07. Januar 2020

Replik auf Bernard Udau Markt ist Raum für soziale Kreativität

Freiwilligkeit statt Staatsgewalt

von Stefan Blankertz

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Bildquelle: shutterstock Raum für soziale Kreativität: Markt

Wenn ich Gemüse „auf dem Markt“ einkaufe, ist es offensichtlich wenig sinnvoll, davon zu sprechen, „der Markt“ habe das Gemüse hergestellt und mir bereitgestellt. Vielmehr hat es der Bauer kultiviert und entweder selber oder mittels eines Händlers „zu Markte getragen“, wo ich es erworben habe. Der Vorgang ist zunächst einmal völlig freiwillig und bedarf keiner weiteren Bedingung als der Freiwilligkeit. Der Vorgang war völlig freiwillig, bis Staatsbeamte meinten, in das Marktgeschehen – das heißt: in die freiwillige Interaktion – eingreifen zu sollen, zu dürfen, zu müssen. Steuern einzutreiben (mit ausgedrucktem Bon natürlich) und Regeln zu setzen, sind die Tätigkeiten der Staatsgewalt, die dem Ziel dienen, dem eigenen Personal oder den Günstlingen Vorteile auf Kosten der Produktiven zu verschaffen.

Zugegeben, auch viele Verteidiger des Marktes sprechen bisweilen davon, der Markt „regele etwas zum Vorteil aller“, „löse Probleme“ oder „stelle Leistungen zur Verfügung“. Die Gegner machen daraus schnell, hier werde „der Markt angebetet“ und es werde „auf den Markt vertraut“. In Wahrheit produziert der Markt nichts, stellt nichts zur Verfügung und löst gar keine Probleme. Vielmehr bietet er den Raum, in dem die auf freiwilligem Handeln, auf freiwilliger Kooperation, auf freiwilliger Interaktion basierende soziale Kreativität sich entfalten kann.

Die libertäre (liberale, anarchistische) Vorstellung lautet: Je mehr Raum es für die Freiwilligkeit gibt, desto besser können die Menschen für sich und für andere sorgen. Das Gegenbild wäre ein Handeln, das unter der Direktion der Staatsgewalt steht.

Bernard Udau beginnt seine Einwände gegen den Markt damit, zuzugestehen, dass er die effizientere Methode gegenüber der staatlichen Planwirtschaft sei, Wohlstand zu generieren. Die paradoxe Folge des marktwirtschaftlich geschaffenen Wohlstands sei jedoch, dass Staaten, die weite Bereiche für freiwilliges Handeln einräumen, reicher seien und dann mehr Ressourcen für Krieg und Imperialismus hätten als weniger liberale, ärmere Staaten. Er führt die Beispiele Großbritannien und USA an. Systematisch ist vor allem anzumerken, dass er auf den Staat verweist, als sei er ein unvermeidliches Naturereignis und notwendiger Bestandteil des marktwirtschaftlichen Geschehens, nicht dessen Antagonist. Aber diese Anmerkung beiseite: Sollen wir aus Bernard Udaus Argument schließen, dass es besser wäre, die Bevölkerung via Planwirtschaft arm zu halten, auf dass der Staat keine Ressourcen für das Führen von Kriegen habe? Allerdings führten und führen auch weniger liberale, weniger marktwirtschaftliche Nationen Krieg und betätigten sich imperialistisch; als Beispiel sei auf die glücklicherweise zusammengebrochene UdSSR verwiesen.

An dem komplexen Thema der englischen Geldpolitik im 19. Jahrhundert zeigt Bernard Udau seine Befürchtung auf, dass marktwirtschaftliche Lösungen möglicherweise auch negative Konsequenzen haben könnten. Das Beispiel bezieht sich auf eine bestimmte geldtheoretische Schulrichtung, die, weil sie für den Goldstandard eintrat, liberale und libertäre Sympathien zu verdienen scheint. Ihre realpolitischen Vorstellungen allerdings beinhalteten einige Fehler (die Ludwig von Mises aufzeigte), so dass die von ihnen inspirierten gesetzlichen Maßnahmen nach hinten losgingen und letztlich zur Aufgabe des Goldstandards führten.

Das Problem ist in diesem Fall nicht, dass den damaligen Ökonomen Fehler unterlaufen sind (der Mensch ist eben fehlbar, und so sind es seine Theorien), sondern dass ihre Ideen eben nicht auf dem Markt, sondern durch den Staat umgesetzt wurden. Wenn eine Idee auf dem Markt sich als fehlerhaft erweist, müssen ihre Verfechter sie modifizieren oder die fehlerhafte, nicht praxistaugliche Idee wird von anderen Ideen abgelöst. Im Kontext der Staatsgewalt können Ideen mit negativer Wirkung lange, sehr lange durch Zwang aufrechterhalten werden, wenn es Profiteure gibt, die eine Veränderung nicht zulassen wollen. Auf dem Markt ist kein Mensch gezwungen, den Ideen von anderen zu folgen, die ihn nicht überzeugen.

Dass (scheinbar) „marktwirtschaftliche“ Lösungen ins Gegenteil umschlagen können, wenn sie im Rahmen der Staatsgewalt umgesetzt werden, hätte Bernard Udau auch an viel einfacheren und aktuelleren Beispielen demonstrieren können, so zum Beispiel an einigen Privatisierungen in den 1980er Jahren. Doch sie stellen kein Argument gegen den Markt dar, sondern gegen den Staat.

Ganz besonders wenig treffsicher ist Bernard Udaus Beispiel von Konzernen wie Amazon, die jede Menge an staatlichen Subventionen erhalten würden. Zugegeben, „Objektivisten“ (die Anhänger Ayn Rands) betreiben oft eine Heroisierung von (Groß‑) Unternehmern unter den herrschenden Verhältnissen; und manch ein Libertärer folgt ihnen darin. Diese Heroisierung zeichnet vor allem ein Mangel an Analyse aus. Unternehmer operieren immer unter der Anpassung an die herrschenden Verhältnisse – und unter deren Ausnutzung. Ein Unternehmer, der Subventionen oder sonstige staatliche Vorteile materieller oder immaterieller Art erhalten kann, diese jedoch ablehnt, würde schnell vom Markt verschwinden, weil sein Konkurrent nicht zögern wird, die Hilfe der Staatsgewalt in Anspruch zu nehmen. Die Unternehmen, die bleiben und prosperieren, werden auf diese Weise unweigerlich zu Staatskapitalisten. In ihrem Roman „Atlas Shrugged“ (deutsch: „Der Streik“) von 1957 hat Ayn Rand diesen Vorgang der Umwandlung von Unternehmen in staatskapitalistische Betriebe mit beißender und überzeugender Ironie dargestellt, aber in ihrem politischen Übermut meist vergessen.

Die Kritik von Bernard Udau am Markt und an dem libertären Slogan, der Markt sei die Lösung aller Probleme, veranlasst dazu, die Argumente für den Markt zu schärfen. Aber meines Erachtens enthalten sie keinen stichhaltigen Einwand gegen die Theorie, dass Freiwilligkeit besser sei als die Knute der (Staats‑) Gewalt.

Bernard Udau: „Es kann auch antifreiheitlich sein, dem Markt zu vertrauen“


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