10. Januar 2020

Antwort auf Stefan Blankertz Es genügt nicht, den Markt zu beschwören

Fortsetzung einer Diskussion

von Bernard Udau

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Bildquelle: shutterstock Kann in der realen Welt zu Unfreiheiten führen: Freier Personen- und Kapitalverkehr

Denken wir einmal ein wenig über Freiwilligkeit nach. Die Vereinigten Staaten unterhalten derzeit geschätzt 750 Militärbasen im Ausland, wobei sie im Ernstfall noch auf weitere Basen zurückgreifen können. Diese Basen stehen in circa 40 verschiedenen Ländern. Genaue Zahlen kann ich nicht angeben, da in diesem Bereich natürlich einiges der Geheimhaltung unterliegt.

Wie würde die Welt ohne diese Militärbasen aussehen? Gäbe es die Globalisierung? Gäbe es weltweiten Freihandel? Diese Fragen kann und will ich hier nicht beantworten. Auch nicht die, wie es um den Wohlstand (oder die Existenz) von freiheitlichen Inseln wie Singapur, Monaco und Liechtenstein bestellt wäre, wenn die USA den Frieden und den sogenannten Freihandel nicht weltweit, naja, sagen wir: „stützen“ würden.

Was ich mit diesen Fragen andeuten möchte, ist, dass wir im real existierenden Kapitalismus leben, nicht in einer Traumwelt. Was auf unseren Märkten freiwillig ist und was mit militärischen Mitteln erzwungen wurde, ist nicht leicht zu unterscheiden. Es kann zumindest bezweifelt werden, dass die Iraker ihr Öl dem Weltmarkt freiwillig zur Verfügung stellen, genauso wie bezweifelt werden kann, dass sich die Chinesen im 19. Jahrhundert freiwillig dem Opiumhandel geöffnet haben. Das Fass, inwiefern eigentlich Deutschland freiwillig am Welthandel teilnimmt, möchte ich gar nicht erst aufmachen.

Nun ist mir natürlich vollkommen klar, dass man für diese Phänomene nicht „den Markt“ verantwortlich machen kann. Stefan Blankertz wirft mir in seiner Replik auf meinen Artikel vor, ich hätte „Einwände gegen den Markt“ vorgebracht oder mich sogar gegen die These gewandt, „dass Freiwilligkeit besser sei als die Knute der (Staats‑) Gewalt“. Ich muss gestehen: Selbst nach mehrmaligem selbstkritischen Durchlesen meines Artikels weiß ich nicht, wovon Blankertz spricht. Ich beschrieb eine Welt, die von Geldsozialismus, Subventionen und Sozialstaat geprägt ist, eine Welt also, die von „marktfremden Einrichtungen“, wie ich das ausdrückte, nur so wimmelt. Die einzige Stelle, die man mit bösem Willen als nicht staatskritisch bezeichnen kann, ist meine zarte Werbung für den Ordoliberalismus, der ja dem Staat eine wichtige Rolle zuweist. Allerdings warb ich für den Ordoliberalismus nicht wegen seiner Staatsnähe, sondern weil er die richtigen Fragen stellt.

In meinem Artikel ging es darum, Libertäre auf den Charakter des real existierenden Kapitalismus aufmerksam zu machen und auf die Schwierigkeiten hinzuweisen, die damit verbunden sind. Möchte Blankertz leugnen, dass die Öffnung eines Landes für den freien Kapitalverkehr auch problematische Aspekte hat, solange wir in einer Welt leben, in der der Preis für Kapital von staatlichen oder halbstaatlichen Zentralbanken festgelegt wird? Über dieses Problem darf ich doch gerade auch als Libertärer nicht einfach unbekümmert hinweggehen.

Genau das tut Blankertz jedoch, und zwar auf eine fast schon naive Weise. Er antwortet mir im Grunde genommen nämlich nur eines: Der Staat ist schuld, nicht der Markt. Gut, mag sein, geschenkt. Aber auch, wenn der Staat an allem schuld ist, muss ich mir doch überlegen, wie ich an einer Verbesserung der Situation, also an einer Wiedererstarkung des Marktes arbeite. Um im Jargon von Blankertz zu reden: Wenn ich den Raum, in dem sich freiwilliges Handeln entfalten kann, ausdehnen möchte, dann sollte ich darauf achten, dass die Schritte, die ich empfehle, den Raum für freiwilliges Handeln nicht an anderer Stelle wieder verkleinern. Wenn ich also zum Beispiel für Deutschland die Ausdehnung des freien internationalen Personen- und Kapitalverkehrs empfehle, dann vergrößert das natürlich den Bereich und die Anzahl freiwilliger Interaktionen. Einerseits! Andererseits sorgt es in der Welt, wie sie nun einmal existiert, aber auch für eine Vergrößerung der Anzahl erzwungener Interaktionen, da nämlich der deutsche Sozialstaat wachsen und der zentralbankgesteuerte Geldsozialismus sein Einflussgebiet in Deutschland ausdehnen wird.

Es mag gerne sein, dass daran der Staat schuld ist, es mag auch gerne sein, dass man den Markt als Idee dafür nicht verantwortlich machen kann. Trotzdem muss ich als Libertärer vorsichtig sein, wenn ich konkrete Marktlösungen empfehle. Diese sollten nämlich bestens durchdacht sein, sollten insbesondere die vielen Rückkopplungen und nicht beabsichtigten Folgen berücksichtigen, mit denen man in unserer von Interventionen überzogenen Gesellschaft rechnen muss. Ansonsten besteht die Gefahr, dass diese Marktlösungen nach hinten losgehen. Dass Libertäre das genügend beachten, habe ich in meinem Artikel bezweifelt, und die Replik von Stefan Blankertz hat mich in diesem Zweifel leider noch bestärkt.

Bernard Udau: „Es kann auch antifreiheitlich sein, dem Markt zu vertrauen“

Stefan Blankertz: „Markt ist Raum für soziale Kreativität“


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