konstruktion einer Privatwirklichkeit, auch Wahn genannt, um nicht den Überblick zu verlieren. Wie in der schizophrenen Psychose.

Dies ist ein Auszug aus dem Buch des Autors „Deutschland auf dem Weg in die Anstalt“ (2015).


Artikel bewerten

Artikel teilen

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Gesundheit

Mehr von Burkhard Voß

Autor

Burkhard Voß

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige