06. Januar 2020

„Fidelio“, die Französische Revolution und die Politisierung der Künste Die introspektiven Kenner der Niedertracht

Wo ist die Dekonstruktion von rechts?

von Michael Klonovsky

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Bildquelle: shutterstock Zeitkritik zum gepflegten Abschalten: „Fidelio“

Wohin gehen Sie normalerweise, geschätzte Damen und Herrinnen, um gepflegt abzuschalten? Klar, zu Beethovens „Fidelio“. Speziell die beiden Solonummern des Liebespaares sind ohne ein gepflegtes Abschalten gemeinhin nicht aushaltbar, sofern nicht allererstklassiges Personal engagiert wurde. Mit der menschlichen Stimme hatte es Ludwig van eben nicht so.

Eine Kulturredakteurin von „Focus Online“ meint aber etwas anderes. Zum Auftakt des Beethoven-Jubiläumsjahrs an der Bonner Oper mit des Jubilars einziger Nummer dieses Genres schreibt die kundige Maid: „Wer aber glaubte, auf einem der rund 1.000 Plätze zu Beethovens großer Musik gepflegt abschalten zu können, hatte sich gründlich geschnitten.“ Weil Waltraud Meier und Jonas Kaufmann...? Nein, weil die Regie die Kerker-Oper des Bonners gegen die „kommode Diktatur“ (so in ähnlichem Kontext bekanntlich Günter Grass) von Recep dem Prächtigen in Szene setzte.

„Auch Beethovens ‚Fidelio‘ war bei der Uraufführung 1814 ein Stück Zeitkritik“, belehrt uns das nämliche Portal für die gebildeten Stände: „Im Hochsicherheitsgefängnis eines autokratischen Staates erschleicht sich die als Fidelio verkleidete Leonore das Vertrauen des Kerkermeisters Rocco, um ihren Mann Florestan zu befreien. Dafür wäre sie bereit, sich gegen das Unrechtsregime zu wenden.“ Zumindest ein kritisches Stück weit.

Damit wären wir für heute auch schon am Ende mit den Künsten und wenden uns, auf den Pfaden der Bonner Inszenierung wandelnd, stattdessen ihrer Politisierung zu. Das Vorbild von Beethovens Leonore war eine Madame de Tourraine, die auf diese Weise ihren Gatten, einen Royalisten, aus den Fängen der Jakobiner befreit hat (oder es versuchte). Der Komponist nahm also eine reale, aber irgendwie „rechte“ Befreiungstat zum Vorbild, um sie in eine fiktionale „linke“ umzufälschen und sodann oratorisch-menschheitsmeinend aufzupeppen. Ähnlich verfuhr beispielsweise auch der Pariser Theaterautor Victorien Sardou, der sein Stück „La Tosca“, die Vorlage für Puccinis Oper, nicht etwa in der Schreckenszeit seiner Heimatstadt handeln ließ, sondern eine kurze Periode des weißen Terrors mit Rom als Austragungsort wählte. Und so läuft es immerdar, bis zum heutigen Regietheater: Immer stehen die Rechten, die Nazis, die Reaktionäre am Pranger. Alle kennen Franco und Himmler, niemand Jeschow und Jagoda. Und die Französische Revolution nennt sich heute „die Große“, aber nicht wegen des größten jemals in Europa vor speisendem Publikum zelebrierten Massenmords vermittels der sinnreichen Erfindung des Herrn Guillotin – und des noch weit größeren Völkermords in der Vendée –‍, sondern weil damals jene Ideen mit mörderischer Entschlossenheit die Bühne betraten, die man die „modernen“ nennt und die bis heute herrschen. Und was herrscht, feiert sich und schmäht die Überwundenen. Damals begann die große linke Weltanbrennung, zu deren Folgen eine Geschichtsfälschung gehört, die bis heute die Gehirne und Seelen beherrscht und deren Fundamente die niedrigsten Triebe und Beweggründe sind, die sich denken lassen.

Blicken wir also zurück auf jenes Ereignis, das der Geschichte des Westens eine neue Richtung wies. Am Beginn stand die Hinrichtung des Königs als Repräsentant des Alten, Hinfälligen, Zu-Überwindenden. Wie sahen sie aus, die führenden Vertreter der beiden Seiten?

Ludwig XVI. war ein kultivierter Mensch, er las viel, vor allem die Philosophen, interessierte sich für Geographie, Geschichte und Seefahrt, wies seine Kapitäne an, in der Neuen Welt kein Blut zu vergießen, sprach oder verstand Englisch, Spanisch und (wohl seiner Gemahlin wegen) Deutsch. Er verabscheute Gewalt und schaffte die Folter ab. Unter seiner Herrschaft gab es kein politisches Todesurteil. Gegen ihn gerichtete politische Schriften ließ er aufkaufen; keinem ihrer Verbreiter wurde ein Haar gekrümmt. Ludwig schuf öffentlich finanzierte Arbeitsplätze für Notleidende. Von allen Bourbonenköniginnen war er der friedfertigste und umgänglichste. Im Gegensatz zu seinen beiden berühmten Vorgängern unterhielt Ludwig XVI. keine Mätressen, weil sein Geschlechtstrieb wenig ausgeprägt war (er litt unter einer Phimose; seine Frau Marie-Antoinette war weniger zurückhaltend, was man einer jungen Maid auch nicht verdenken kann).

Man muss sich die Biographien der Revolutionäre anschauen und mit jener des Königs vergleichen, eingerechnet die Tatsache, dass diese Figuren zuletzt politische Massenmörder beziehungsweise Wegbereiter zum Mord wurden. Marat: erfolgloser Schriftsteller, körperlich entstellt, kleinwüchsig, ein notorischer Lügner, Dieb, Einbrecher, pathologischer Hetzer. Saint-Just: erfolgloser Schriftsteller, Plagiator, Betrüger, Hochstapler, rhetorischer Todesengel (aber immerhin genial). Robespierre: erfolgloser Schriftsteller von monströser Blasiertheit (er verglich sich mit Homer und Vergil), mittelmäßiger Anwalt, Monarchielobredner, solange er sich Vorteile davon erhoffte, frigide, erotisch jungfräulich, ein aristokratiehassender Puderperückenträger und Zwangscharakter von Eiseskälte. Desmoulins: erfolgloser Anwalt, Tagedieb, Bordellgänger, Heiratsschwindler. Hébert: erfolgloser Autor, Betrüger, Dieb. Mirabeau: Spieler, Plagiator, Lustmolch bis zum Inzest mit der Schwester, Frauenschläger, Dieb, Betrüger, wegen Entführung in Abwesenheit zum Tode verurteilt, und so weiter und so fort. Wer in linken Biographien weiterforscht, von Marx über Stalin und Goebbels bis hinunter zu Maas und Ströbele, stößt immer wieder auf den Typus Nichtsnutz (nichts gegen Nichtsnutze übrigens, solange sie andere in Ruhe lassen!), den Typus Schmarotzer, Absahner, Schwätzer, Theorienaufsteller, im bürgerlichen Leben erfolglos, zu keiner nutzbringenden Tätigkeit fähig, in die Politik oder in die Agitprop-Industrie desertierend, das Geld der anderen fordernd, vergeudend und verteilend, zu jeder Denunziation und Anmaßung bereit. Und dieser Menschenschlag beherrscht seit den Jakobinern und mit heute etwas sublimierten Jakobiner-Methoden (sie würden gern anders!) die öffentliche Meinung und einen Großteil der öffentlichen Geldströme in den westlichen Gesellschaften. Marat heißt heute Restle oder Prantl, Saint-Just ist vergartenzwergt zu Stegner oder Kahrs, die Robespierre-Planstelle ist derzeit unbesetzt (zumindest hierzulande, könnte sein, dass Alexandria Ocasio-Cortez sie eines Tages zu besetzen hofft).

Zurück zu Ludwig XVI., der nach der Verhaftung niemals über sein Schicksal klagte und mit bewundernswerter Souveränität in den Tod ging (und auch in gewissem Sinne ein Nichtsnutz war, wenngleich kein so widerwärtiger wie seine Mörder; nein, ich wünsche das Ancien Régime nicht zurück). Der Monarch war das wahrscheinlich erste prominente Opfer des modernen Journalismus. Die von Kreaturen wie Marat und Hébert repräsentierte „kritische“ Presse verteufelte den König und seine Frau auf eine Weise, die zartere Gemüter heute noch sprachlos macht. Da Ludwig nicht der Schlankeste war, karikierte man ihn bevorzugt als Schwein, und da Marie-Antoinette ihn betrog, erhielt das Schwein obendrein Hörner. Der „Courrier français“ zitierte im August 1792 genüsslich aus einem Pamphlet namens „Le Royal Veto“, in dem der König folgendermaßen beschrieben wurde: „Dieses Tier läuft auf den Hinterbeinen wie ein Mensch.“ – „Es hat sehr wenig Haupthaar, und sein Schrei ähnelt dem Grunzen eines Schweines. Es hat keinen Schwanz. Es ist von Natur aus gefräßig. Es leidet an Trunksucht und trinkt von morgens bis abends. Es ist zwischen 34 und 36 Jahre alt, in Versailles geboren und hört auf den Namen Ludwig XVI.“

Die Königin, die verhasste „Österreicherin“, wurde wiederum als lüsterne Wölfin, Hyäne oder Tigerin dargestellt, die ihren Gatten betrog und der man zuletzt sogar ein inzestuöses Verhältnis zu ihrem (weiland achtjährigen) Sohn unterstellte (den die Jakobiner nach der Enthauptung der Mutter im Gefängnis krepieren ließen). Marie-Antoinettes berühmtes Fake-Zitat, wenn das Volk kein Brot habe, möge es eben Kuchen essen, geht übrigens auf Jean-Jacques Rousseau zurück, auch er ein linker Charaktermülleimer par excellence. In Paris zirkulierende Pasquille trugen Titel wie „Der königliche Dildo“, „Das königliche Bordell“, „Die Liebschaften von Karlchen und Toinette“ und dergleichen lüsterne Schmähungen mehr. An der Spitze des Landes stand also eine Familie geiler Schweine.

„Die Presse verteufelte den König, den man später leicht unter dem Vorwand enthaupten konnte, er sei der Teufel“, notiert der Historiker Michel Onfray. „Die Journalisten töteten die Königsfamilie, indem sie die Arbeit der Henker vorbereiteten.“ Als der Monarch tatsächlich enthauptet worden war, schlug ein „Bürger“ vor – malen Sie sich eine Art Böhmermann aus –‍, den 21. Januar zum republikanischen Feiertag zu erheben, an dem jeder Familienvater einen Schweinskopf auf den Tisch bringen möge, „in Erinnerung an den glücklichen Tag“, an dem der Kopf des königlichen Schweines rollte.

Den introspektiven Kennern der Niedertracht bereitete es wenig Mühe, sie anderen zu unterstellen. Deren einer war auch Choderlos de Laclos, dessen Briefroman „Les Liaisons dangereuses“ zu einem Bestseller mit Folgen avancierte. Im Zentrum steht die intrigante Marquise de Merteuil, eines der großen Scheusale der Literatur. Davon abgesehen, dass die „Gefährlichen Liebschaften“, wie der Titel auf Deutsch heißt, große Literatur sind, waren sie auch Manipulation in höchster Vollendung. Laclos, der vor der Revolution dem Herzog von Orléans als Privatsekretär diente, war ein Kenner des Milieus, in dem sein – gleichwohl erfundener – Roman spielte, und er lieferte sozusagen als ein verfrühter (und literarisch begabter) Claas Relotius fiktives Belastungsmaterial für den Prozess, den die Jakobiner später dem Ancien Régime bereiten sollten. Dass er als Redenschreiber Robespierres und Offizier in deren Dienst trat, war folgerichtig. Laclos eröffnete den Weg des literarischen Klassenkampfes vermittels moralischer Denunziation der Gegenseite unter Zuhilfenahme negativ überzeichneter Charaktere, die er als zutiefst verderbt, niederträchtig und beseitigenswert vorführte, und viele folgten ihm nach; ich nenne als Zeiten und Kontinente überspannende Partes pro toto nur Heinrich Mann und Ta-Nehisi Coates.

All das harrt einer gründlichen Dekonstruktion von rechts. Aber wer steigt schon gern in eine Kloake?

„Focus Online“: „Der Bonner Auftakt zum Beethoven-Jahr wird zur Abrechnung mit Erdogan“

Dieser Artikel erschien zuerst auf „Acta diurna“.


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