07. Januar 2020

Hintergründe zum Konflikt zwischen den USA und dem Iran Sehr am Kopf versehrte Massenmärchenmedien, eure kranke Kriegshetze wird langweilig

Die gegenwärtige Situation im Nahen Osten wurde schon vor mehr als zehn Jahren angekündigt

von Axel B.C. Krauss

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Bildquelle: ziizooart / Shutterstock.com Keineswegs „irrlichternd“: Donald Trump und der Iran

Mal ehrlich: Irgendwann, sollte man meinen, müsste doch selbst dem unbedarftesten, indifferentesten und desinteressiertesten Zeitinsassen auffallen, dass an dem Bild, das die einschlägig bekannte Wahrheitspresse nun zum x-ten Male von den derzeit – wieder einmal – keineswegs „unkalkulierbar“, sondern bewusst aufgekochten Spannungen in der „zentraleurasischen Region“ mit ihren demagogischen Fingerfarben zusammenschmiert, irgendetwas einfach nicht stimmen kann.

Jedenfalls bläst man – wieder einmal (ich schlaf gleich ein) – die Kriegstrompete ohne Rücksicht auf Verluste, klittert in ebenfalls sattsam gewohnter Manier (Vor‑) Geschichte, schraubt fleißig an den Fakten, wie das pathologische Postfaktizisten ja nun mal leidenschaftlich gerne tun, und verbreitet Fake News. Ich werde auf das beschämende Treiben gar nicht näher eingehen, indem ich die üblichen Verdächtigen von „Zeit“ bis „Welt“ zitiere, zumal Fake News ja nicht dadurch wahrer werden, dass man sie endlos wiederholt, sondern möchte dem nur eine Handvoll Informationen gegenüberstellen, um das infantile und imbezile Bild, das nun wieder von den unleugbar Guten herumposaunt wird, in ein etwas angemesseneres Licht zu rücken. Einige dieser Informationen hatte ich schon öfter präsentiert, andere hingegen dürften für manche Leser sicher neu sein. Unglücklicherweise, denn wie gesagt: Sie haben mehr als zehn Jahre auf dem Buckel, wurden von den Massenmärchenmedien bislang aber (natürlich) nie aufgegriffen.

Vor allem angesichts der Entwicklung im Irak dürfte folgender Auszug aus dem Protokoll einer US-Senatsanhörung von Interesse sein. Ich hatte in meinem 2015 erschienenen Buch „Die Welt auf Kriegskurs“, das ich nicht umsonst so genannt hatte, daraus zitiert. Ja, es ist schon erstaunlich, dass bereits im Jahre 2007 (!) das, was vor ein paar Tagen im Irak passierte – inklusive des darauf Folgenden – ziemlich präzise angekündigt wurde: „Sollten die Vereinigten Staaten fortfahren, sich auf ein langwieriges Engagement im Irak einzulassen, wäre die Endstation dieser Talfahrt ein Konflikt mit dem Iran und mit einem großen Teil der islamischen Welt. Ein plausibles Szenario für eine militärische Auseinandersetzung mit dem Iran beinhaltet ein Versagen im Irak und ein Verfehlen der dortigen Ziele, gefolgt von Anschuldigungen, der Iran sei für dieses Scheitern verantwortlich; dann von irgendeiner Provokation im Irak oder einem Terrorangriff in den USA, den man dem Iran in die Schuhe schieben wird, kulminierend in einer ‚defensiven‘ US-Militäraktion gegen den Iran, durch die ein einsames Amerika in einem sich ausweitenden und vertiefenden Morast versinken würde, der sich schlussendlich durch den Irak, Iran, Afghanistan und Pakistan ziehen wird. Ein mystisches historisches Narrativ zur Rechtfertigung eines solchen langwierigen und potentiell ausgedehnten Krieges wird bereits formuliert. Ursprünglich gerechtfertigt durch Falschbehauptungen über die Existenz von Massenvernichtungswaffen, wird der Krieg nun umdefiniert zu dem ‚entschlossenen ideologischen Kampf‘ unserer Zeit schlechthin, der an die Zusammenstöße mit dem Nazismus und Stalinismus erinnere. In diesem Kontext werden der islamistische Extremismus und al-Qaida als Entsprechung zur Bedrohung durch Nazi-Deutschland und dann die Sowjetunion präsentiert, 9/11 als Entsprechung zum Angriff auf Pearl Harbor, der Amerikas Eintritt in den Zweiten Weltkrieg herbeiführte. Dieses simplizistische und demagogische Narrativ übersieht die Tatsache, dass der Nazismus auf der militärischen Stärke des industriell am weitesten fortgeschrittenen europäischen Staates basierte und der Stalinismus fähig war, nicht nur die Ressourcen der siegreichen und militärisch mächtigen Sowjetunion zu mobilisieren, sondern auch weltweite Anziehungskraft über die marxistische Doktrin ausübte. Im Gegensatz dazu akzeptieren die meisten Muslime den islamischen Fundamentalismus nicht; al-Qaida ist eine isolierte fundamentalistisch-islamistische Irrung; die meisten Iraker sind wütend über die amerikanische Besetzung des Irak, die den irakischen Staat zerstörte; während der Iran – auch wenn er regional einflussreicher wird, selber politisch geteilt sowie ökonomisch und militärisch schwach ist. Zu argumentieren, Amerika befinde sich in der Region bereits im Krieg mit einer größeren islamischen Bedrohung, deren Epizentrum der Iran sei, läuft darauf hinaus, eine sich selbst erfüllende Prophezeiung zu verbreiten.“ (Zbigniew Brzeziński, US-Senatsanhörung, 1. Februar 2007).

Zur „Unterfütterung“ werde ich abschließend aus einem Interview zitieren (auszugsweise), das die Journalistin Amy Goodman von „Democracy Now“ ebenfalls im Jahre 2007 mit einem US-General namens Wesley Clark führte. Wünsche viel Erkenntnisgewinn: „Clark: ‚Ich sagte: ‚Werden wir immer noch Krieg im Irak führen?‘, und er antwortete: ‚Oh, es ist viel schlimmer als das.‘ Er beugte sich über seinen Tisch und nahm ein Papier in die Hand. Und er sagte: ‚Ich habe das hier von oben hereingereicht bekommen‘ – er meinte damit das Büro des Verteidigungsministers – ‚und zwar heute‘. Dann sagte er: ‚Dies ist ein Memo, das beschreibt, wie wir sieben Länder in fünf Jahren ausschalten werden, beginnend mit dem Irak, dann Syrien, den Libanon, Libyen, Somalia, den Sudan, und dann erledigen wir den Iran.‘ Ich fragte: ‚Unterliegt es der Geheimhaltung?‘, er antwortete: ‚Ja, Sir.‘ Ich sagte: ‚Nun, dann zeigen Sie es mir nicht.‘ Ich sah ihn vor ungefähr einem Jahr noch mal, und er sagte: ‚Erinnern Sie sich daran?‘ Er sagte: ‚Sir, ich habe Ihnen dieses Memo nicht gezeigt. Sie haben es nicht von mir gezeigt bekommen!‘‘ A. Goodman: ‚Verzeihung, wie lautete sein Name noch mal?‘ W. Clark: ‚Ich werde Ihnen seinen Namen nicht geben.‘ A. Goodman: ‚Okay, dann gehen Sie noch mal die Länder durch.‘ W. Clark: ‚Nun, es startet mit dem Irak, dann Syrien und der Libanon, dann Libyen, Somalia, der Sudan und dann der Iran. Wenn Sie sich den Iran anschauen, sagen Sie: ‚Ist das eine Wiederholung?‘ Eine exakte Wiederholung ist es nicht. Aber das ist die Wahrheit: Der Iran hat von Anfang an die Präsenz der Vereinigten Staaten im Irak als Bedrohung gesehen – andererseits als Segen, weil wir Saddam Hussein und seine Baathisten beseitigt haben. Mit denen kamen sie nicht klar. Wir haben uns um die gekümmert. Aber eben auch als Bedrohung, weil sie wussten, dass sie als Nächstes auf der Liste stehen. Und so haben sie sich beteiligt. Sie haben eine Million Menschen während des Krieges mit dem Irak verloren, und sie haben eine lange Grenze, die nicht zu schützen und nicht zu sichern ist. Also lag es in ihrem vitalen Interesse, im Irak massiv involviert zu sein. Sie tolerierten unsere Angriffe auf die Baathisten. Sie waren glücklich, dass wir Saddam Hussein erwischten.‘ – ‚Wenn Sie der Iran wären, würden Sie wahrscheinlich glauben, dass Sie sich eh längst im Krieg mit den Vereinigten Staaten befänden, da wir ja behauptet hatten, Ihre Regierung benötige einen Regimewechsel, und den Kongress darum baten, dafür 75 Millionen Dollar zur Verfügung zu stellen, außerdem unterstützen wir offensichtlich terroristische Gruppierungen, die sowohl den Irak als auch den Iran infiltrieren und dort Sachen in die Luft jagen. Und wenn wir es nicht tun, naja, lassen Sie es mich so formulieren: Wir wissen wahrscheinlich darum und ermutigen dazu. Es ist also nicht überraschend, dass wir uns auf einen Punkt zubewegen, an dem es zum Konflikt und zur Krise mit dem Iran kommt.‘“

Wie gesagt: Obige Informationen erschienen bereits 2007. Von einer „neuen“ Entwicklung, die allein auf der vermeintlichen „Unkalkulierbarkeit“ des derzeitigen Präsidentendarstellers beruhe beziehungsweise auf dessen – vermeintlich – „irrlichterndes“ Verhalten zurückgehe, kann nicht die Rede sein.


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